Coffee Break: „Ich will doch nur glücklich sein!“

13. September 2015 von in


Das würde wahrscheinlich jeder Mensch, den ich so kenne, über sich und die Liebe behaupten. Die Meisten wünschen sich nichts mehr als eine harmonische Beziehung, die Wenigsten haben sie allerdings. Was man stattdessen hat: Entweder ein Drama in vielen Akten à la Griechenland-Krise oder gar niemanden, mit dem es Drama geben könnte und deshalb eine eigene Krise. So irgendetwas Gesundes mittendrin ohne Drama und Krise scheint ausgestorben.

Frisch getrennt oder frisch zerstritten sagt man ja schnell mal: „Ich will endlich etwas, das einfach ist, das einfach funktioniert“ oder „Ich will doch nur glücklich sein!“. Nun haben wir im Schnitt meistens schon einige Jahre oder Jahrzehnte Beziehungen hinter uns. Es ist eine gewagte These, aber: Wenn wir uns so sehr eine glückliche Beziehung wünschen würden, hätten wir dann nicht längst eine gehabt?

Wie ich auch schon über Spielchen geschrieben habe: Seltsamerweise beschweren sich ja immer die Menschen, die es selber tun, dass sie nun aber bitte endlich mal jemand kennenlernen wollen, der es anders macht. Wie soll das funktionieren? Man kann nicht selbst heimlich auf Drama abfahren und sich dann immer wieder vorsagen, es muss nur der Richtige, der „Undramatische“ kommen und schon wird alles anders.

Denn wenn dieser Jemand dann da ist (und meistens war er schon ein paar Mal da, wurde aber nicht gesehen), könnte man ihn denn leben? So richtig? Ich glaube, diese Frage sollte man sich selbst stellen, bevor man einmal mehr mit Wünschen um sich wirft. Wie wäre der Gedanke zusammen einfach glücklich zu sein – so auf Dauer, sagen wir mal jeden Tag? Wie wäre es, wenn der Andere ganz nebenbei fragt, welche Zahnbürstenfarbe man möchte, ohne dass man dafür monatelang diskutieren, hoffen, bangen oder kämpfen müsste?

Wie wäre es, wenn er einen bedingungslos in den Arm nehmen würde, wenn es einem schlecht geht, wenn er da ist, wenn er an einen glaubt, wenn er einem das Beste wünscht und das Beste aus einem herausholt? Wie wäre es, wenn es nicht jeden zweiten Tag ein Mini-Drama geben würde, sondern einfach mal alles gut wäre? Wenn der Andere einem „sicher“ ist, man keine Angst haben muss. Wie wäre das in der Praxis? Würde es sich langweilig oder eher beruhigend anfühlen?

Natürlich ist keine Beziehung immer glücklich. So wie die beste Freundin mal mit Türen knallen muss, muss es auch der Partner oder man selbst, aber wenn da draußen sowieso schon alles eher kompliziert ist, ist es dann nicht am schönsten nach Hause zu kommen, ohne es dort auch gleich wieder kompliziert zu haben? Ich glaube, Hollywood ist einmal mehr Schuld: Wer hat denn eigentlich behauptet, dass die schweren Dinge, immer die besseren sind? Liebe = Leiden und Schmerz. Dinge, die einfach funktionieren und die „leicht sind“ verlieren somit an Wert. In unseren Freundschaften leiden wir doch auch nicht, warum sollen wir es mit unserem Partner, damit es sich richtig und echt anfühlt? Hollywood verklickert uns, richtig glücklich kann nur sein, wer auch richtig unglücklich ist. Schmarrn.

Und klar, die Dinge, die man nach jahrelangem Kämpfen bekommt, fühlen sich großartig an. Im Job zum Beispiel. Aber es geht ja nicht um ein Stellenangebot, das sich plötzlich ändert, sondern um einen Menschen. Und dass Menschen sich ändern, das klappt eher selten. Und selbst wenn, wäre man dann glücklich – wenn der Dramatische plötzlich zum Undramatischen wird? So auf Dauer, sagen wir mal jeden Tag.

Alles von Anjas Serie Coffeebreak 

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Eine Antwort zu “Coffee Break: „Ich will doch nur glücklich sein!“”

  1. Da gabs mal einen Spruch; sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
    Ich denke, manchmal ist es auch so, dass -wenn langersehntes endlich wahr wird, sich auch herausstellt, dass man sich das ganz anders vorgestellt hat und es sooo toll dann doch nicht ist.

    Oder aber dass der Weg das Ziel war – soll heissen, der Kampf ist das interessante daran – das Ziel – hmm, nicht das, worauf es letztendlich ankam.

    Mir war früher schnell langweilig (ok heute auch noch), dennoch würde ich heute in Beziehungen nichts mehr anstacheln, um die vermeintliche Langeweile zu vertreiben. Langeweile entsteht höchstens, wenn man meint, der Partner/eine Beziehung müsse einen unterhalten. Nee, unterhalten muss man sich schon selbst.

    Aber am Ende bleibt, dass die Definition von Glücklichsein eine ganz schwierige ist.
    Solange man den Kampf/die Leistung braucht, wird man immer ein passendes Gegenstück finden und auf die vermeintlich entspannteren Partner gar nicht anspringen, es sei denn, man geht gezielt auf die Suche.

    Neurobiologische Muster zu durchbrechen braucht als erstes mal Erkenntnisse, dass man diesen erlegen ist. Und was dann kommt, ist sicher noch schwieriger; sie nämlich zu durchbrechen.

    Spannend fand ich herauszufinden, welche Muster woher kommen.
    So kann man schon ganz gut Parallelen beobachten und sich fragen, geht es wirklich um DEN / EINEN Partner oder um das, was er in mir auslöst.

    By the way – schöner Beitrag – immer wieder.

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