Berlin Diary: Mein Umzug in Berlin und der innere Zwiespalt

23. Oktober 2020 von in

Seit zweieinhalb Jahren lebe ich nun schon in Berlin. Zweieinhalb Jahre, die sich anfühlen wie immer und zugleich wie eine Woche. Nach einer recht spontanen und überstürzten Ankunft hatte ich in den letzten Jahren genug Zeit, mich neu zurecht zu finden. Zwar fühle ich mich immer noch hier wie am Anfang und inmitten eines Prozesses, aber ich vermute, dieses Gefühl wird für immer bleiben. Ich hoffe es. So richtig ankommen möchte ich nicht, doch vorankommen und mich weiterentwickeln, das will ich unbedingt. Ein paar Sachen habe ich doch immerhin schon über mich gelernt. Wie ich in Berlin leben will, wo ich leben will, von was ich umgeben sein will, was mir wichtig ist.

Die Prioritäten haben sich, verglichen zu meiner Zeit in München, verschoben. In München wollte ich rebellieren und mich gegen die strikteren Regeln der bayerischen Hauptstadt so gut es geht auflehnen. Ich wollte an pulsierenden Orten leben. Doch in mir steckt eine Dorftante, die schnell mal von der Stadt überfordert ist und ihre Ruhe braucht. Gerade in einer lauten Stadt wie Berlin meldet sich diese Dorftante immer häufiger zu Wort. Nach zweieinhalb Jahren voller lauter Sirenen und vollgestopften Gehwegen, sehne ich mich nach etwas mehr Ruhe. Nach einem Ort, an dem ich auftanken kann, nachdem ich meine Liebe zur Stadt ausgelebt habe. Einen Ort, an den ich zurückkommen kann. An dem man vielleicht mal ein bisschen Vogelgezwitscher hört oder das Rauschen der Blätter im Oktober, die kurz davor sind, sich für den Winter über zu verabschieden. Wo man durchatmen kann und mir die Stille die Energie zurückgibt, die ich den Tag über abgegeben habe. Diesen Ort habe ich nun gefunden. Nicht weit draußen, aber auch nicht mehr mitten drinnen. Halt nur dabei statt mittendrin.

Ab Mitte November lebe ich in Berlin also in einem anderen Extrem. Einer unaufgeregten Ruheoase, in der gemütliche Langeweile herrscht. Dort werde ich dann auf dem neuen Balkon sitzen, den neuen Ausblick genießen, den Vögeln beim schnattern zuhören, meinen Kaffee trinken, und die letzten Sonnenstrahlen auf mein Gesicht fallen lassen, bevor sich die graue Winter-Decke über Berlin zieht, die bis zum Frühjahr nicht mehr verschwinden wird. Wenn alle Renovierungsmaßnahmen abgeschlossen sind, die Möbel umgezogen und die neue Wohnung eingerichtet, wird in einem neuen Zuhause ein ruhiger Winter anbrechen.

Eine Sache von vielen, die ich in Berlin gelernt habe: Wie cool ist bitte Ruhe?

Wenn ich versuche, mir meine Wünsche für die Zukunft zu manifestieren, gerate ich schnell in eine Bredouille. Ich will raus in die Natur und ich will rein in die Stadt zugleich. Bin ich für eine Woche in der Natur, sehne mich nach der Stadt. Bin ich eine Woche in der Stadt, will ich in die Natur. Aber ich bin ein Stadtkind. Wie komme ich auf die Idee, aufs Land zu ziehen? So ein Blödsinn. Und das ist wahrscheinlich auch eine blödsinnige Idee, aufs Land ziehen zu wollen. Denn ich will doch gar nicht aufs Land. Ich liebe doch Cafés in der Nähe und Restaurants. Ich will japanisch und chinesisch essen gehen, ich will zeitgenössische Museen besuchen, ich will Kinos in der Nähe, die Filme in OV zeigen. Das alles geht einfacher in der Stadt. Die Inspiration, die mir eine Stadt gibt, finde ich nicht auf dem Land. Die Inspiration, die mir das Land gibt, finde ich nicht in der Stadt. Meine Gedanken sind ein ewiges Hin- und Her.

Mit dem bevorstehenden Umzug habe ich aber zum ersten Mal seit meinem jahrelangen Zwiespalt das Gefühl, einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben. Einen bewussten Schritt. Er ist nicht zufällig geschehen, sondern ich habe ein Jahr lang genau diesen Ort gesucht, an dem wir bald leben werden. Das neue Zuhause scheint der perfekte Spagat zwischen Ruhe, Natur und Stadt zu sein. Vielleicht ist er jetzt gelöst, der innere Zwiespalt in mir. PS: Es ist übrigens ein ganz anderes Viertel geworden, als ich dachte.

 

 

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13 Antworten zu “Berlin Diary: Mein Umzug in Berlin und der innere Zwiespalt”

  1. Kann ich gut nachvollziehen. Hab in München schon immer am Stadtrand gewohnt, damals eher aus finanziellen Gründen, und habe nun in Berlin auch nach einigen Jahren Südneukölln-Trubel die Ringbahn und die A100 überschritten und werde nun von Vogelgezwitscher und bunten Blättern aufgeweckt. Es fühlt sich auf eine Art an wie Nachhausekommen. Einmal Vorstadtpflanze, immer Vorstadtpflanze nehme ich an ;)

    • Was schreibt ich denn für einen Blödsinn, meinte natürlich Nordneukölln :D

      Aber ja, würde auch auf Tempelhof tippen oder Treptow/Plänterwald/Baumschulenweg oder Britz. Habe selber in den letzten Jahren auch viel über das Optimierungsproblem aus maximale Ruhe und Grünflächen und minimaler Radlstrecke zum nächsten Hipsterkiez nachgegrübelt ;)

  2. Ich rate mal wild drauflos: Tempelhof?:) Mein Freund und ich waren sehr glücklich, bei unserem 1-Jahr-Berlin-Experiment dort gelandet zu sein. Angenehm ruhige und sichere Lage mit hübschen Kleingärten drumrum, Tempelhofer Feld und Viktoriapark in Laufnähe, und dabei der Bergmannkiez und Neukölln nur 10 Autominuten entfernt :). Zur Straßenseite hin Fernsehturmblick, zur Rückseite hin offener Blick ins Grüne Richtung Bahnhof Südkreuz. Für uns war’s die perfekte Mischung. Schon mal alles Gute in der neuen Wohnung!:)

  3. @Michelle: Wir gingen zurück ins Rheinland. Aber ich bereue es keinesfalls, die Nase in unbekanntes Terrain gesteckt zu haben. Es klingt wie ein Klischee, aber lernt dadurch so viel, vor allem über sich selbst. Außerdem weiß ich meine alte Heimat nun mehr zu schätzen. Alles Gute in Kopenhagen!:)
    @Amelie: Dann bin ich mal echt gespannt, wo’s hingeht :)

  4. Dein Text kommt genau zur richtigen Zeit und fasst meine innerliche Zerissenheit, für die ich keine Worte finden konnte, perfekt zusammen!
    Danke, fühlt sich irgendwie gut an zu wissen, dass es nicht nur einem selbst so geht. Ich bin sehr gespannt wohin ihr nun zieht und freue mich mehr darüber zu lesen.

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