Coffee Break: Über Beziehungsangst

30. August 2015 von in

Es gibt Menschen, in die verliebt man sich ganz normal, mit denen hat man normal-gesunde Beziehungen und ebenso normal-dramatische Trennungen (die natürlich scheißweh tun, aber irgendwann in Ordnung sind). Und dann gibt es Menschen, die sind wie Drogen. Von Anfang bis zum Schluss und manchmal noch viel länger. Mit denen fühlt es sich eher nach „fall in love“ an. Man fällt. Man ist süchtig nach diesen Menschen. Weil sie einen immer wieder herziehen und wegschubsen. Weil sie einem in besonderen Momenten zeigen, was alles möglich wäre, aber diese kleine Welt niemals zum Dauerzustand wird.

Vernünftige Menschen, die einen gesunden Selbstschutz haben, steigen an diesem Punkt (hoffentlich!) aus. Blöd nur, dass ich ganz viele vernünftige Menschen kenne, die diesen Zirkus mitmachen oder mitgemacht haben. Denn jetzt fängt man in der Regel an zu kämpfen. Man strampelt und strampelt, um wieder in diese Welt zu kommen. Versucht zu gefallen, versucht noch besser auszusehen, noch klügere Dinge zu sagen, noch mehr für den Anderen da zu sein, noch mehr Verständnis zu zeigen, weil man denkt: Dann! Dann sieht der Andere mich endlich. Dann verlieben wir uns endlich richtig und die kleine magische Welt, in die ich bisher nur Einblicke bekommen durfte, wird endlich ganz.

Das ist natürlich Bullshit. Zuerst einmal, weil jeder schon toll und gut ist, wie er ist. Weil jeder das große Glück haben wird, jemanden zu treffen, der einen sieht. Und der das, was er sieht, mag. Von Anfang an. Ohne abmühen und kämpfen und überzeugen müssen. Aber man ist eben verliebt und macht diese ganzen Dinge mit. Dinge, bei denen man sich nicht wiedererkennt. Dinge, mit denen man sich eindeutig unter Wert verkauft. Dinge, die ungesund sind und die einem nicht gut tun. Dabei ist übrigens interessant sich selbst einmal zu fragen, in was man eigentlich verliebt ist: Ist es wirklich die andere Person und die mehr oder wenige kaputte Beziehung, die man mit demjenigen hat oder eher die Vorstellung und der Wunsch, wie es sein könnte?

Zum Anderen, ist es Bullshit an ein „Dann!“ zu glauben, weil Beziehungsängstliche ganz einfach nicht anders können. Man kann neben ihnen zum perfekten Supermenschen mutieren, sie werden einen nicht sehen und dauerhaft in ihre Welt lassen. Sie können einem Menschen nur dann nah kommen, wenn dieser sich von ihnen abwendet. Sie können nur Nähe zulassen, wenn der Andere das gerade nicht möchte oder kann. Man kämpft also ganz vergeblich, weil ein dauerhaftes, gesundes Miteinander niemals, niemals möglich ist.

Beziehungsangst ist ja ein Begriff, mit dem nur so um sich geworfen wird. Jeder hat mittlerweile irgendwie Angst vor Beziehungen. Es war also nie einfacher, diese ernstzunehmende Angst so einfach zu verstecken. Denn heute haben die wenigsten Menschen noch „normale“ Beziehungen – heißt: gesund, monogam und glücklich. Heute kann man sich als Beziehungsängstlicher hinter vielen tollen Sätzen verstecken, wie „Ich komme alleine besser klar“, „Ich bin noch nicht soweit“, „Ich will gar keine Beziehung“ oder auch „Ich weiß es nicht“.

Das Gefährliche an diesen Menschen ist, dass man nie ein „Ja“, aber auch kein „Nein“ bekommt. Und das möchte man schaffen: Das endgültige Ja. Deshalb sind diese Beziehungen auch so wahnsinnig aufregend und dramatisch. Man denkt, man war noch nie verliebter. Dabei war man noch nie süchtiger. Man verzehrt sich nach dem Anderen und seiner „Liebe“, weil man nie alles auf Dauer bekommt.

Wie bei einer Droge, an der man nicht kaputt gehen möchte, kann man hier nur eines tun: Aufhören. Ganz. Auch, wenn es unfassbar schwer ist. Und wie bei einem Entzug sollte man versuchen, nicht zu viel über diese Menschen nachzudenken. Sie verstehen sich selbst nicht, es wird einem also nicht gelingen, sie zu verstehen. Und sie werden sich nicht ändern, schon gar nicht, wenn man es von ihnen erwartet. Was man dagegen tun sollte: Alles, was einem gut tut und ablenkt. Rausgehen, in den See springen, mit Freunden dasitzen, bis es viel zu spät ist. Ja, und manchmal hat man dann das große Glück jemanden Tolles zu treffen, der einen mag. Von Anfang an.

Sharing is caring

11 Antworten zu “Coffee Break: Über Beziehungsangst”

  1. sehr wahre Worte!
    ich war sehr sehr lange in genau so einer „Nicht-Beziehung“. Irgendwann habe ich es geschafft – kam raus aus der Sucht. 2 Jahre hat es gedauert, die Phase nach der Sucht, 2 Jahre in der ich nicht mehr alles gegeben habe, sondern einfach ich selbst war – ohne gesteigertes, übertriebenes, selbstloses Interesse. Nun bin ich 4 Jahre mit diesem Menschen zusammen, lebe sogar mit ihm.
    Doch das ging erst als ich aufgehört habe ihn wie eine Droge zu empfinden und er (genauso wie ich) sich „geändert“ hat. Denn das solche Beziehungen nicht funktionieren liegt an beiden Menschen. Manchmal hat man Glück, wie ich, aber ich hätte genau so gut mit einem anderen Menschen mein Glück finden können, es war nur Zufall, dass es mein früherer Sucht-Mensch war.

  2. Liebe Anja,
    ich bin wirklich großer Fan deiner Kolumne, schon von Anfang an. Trotzdem habe ich es irgendwie nie geschafft, mal einen Kommentar zu hinterlassen. Eigentlich blöd, denn ich möchte mal ehrlich danke sagen! In viele andere „Coffee-Break“-Artikel konnte ich mich hineinversetzen aus alten Erfahrungen etc., aber keiner ist passender als dieser und gerade zu diesem Zeitpunkt. Und ich meine wirklich GERADE JETZT, in gerade diesem Moment. Und dabei hätten deine Worte wirklich nicht passender sein können. Danke danke dafür, und schreib bitte noch lange weiter hier auf amazed.

    Liebe Grüße,
    Victoria

    • Liebe Victoria, danke für deinen lieben Kommentar! Freu mich sehr, dass dir meine Kolumne so gefällt und vor allem diese hier ganz passend zu deiner Situation ist.
      Liebe Grüße zurück!

  3. Wahrscheinlich hätte mir der Text sehr geholfen, denn letztes Jahr habe ich genau in so einer „Beziehung“ bei der man so verzweifelt auf ein finales „Ja“ oder „Nein“ hofft. Am wenigsten geholfen haben allerdings die Kommentare von außen, nach dem Motto: „der ist nicht gut für dich“… das weiß man ja irgendwie selber, aber ich finde man muss auch selbst an den Punkt kommen, wo man das realisiert, wo man dann einfach genug gekämpft und gelitten hat. Dieser finale Schritt war am Ende sehr befreiend!
    Franzi von http://www.beeminent.wordpress.com

  4. Großartiger Text – und (leider) so wahr! Ich musste beim Lesen die gesamte Zeit über an eine enge Freundin von mir denken, die über mehrere Jahre eine solche Beziehung führte. Es hat unheimlich lange gedauert und viel Kraft gekostet, bis sie von ihm los kam und ob sie wirklich zu 100% über den Berg ist, weiß ich noch immer nicht. Und wie Franzi schon schrieb: Die betroffene Person muss es selbst verstehen und beenden.

  5. Danke für deine wunderbaren Kolumnen jede Woche! Ich kann mich so sehr mit deinen Worten identifizieren, ganz besonders mit diesen. Ich habe fast ein Jahr in so einer „Beziehung“ gehangen, wurde immer wieder verletzt, aber ich konnte mich einfach nicht vollständig losreißen von ihm. Bis der Moment kam, als ich kapiert habe, was das mit mir macht und dass es so nicht weitergehen kann.
    Dann habe ich Tschüss gesagt und plötzlich drehte sich die Sache um 180 Grad. Er lief mir hinterher, bemühte sich, war plötzlich immer für mich da – und jetzt sind wir seit über 2 Jahren glücklich zusammen. Hinterher verklärt man Vergangenes ja meistens, aber ich denke, auch die schlechten Erfahrungen haben uns zu dem gemacht, was wir jetzt sind. Auch zusammen.

    Liebe Grüße!

  6. Liebe Anja,
    du weißt nicht wie oft ich diesen Text schon gelesen habe und jedes Wort unterschreiben kann.
    Er berührt mich sehr, weil ich genau in so einen Menschen verliebt bin und es mir heute mal wieder ziemlich beschissen deshalb geht und ich so sehr hoffe, dass ich dieses Buch einfach zuklappen kann.
    Und wenn mir das irgendwann gelingt, dann auch dank deinem Text.

    Alles Liebe & danke für deine inspirierenden Worte!

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.