Berlin Diary: Über die Zeit, die keiner hat und das Versetzen

31. Januar 2019 von in

Neulich saß ich in einer Bar, die ich viel zu oft besuche. Schließlich könnte ich in Berlin für den Rest meines Lebens jede Woche eine andere Bar von mindestens der gleichen Qualität besuchen. Doch statt eines langwierigen Prozesses des Auslotens, welche Bar denn nun die meine sei, entschloss ich mich intuitiv für die „perfekte Bar“. Sie hat alles, was eine gute Bar braucht und bietet Vorteile für jede persönliche Präferenz. Mag sein, dass da die bayerischen, bodenständigen Wurzeln aus mir sprechen, die mich nach meinem Umzug innerhalb kürzester Zeit mit gewissen Menschen sowie Lokalitäten ohne mit der Wimper zu zucken verwachsen ließen.

„Nie hat sie Zeit“

Jedenfalls saß ich dort mit einer Freundin am Tresen und bestellte mir einen Negroni, als uns dieser „alte Bekannte“ mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegen kam. Dieser „alte Bekannte“, den man viel zu lange nicht mehr gesehen hat und den man immer wieder mit einem Kaffee ganz bald vertröstet, den man natürlich nie trinken wird. Der ehemalige Kommilitone meiner Freundin sah mich nach einem überschaubaren und doch freundlichen Gespräch an: „Du hast so ein Glück, dass du dich einfach mit ihr treffen darfst! Nie hat sie Zeit. Fühl dich geehrt!“, wir verabschiedeten uns und er widmete sich wenige Tische weiter wieder seinem Tinder Date. „So schlimm bin ich auch wieder nicht“, murmelte meine Freunden entrüstet vor sich hin und überschlug wahrscheinlich gerade gleichzeitig, wie oft sie diesen alten Bekannten bereits versetzt hatte. Ihr schlechtes Gewissen setzte ein, doch damit war sie in Berlin sicherlich nicht die Einzige.

 

Berlin ist die Stadt des Versetzens und Aufschiebens, und kein Mensch ist vor den vagen Verabredungen und unsicheren bald-aber-wirklich sicher. Wie ein Sog zog mich die Stadt mit ihren Floskeln wie: „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ in ihren Bann. Als terminfreundliche Person versuchte ich mich lange, dagegen zu wehren. Schließlich bekomme ich Schweißausbrüche, sobald ich nur drei Minuten zu spät bin.

 

Doch spätestens, als ich mal eine Apfelschorle in einem dieser eleganten, aber nicht spießigen Lunch-Kaffeehäuser in Berlin exte, weil ich gerade zum allerersten Mal in meinem Leben versetzt worden war, wechselte ich auf die dunkle Seite der schwammigen Verabredungen. Eine Dreiviertelstunde nippte ich an meiner Schorle, um nicht schon allein in der Wartezeit vor dem eigentlichen Lunch sechs Euro ausgegeben zu haben. Doch die Nachricht: „Sorry! Ich dachte wir sehen uns erst morgen!“, rüttelte mich wach.

Enttäuscht spülte ich meine meine Prinzipien der verlässlichen Verabredungen gemeinsam mit dem halbleer gefüllten Glas Apfelschorle hinunter, denn dieser Moment war definitiv ein halbleeres-Glas-Moment. Eine Tragödie. Meine drei Euro inklusive Trinkgeld legte ich unauffällig auf den Tisch, den ich in der Essenstoßszeit schon viel zu lange besetzte und machte das, was jeder erwachsene Mensch in einer Situation wie dieser tun würde: abhauen.

Wieso ist es in Berlin so schwer, eine Verabredung wahrzunehmen? 

Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, wieso es in Berlin so schwer war, eine Verabredung wahrzunehmen. In einer Stadt, in der man sich zum frühen Abendessen mit Person 1 verabredet und zum späteren Abend mit Person 2, sind irgendwie alle ganz schön gehetzt. Und auch ich bin nicht mehr davor gefeit, Verabredungen um 45 Minuten zu verschieben, weil ja noch diesdasundjenes. Die Floskeln haben sich in meinen Wortschatz eingebrannt und hänge sie nur mit viel Konzentration nicht hinter ein klassisches „Tschüß“, oder auch manchmal „Ciao“ an, das ja ehrlicherweise reichen würde. Nein. Jetzt schleicht sich da ab und zu ein bald-aber-wirklich ein oder ein wir-müssen-bald-mal ein!

Kein Wunder, schließlich gibt es hier viele tolle Menschen und Möglichkeiten, sodass es fast autarke Fähigkeiten braucht, um sich den bereichernden Angeboten und Menschen zu entziehen. Doch irgendein weiser Mensch hat sicherlich mal gesagt, dass mehr Angebot nicht unbedingt mehr Freude bedeutet: Es heißt schließlich Quality Time und nicht Quantity Time.

Und plötzlich verstand ich, wovon der alte Bekannte meiner Freundin sprach. Hier tummeln sich so viele Menschen, die Potential für eine Freundschaft hätten oder eine Beziehung, doch irgendwann muss man sich entscheiden, um sich den Menschen aufmerksam (!) widmen zu können, die gerade da sind. Und sobald sich eine Person in dieser großen, vielfältigen Stadt, für dich entschieden hat, ist das eine ganz schöne Ehre.

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2 Antworten zu “Berlin Diary: Über die Zeit, die keiner hat und das Versetzen”

  1. I feel you, der unverbindliche Umgang anderer mit meiner Zeit (die ebenso knapp und endlich ist) stört mich auch.

    Aber weisst du was? Kaum gehts dir mal schlecht, oder nur potentiell etwas weniger sonnig, z.B. wegen temporärer und eigentlich fröhlicher Arbeitslosigkeit, sind die Leute plötzlich weg und damit auch dieses Problem… Ich jedenfalls hab die Situation dann mal zum „Bekannte ausmisten“ genutzt und verbringe meine wertvolle Zeit jetzt mit Leuten, die es wert sind :-)

  2. I feel you…
    Wie heißt denn deine oben genannte „perfekte Bar“ im wahren Leben? Bin grad auf der Suche nach Bar-Tipps, lasse mich nämlich so ungern auf neues ein…Aber die hörte sich wirklich verlockend an!

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