Coffee Break: Was man nicht hat, das will man umso mehr

13. Dezember 2015 von in

Natürlich, was man gerade nicht haben kann, das möchte man umso mehr. Das war schon immer so und wird wahrscheinlich auch immer so sein. Eigentlich in allen Bereichen unseres Lebens. Ein Kleid, das man unbedingt haben will, findet man im Schaufenster viel toller, als wenn man es dann endlich zu Hause hängen hat. Während man vor dem Kauf noch an nichts anderes denken konnte, vergisst man nach ein paar Monaten schon einmal, dass man es überhaupt hat.

Die Dinge verlieren an Wert. Das Fremde ist sexy, alt Bekanntes eher nicht so. Dinge, die wir haben können, sind nicht ganz so aufregend, wie die unerreichbaren. Menschen, die beim zweiten Date sagen, dass sie uns lieben, sind weniger interessant, als die, die gar nichts sagen. Eine beschissene Sache ist das, trotzdem glaube ich, dass wir alle ein bisschen so funktionieren. Es gibt allerdings ein paar Kandidaten, bei denen dieser Mechanismus besonders stark ausgeprägt ist. Bei denen es nicht nur leichte Wertverluste gibt, sondern die den Wert nur in den Dingen sehen, die gerade nicht da sind.

Ich habe da zum Beispiel einen Freund, der sehr viele Mädchen kennenlernt, aber verliebt hat er sich bisher immer nur in die, mit denen es absolut unmöglich war, zusammenzukommen. Die im wahrsten Sinne des Wortes, nicht da waren – und alleine schon deshalb eine echte Wertsteigerung erfuhren. Weil sie gerade zum Beispiel zu einem halbjährigen Selbstfindungstrip nach Indonesien aufgebrochen waren oder in einer anderen Stadt wohnten – in einer Wohnung mit ihrem festen Freund. Tja, einfach Pech, könnte man meinen.

Nur darauf lässt es sich allerdings nicht herunterbrechen. Wer immer von Dingen träumt, die gerade nicht da sind, muss nämlich vor allem eines nicht: in der Wirklichkeit sein. Jemandem wirklich nah sein. Sich wirklich auf jemanden einlassen. Eine wirkliche Beziehung führen. Und das kann für manche Menschen schon sehr praktisch sein. Das Schöne an diesen Dingen, die man nicht hat, ist ja auch: Man weiß nicht, wie sie wirklich wären. Und so bleibt eine Menge Spielraum für Fantasie und Träume. Man kann sich alles mögliche zusammenträumen. Und auf die Frage, warum man nun schon seit sechs Jahren alleine ist, sagen, dass man nun mal leider immer das Pech hat, sich in die schwierigen Fälle zu verlieben.

Manche Menschen leben diesen Mechanismus aber auch umgekehrt: Was sie haben, das möchten sie plötzlich nicht mehr. Oder sind sich zumindest nicht mehr ganz so sicher. Und hier fängt es an, schmerzhaft zu werden. Denn wer von dem Unmöglichen träumt, verletzt schließlich in der Regel niemanden – abgesehen von sich selbst natürlich. Wer allerdings immer nur große Sehnsucht nach einem Menschen empfindet, wenn dieser nicht da ist und sich dann im Zusammensein distanziert, tut dem Anderen nur weh.

Um auf das Beispiel mit dem Kleid zurückzukommen: Es ist, wie wenn man ein Kleid kauft und nach dem Kauf plötzlich nicht mehr weiß, ob man es behalten soll oder doch lieber zurückgibt. Und man kann sich sicher sein: Sobald man es zurückgegeben hat, wünscht man es sich zurück.

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4 Antworten zu “Coffee Break: Was man nicht hat, das will man umso mehr”

  1. Ich lese jeden Sonntag mit einer Tasse Kaffee eure Coffee Break Kolumne und ich liebe jeden einzelnen Artikel! Das mit dem Kleid kennen wir Frauen doch alle und auch in der Liebe ist es häufig so der Fall. Wenn wir mal ehrlich sind, dann ist es eigentlich doch totaler Quatsch, dass einen etwas reizt, was man nicht haben kann und dass man es dann nicht mehr haben will, wenn man es hat. Aber irgendwann, wenn man es zu sehr ausreizt, dann ist vielleicht auch das Unerreichbar nicht mehr interessant…

  2. ich hab mich wirklich schon gefragt, wann die kolumne zu diesem thema von dir erscheint :)
    es ist lustig – die letzten tage in meinem stimmungstief hab ich genau das auch an mir beobachten können: auf einmal wollte ich jemanden zurück, von dem ich mich vorher echt erleichtert befreit hatte, weil er mir zuviel wurde. ich konnte ihn haben, wollte aber nicht. und dieser mensch, vorher wie der teufel auf mich fixiert, war sichtlich überrascht und gebauchpinselt, von mir zu hören (schande über mein haupt, ich führe es auf meinen völlig verwirrten zustand zurück), aber gleichzeitig auch -hoppla- schlagartig ein bisschen weniger interessiert. manche beziehungen funktionieren wohl nur so. ich fühl mich ein bisschen beschämt ob dieses mechanismus, den ich vorher im bezug auf menschen noch nicht an mir beobachten konnte, bin aber ziemlich froh, dass wir beide nun glimpflich raus sind – ohne allzuviel eingebüßten stolz und jeder mit mit dem wissen, den anderen hätten „haben“ zu können.

    in der aktuellen flow gibts übrigens einen tollen artverwandten artikel, es geht um vorfreude
    und darum, dass die oft wertvoller und befriedigender ist, als der schlussendliche besitz.
    leseempfehlung von mir!

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