Bleeding Love: Mysterium Monatsblutung

29. Juni 2020 von in

Jovana Reisinger arbeitet als Autorin und Filmemacherin. Ein übergreifendes Thema ist dabei der vermeintlich mangelhafte weibliche Körper und dessen Rollenzuschreibungen. In ihrer neuen VOGUE-Kolumne „Bleeding Love“ schreibt sie gegen die Mythen der Monatsblutung an und pocht darauf, Raum einzunehmen. In diesem Text beschreibt sie, wie ihr schon als Kind beigebracht wurde, sich für ihre Periode zu schämen und ihren Körper unter Kontrolle zu kriegen.
Dieser Text erschien zuerst auf Vogue.de

Mund auf, Schmerztabletten rein, den Körper in den Griff kriegen!

Ich wuchs in einer Zeit auf, in der es als völlig normal galt, Frauen, die gereizt, wütend, traurig, skeptisch, verletzt, in sich gekehrt, empfindlich und/oder aufgebracht waren, nach dem aktuellen Stand ihres Menstruationszyklus zu fragen. Schon Jahre vor meiner ersten Periode hörte ich den, optional auch als Frage formulierten, Satz „Du hast wohl deine Tage“ öfter, als ich mir bis heute einen Tampon eingeführt habe. Selbst als Kind, welches offensichtlich noch nie menstruierte, wurde mir so meine Unzufriedenheit oder Hemmungslosigkeit abgesprochen.

Jetzt könnte man glauben, das läge an dem bestimmten Ort, an dem ich aufwuchs, ein vielleicht besonders misogyner Landstrich. Doch der Satz / die Frage kam, egal ob wir in der Großstadt, in der dörflichen Einöde oder in der Kleinstadt lebten. Immer wieder empfanden es Männer und Frauen als logisch, eine Gemütsschwankung oder das plötzlich missratene Verhalten mit den „besonderen Tagen“ in Verbindung zu bringen. Und mir wurde bewusst: Alle sind genervt von der Menstruation. Und wer will schon nerven, also: lieber ruhig verhalten.

Denn bereits lange vor der ersten Blutung, der Menarche, fühlte es sich so an, als würde ich die völlige Verwahrlosung erwarten und hätte, leider, die Niete im Geschlechterlos gezogen. Im Gegenzug wollte ich mich bemühen, außerhalb dieser leider regelmäßigen Extremsituation, das Abziehbild des idealen Mädchens, der idealen Jugendlichen, der idealen Frau zu erfüllen: still, zurückhaltend, brav, kontrolliert höflich. Dabei ist das hier keine historische Nacherzählung – meine erste Periode ist gerade Mal siebzehneinhalb Jahre her. Und das war ein Fehler.

Nicht nur betrifft die periodisch wiederkehrende Blutung etwa 50 Prozent der Weltbevölkerung, sondern eine Cis-Frau blutet circa 500-mal in ihrem Leben. 500-mal Schmerztabletten nehmen und die Klappe halten? Und sich dann auch noch schämen, für einen komplexen körpereigenen Vorgang, der unser komplettes Nervensystem in Anspruch nimmt? Ja. Genau so, ich war stolz darauf, dass ich mich so lange daran hielt.

So wie meine Schulfreundinnen auch behalf ich mich mit den lustig und harmlos anmutenden Umschreibungen, den Codewörtern, die doch jeder entschlüsseln konnte: „Besuch von Tante Rosa“, „Erdbeerwochen“ oder „die rote Welle surfen“.

Dann kam einer meiner ersten festen Freunde, der mir ernsthaft und stolz versicherte: „Ein guter Kapitän sticht auch ins rote Meer“, und die ersten Zweifel setzten sich fest. Männer galten als mutig, wenn sie Sex mit einer menstruierenden Frau hatten, Frauen als eklig und dreckig. Es wurde über die Mädchen gelästert, die während ihrer Tage mit einem Typen schliefen, die Blutflecken im Schritt ihrer Jeans bekamen, die ihre Launen nicht im Griff hatten.

Meine Freundinnen und ich bemühten uns, die coolen Mädchen zu sein, die, die nicht jammerten und keine Frauenprobleme machten, und lästerten fleißig mit. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich mich ernstlich mit dem Zyklus, den eigenen Geschlechtsteilen, der eigenen Lust und dem Stigma auseinandersetzte. Wer weiß, ob es meine Schulfreundinnen von damals jemals taten. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, unverkrampft mit der Periode umzugehen. Die kuriosen Benimmregeln für Frauen gelten noch:

Erst vor Kurzem wurde die Emotionalität einer weinenden Freundin während einer Besprechung achselzuckend durch die Monatsblutung erklärt. So wurde dem Gesprächsleiter im Nachhinein versichert, ihre plötzlichen Ausfallerscheinungen, weinen, das Meeting verlassen, hatten nichts mit ihm oder dem Inhalt des Gesagten zu tun, sondern mit dem Besuch der alten Tante. Sie wurde nicht ernst genommen. Im Laufe der nächsten Tage erntete sie sowohl mitleidige als auch spöttische Blicke. So stand sie da, als eine Frau, die sich nicht im Griff hat. 2020 kann eine Frau also noch immer nicht in einer Besprechung heulen, ohne dass es um ihren Zyklus geht. Stattdessen sollten wir wohl ständig sanft lächeln. Über unsere Periode mehr lachen wäre mir allerdings recht. Es gibt so herrliche Geschichten und trauen wir uns erst, sie zu erzählen, merken wir, dass selbst die peinlichste Begebenheit uns nicht allein gehört, sondern wir sie mit anderen teilen.

Eine meiner persönlichen Lieblingsgeschichten markiert das Ende einer heißen Sommernacht. Ich war Anfang zwanzig, verliebt und betrunken. Vor dem Club sprangen wir auf unsere Räder, meins war pink und hatte einen weißen Sattel. Eigentlich wollten wir gleich los nach Hause wegen Sex, trafen dann aber noch Freunde und plauderten. Ich rutschte vom Sattel für den bequemeren Stand und mehr Stabilität und sah aus dem Augenwinkel, dass dieser blutrot war. Erst dachte ich, ich sehe wohl schlecht, dann erinnerte ich mich allerdings an meine Menstruation und fasste mir, war es nicht eh schon egal, von außen an den Schritt – die Hand war sofort vom Blut benetzt. Und alle haben es gesehen.

Ich hatte also nicht nur exzessiv gesoffen und mit dem Typen rumgemacht, sondern auch meine Unterhose durch- und meine Hose eingeblutet. Es war mir übrigens unmöglich, das Rad unbemerkt am helllichten Morgen im Innenhof zu putzen, da die Nachbarn bereits beim Frühstück saßen und in der Werkstatt gearbeitet wurde. Da galt es lieber gleich, die Heimlichtuerei aufzugeben und mit einigermaßen erhobenen Hauptes den Sattel vor versammelter Hausgemeinschaft zu reinigen. Das Blut ließ sich übrigens rückstandslos vom Leder entfernen.

Der Typ und ich verbrachten unseren Sommer zusammen.

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