Berlin Diary: Vom schlechten Morgen, meinem Umzug ins neue Viertel & dem Teil-Lockdown

4. November 2020 von in

Vintage Burberry Blazer: Thanks to Renewery, Rest: Vintage 

Es ist Dienstag, 7 Uhr morgens und es regnet den dritten Tag in Folge. Gestern wurde der erste Teil-Lockdown beschlossen und die Wahlergebnisse in den USA rücken näher. Trump plant eine Wahlparty mit bis zu 400 Personen in einer Zeit, in der in jedem Land Personenbeschränkungen herrschen. Das arktische Meereis friert nicht zu und bedroht damit Tiere und den ganzen Planeten. Ein schrecklicher Anschlag in Wien. Let’s just say: Es ist nicht der beste Dienstagmorgen.

Meine Gedanken sind träge, mein Gemüt lustlos. Ich befinde mich gerade in der Ruhephase vor dem anstehenden Umzug und diese Ruhephase tut mir gerade gar nicht gut. Ruhen macht nämlich ziemlich wenig Spaß in einer Zeit, in der man nicht viel machen kann. Ausruhen von was? Der Teil-Lockdown kommt mir zwar gerade für den Umzug so positiv entgegen, wie nur möglich. Denn ich merke, dass ich, sobald ich gerade mal keine Küche installiere, keine Wohnung renoviere, oder Kisten packe, in ein kleines Loch falle, das gefüllt ist mit Fragen, Leere, Langeweile, Weltschmerz. Wer hätte gedacht, dass ein Umzug Spaß machen kann? Es braucht nur eine Pandemie, geschlossene Läden und Personenbeschränkungen um eine der unangenehmsten Arbeiten überhaupt wie ein Freudenspiel aussehen zu lassen. Mit Dankbarkeit nehme ich den Schlagbohrer in die Hand, schließe das Wasser für die Küche an, stecke Abwasserrohre ineinander, oder Streiche eine 90qm große Wohnung.

Ist doch gar kein Problem, quasi Hand-on-Mentality. Davon habe ich in der Vergangenheit recht wenig von gespürt. Ich hasse nämlich eigentlich Handarbeit, da habt ihr’s. Schon in der 3. Klasse hatte ich in Handarbeit nur eine 3. Vielleicht bin ich deshalb traumatisiert. Vielleicht hasse ich sie aber auch einfach ohne tiefergehenden Grund. Ich erinnere mich an das dünne Sägeblatt der Handsäge, mit der wir Kinder ein Stück Brett aussägen sollten. Sobald man die Säge etwas schräg hielt, riss das Sägeblatt. Es war frustrierend. Ständig ging dieses verdammte Blatt kaputt, und ich hinkte hinterher mit etwas, was ich von vornherein nicht machen wollte. Wir schnitzten damals einen Zier-Fisch. Der hängt übrigens bis heute halbfertig im Bad meiner Mama und erinnert mich an die tränenreiche Handarbeitszeit.

Auch daran muss ich denken, wenn ich über den Kleiderschrank nachdenke, den ich in wenigen Tagen auseinander bauen, in die neue Wohnung transportieren, und wieder zusammen bauen werde. Das sind eigentlich Tätigkeiten, die ich ablehne. Heute freue ich mich (fast) drauf. Es ist nämlich wahr: Dinge mit eigenen Händen zu erschaffen ist befriedigend. Jedes Mal, wenn ich unsere neue Küche betrete, die wir selbst organisiert und angeschlossen haben, fühle ich mich ihr nahe. Sicherheitshalber habe ich trotzdem eine Zusatzversicherung zur Hausratsversicherung abgeschlossen, man weiß ja nie. Ich muss nur an das gerissene Sägeblatt denken, um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

Schritt für Schritt fügt sich alles in der Wohnung, in der ich bald mein Leben leben werde. In der ich bald diese Texte hier schreiben werde, während an den alten Doppelfenster Regentropfen wettlaufen. Ich werde schlechte Morgen haben, so wie heute, ich werde gute Morgen haben, so wie vorgestern, ich werde zweifeln und ich werde glücklich sein. Ich werde Spazieren gehen, vielleicht neue Hobbies für mich entdecken, mich weiterhin verändern, so wie mich jede Wohnung, in der ich bisher gewohnt habe, verändert hat. Es ist die 6. Wohnung, in der ich wohnen werde, und rückblickend unterschied sich mein Leben in jeder Wohnung elementar voneinander. Ich hatte andere Sorgen, andere Menschen an meiner Seite, andere Dinge, auf die ich mich freute. Jeder Umzug ist eine Art Lebensabschnitt – und ich bin gespannt, inwiefern sich mein Leben in der neuen Wohnung ändern wird. Vielleicht verlinke ich diesen Artikel in drei Jahren und sage es euch (und mir selbst).

Meine Zukunft sieht rosig aus. Zumindest prophezeien mir das die Tarotkarten, die Jowa für mich am Wochenende legte. Drei Kelche symbolisierten meine Zukunft in der neuen Wohnung in Berlin. Sie stehen für das Glück das man im Zusammensein mit geliebten Menschen erfährt. Die Karte erinnert daran, die Erfüllung in der Gemeinschaft zu suchen und ruft dazu auf, die gemeinsame Gegenwart bewusst zu erleben. Ich liebe diese Karte, da sie gerade das liest, wonach ich mich sehne. Ich vermisse meine Freunde, Freundinnen, meine Familie, Bekannte und Menschengruppen um mich herum, die gemeinsam die Gegenwart genießen. Doch gleichzeitig erinnert mich die Karte auch daran, wie dankbar ich für meine engsten Personen um mich herum bin, die trotz Pandemie und Personenbeschränkung noch da sind. Mein Freund, meine Familie (wenn auch nur telefonisch), meine ältesten Freundinnen aus München, und meine engen Freundinnen in Berlin, die mir dieses Jahr schönstmöglich gemacht haben. Wenn ich an den Einzug in die Wohnung denke, die ich jetzt verlasse und an den Auszug, haben sich Welten in meinem Leben verschoben. Auch wenn ich mich auf das freue, was kommt, bin ich deshalb ganz schön emotional, wenn ich über die Wohnung nachdenke, die ich in wenigen Tagen verlasse. Sie hat mir viel Halt gegeben in diesem Jahr, sie hat meine Entwicklung beobachtet und so viel Glück und Freude mit erlebt. So viele Momente, für die ich dankbar bin.

Die Zeit kurz vor einem Umzug ist merkwürdig. Es ist, als würde sich eine Glaskuppel um einen stülpen. Alles, was um einen herum passiert, ist nicht wirklich real. Es ist schwierig, andere Gedanken zuzulassen. Gerade hänge ich zwischen den Stühlen, beziehungsweise zwischen den Wohnungen, und wie immer wenn man zwischen etwas ist, ist alles irgendwie schwer erkennbar. Es ist schwer zu sagen, wie ich mich fühle, schwer zu sagen, was ich will, schwer zu sagen, was ich brauche. Doch trotz meines schlechten Morgens, des Weltschmerzes, und der Menschen, die ich vermisse, bin ich positiv gestimmt. Wir ziehen schließlich in meine Traumwohnung nach Treptow, in der ich Vogelgezwitscher höre und von Natur umgeben bin. Besser geht’s gar nicht. Und das kann mir auch ein doofer Morgen nicht vermiesen.

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