Berlin Diary: Das bittersüße Heimkommen

27. Mai 2020 von in

Gerade sitze ich am Esstisch eines Wohnzimmers, in dem ich die ersten achtzehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Jede Ecke erinnert mich bittersüß an eine vergangene Zeit. Hier habe ich krabbeln und gehen gelernt. Auf diesem gefließten Boden lag früher ein Teppich, damit wir Kinder keine kalten Füße bekamen. Dort saß ich und verlor gegen meinen Papa bei Mühle. Da drüben unter der Holztreppe baute ich mir eine Höhle. Wie wahrscheinlich jedes andere Kind liebte ich es, Höhlen zu bauen. Heute lässt mich der Geruch des Treppenhauses sentimental werden. Überall verstecken sich Fragmente einer Zeit, die vergangen ist. Meine Kindheit und Jugend schwebt immer noch in der Luft und diese Luft lässt mich lethargisch werden. Eine Sentimentalität stellt sich ein, die irgendwie schön ist. Aber auch irgendwie grausam.

Eine Freundin von mir sagte mal, dass sich das Herz spaltet, je öfter man umzieht. Und dass es ab diesem Zeitpunkt kein Heimkommen mehr gibt, denn diese „Heimat“ ist plötzlich kein einziger Ort mehr, sondern viele. Wer ein Zuhause besucht, verlässt immer ein anderes. Plötzlich hat alles eine Kehrseite.

Es ist merkwürdig. Immer wenn ich meinen Kindheitsort besuche, stellt sich dieses schwer greifbare Gefühl ein. Vieles ist gleich geblieben und diese Gleichheit zeigt, wie sehr ich mich verändert habe. Wie das Wohnzimmer, in dem ich sitze. Es ist noch in dem gleichen Haus, doch ich bin nicht mehr da. Die Endlichkeit der Dinge schwebt in der Luft und obwohl ich weiß, dass sie wichtig ist, kann diese Endlichkeit auch manchmal ein ganz schöner Pain in the Ass sein. Ich hätte niemals gedacht, dass über diesem kleinen Dorf hinaus jemals München ebenso ein Ort sein könnte.

Doch München – der Ort, der einst meine gesamte Identität einnahm – formiert sich langsam zu einer abstrakteren Vergangenheit. Zwar sind die Wunden des Verlassens noch frischer und die Erinnerungen jünger. Doch auch in München habe ich einst gewohnt, und nun nicht mehr.

Diese Orte leben von der Vergangenheit, statt der Gegenwart. Sie leben von Geschichten, die längst vergangen sind. Manchmal spaziere ich mehrere Stunden durch die Stadt, in der ich einst so bedingungslos gelebt habe. Sie fühlt sich dann an wie eine Kulisse, in der alles aufrecht erhalten wurde, doch die keine Selbstverständlichkeit mehr in mir auslöst. Als wäre ich aus der Seifenoper, die in dieser Kulisse gespielt hat, ausgetreten. Nur noch dabei, statt mittendrin.

Spätestens mit meinem Umzug nach Berlin hatte ich wirklich verstanden, wie es sich anfühlt, einen Ort wieder zu besuchen, den man verlassen hat. Aus Bewohnerin wird Besucherin. Meine Identität, die sich durch München geprägt hat, bleibt mir natürlich erhalten. Doch sie wird erweitert von einer neuen Stadt, einer neuen Selbstverständlichkeit, einem neuen Alltag und neuen Geschichten. Wenn ich in Berlin bin, vermisse ich München. Wenn ich in München bin, vermisse ich Berlin. Das Heimkommen ist – bei beiden Städten – bittersüß. Denn wer heimkommt, verlässt gleichzeitig etwas. Die, die ihren Wohnort verlassen haben, fügen sich bei der Rückkehr nur noch ein. Sie gestalten nicht mehr mit.

Aber doch irgendwie schön: Die lieben Menschen, die man besucht, bleiben eben doch. Auch wenn man nicht mehr immer und überall dabei ist, so bleiben die Menschen. Die sind immer da. Veränderungen fühlen sich manchmal schwer an, doch sie lassen mich wachsen. Die neuen Prägungen sind andere, aber die alten, die bleiben. Am Ende fühle ich mich wie ein Bob-Ross-Gemälde. Ich denke manchmal, ein dicker Strich könnte alles zerstören. Doch dann entsteht etwas schönes, wenn auch ganz anderes. Das bittersüße Heimkommen.

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4 Antworten zu “Berlin Diary: Das bittersüße Heimkommen”

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