Bleeding Love: Die kritischen Tage

7. September 2020 von in

Jovana Reisinger arbeitet als Autorin und Filmemacherin. Ein übergreifendes Thema ist dabei der vermeintlich mangelhafte weibliche Körper und dessen Rollenzuschreibungen. In ihrer neuen VOGUE-Kolumne „Bleeding Love“ schreibt sie gegen die Mythen der Monatsblutung an und pocht darauf, Raum einzunehmen. In diesem Text beschreibt sie, wie die Periode zur persönlichen Kleiderkrise führen kann und wie das Thema Menstruation in Film und TV behandelt wird. Dieser Text erschien zuerst auf Vogue.de

Letztens wurde ich von meiner Periode überrascht. Sie kündigte sich nicht an, sie stürmte einfach durch die Tür. Eine Woche zu früh! Wenigstens hat sie das PMS gleich mit übersprungen. Und sie kam netterweise morgens, quasi zum Frühstück. Dann stand ich da, vor meinem Kleiderschrank und war trostlos. Nicht nur mein Körper, sondern auch mein Kleidungsstil und ich machen einen Zyklus durch. Alle paar Wochen erscheint mir die dargebotene Auswahl extrem unsinnig und ich frage mich ungläubig, warum selbst meine Jogginghose weiß ist.

Die Monatsblutung als Kleiderkrise

Anstatt dann automatisch irgend etwas Dunkles, Weites, Sackartiges und dementsprechend Praktikables herauszusuchen und damit schnell meiner Wut nachzugeben, fragte ich mich, was mich gerade so auf die Palme bringt. Denn es ist nicht gerade so, dass da drin besonders unbequemes Zeug hängt, oder Ausflüsse zu reinigen im Jahr 2020 ein Ding der Unmöglichkeit darstellt. Aber ein jedes Mal denke ich zuerst an die möglichen Flecken. An deren Beseitigung, der ich mich dann wieder extra zuwenden muss, aber am allermeisten an die Markierung, die sie bedeuten würden. Die Menstruation als etwas, das lieber heimlich ausgelebt werden soll. Dabei benutze ich sogar mehrere Damenhygieneprodukte gleichzeitig – was soll da eigentlich noch schief gehen? Eben.

Und trotzdem ist mein erster Impuls jedes Mal einen Gang runter zuschalten. Nicht nur mich, sondern auch meine Periode zu verstecken. Bloß nichts einsauen, bloß nicht auffallen – lieber brav auf Nummer sicher gehen und das schwarze, lange Kleid anziehen.

Als bestünde eben doch noch die Option, dass urplötzlich ein Sturzbach Blut aus mir herausschießt, der nicht nur mein Outfit, sondern damit auch mein Leben zerstört.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, will ich das gar nicht. Mir geht es besser, wenn ich genau das Gegenteil davon trage, was ich im Kopf habe, wenn ich an „die richtigen Styles während der Menstruation“ denke. Ich fühle mich auch während der Menstruation sexy und will mich sexy fühlen können. Und bei mir läuft das auch über Mode. Um es auszugleichen, greife ich dann meist zu hohen Schuhen und Strass. Oder auffälliges Make-up. Die Ansprüche an Kleidung während der Menstruation sind so vielfältig, wie die menstruierenden Personen selbst. Aber der mögliche Blutfleck als eine unmöglich zu tolerierende Angelegenheit löst i4n mir eine Kleiderkrise aus? Wow.

Die Menstruation als Unheilsbotin in Film und Fernsehen

Wenn ich an diese Wasserfall-ähnlichen Blutmassen denke, die zum sozialen Ausschluss führen, fallen mir gleich mehrere Filme ein. Als erstes jedoch immer „Carrie“ (1976). Ich sehe sie direkt vor mir. Was ich allerdings nicht so häufig sehe, ist eine nüchterne Auseinandersetzung mit der Periode. Meist verläuft zumindest meine eigene wesentlich unspektakuläre als bei Carrie. Die Menstruation in Film, Fernsehen oder in Serien, ist, wenn sie überhaupt vorkommt, allzu oft mit einer unermesslichen Peinlichkeit für die menstruierende Person verbunden oder wird durch diese völlig unwahrscheinlichen Mengen Blut dargestellt. Ein anderes Motiv ist, sie als handlungsantreibende Kraft einzusetzen: sie kommt, aber soll gar nicht kommen (eine Schwangerschaft ist dringend gewünscht) oder sie kommt eben nicht, wenn sie doch dringend kommen soll (eine Schwangerschaft ist überhaupt nicht erwünscht). Dann passiert irgendwas hoch Dramatisches, worum es nämlich eigentlich geht. Die Menstruation als Unheilsbotin und Auslöser.

Die meisten meiner Film- und Serienheldinnen scheinen einfach gar nicht zu menstruieren. Da werden Wochen oder Jahre erzählt, aber zufällig kommt überhaupt keine Blutung vor.

Aber es gibt sie auch, diese aufregenden und lustigen und tragischen Periodenmomente. Zwei meiner liebsten kommen in Serien vor. Beide Serien sind feministisch. Beide Serien arbeiten sich an Frauenrollen ab.

„Broad City“ behandelt die Menstruation in mehreren Episoden, aber in der neunten Folge von Staffel Drei trägt Ilana ihre „period pants“ – eine Jeans mit einem deutlich sichtbaren Blutfleck im Schritt – um Gras in ihrer Vagina ins Flugzeug zu schmuggeln. Denn, so ist sie sich sicher, durch die Signalwirkung wird sie selbst wenn der Drogenhund anschlägt, keiner weiteren Befragung unterzogen. Und behält recht. Aber meine absolute Lieblingsszene ist das Staffelfinale von „I love Dick“. Schwieriger Moment jetzt nicht zu viel und doch genug zu beschreiben. Aber es wird weder peinlich noch unangenehm. Und genau danach habe ich mich gesehnt. Nach einem entspannteren Umgang mit der Blutung auch im Bewegtbild, so wie nach Parallelerzählungen zu Angst und Schrecken und Blamage.

Da fällt mir ein, dass einer Freundin in einem hektischen Moment aber aus unerklärlichen Gründen ihre ziemlich volle Menstruationstasse aus der Hand fiel und das ausgerechnet im Büroklo. Dummerweise hat sie die Tasse eher in den Raum geschleudert, als bloß fallen gelassen und so gab es im ganzen schön eingerichteten Start-up-Badezimmer verteilt Blutspuren. Sie selbst brach zum eigenen Erstaunen in ein unaufhörliches Gelächter aus und wischte die Fliesen ab. Aber erst nachdem sie uns ein Foto davon schickte. Kann ja mal passieren.

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