Coffee Break: „Leaving the comfortzone“ – warum eigentlich?

9. Januar 2020 von in

Vor ein paar Jahren schrieb unsere Autorin Anja in ihrer Kolumne noch über die Liebe oder was man dafür halten könnte. Nun haben wir Coffee Break neu aufgelegt – und diesmal dreht sich alles um das Thema 30 werden. Über Freunde, die gehen und andere, die dazukommen. Wie man immer mehr weiß, was man kann und trotzdem an manchen Tagen so sehr an sich zweifelt, dass man lieber im Bett liegen bleibt. Darüber, dass man Angst hat, kein Baby bekommen zu können und gleichzeitig totale Angst davor hat, jetzt eines zu bekommen. 30 werden ist anstrengend, aber vor allem eines: wahnsinnig spannend.

Ich weiß nicht, wie es in eurem sozialen Feed aussieht, aber sowohl bei Instagram, als auch im echten Leben begegnet mir gerade eine Art Schizophrenie: Die Menschen sind auf der einen Seite erledigt – ich kann gar nicht zählen, wie viele Leute um die Weihnachtszeit herum teilweise schlimm krank waren, weil sie das ganze Jahr unter einem derartigen Dauerstress standen, dass dann alles herausbricht, sobald das Leben endlich mal stillsteht. Auf der anderen Seite stellt man aus dem Krankenbett heraus zu Neujahr schon wieder neue Forderungen an sich, neue Ziele und #lifegoals. Man möchte noch mehr über sich hinauswachsen, endlich einmal seine eigene Komfortzone verlassen und dazwischen mal schnell zum Yoga rennen. „Leaving the comfortzone“ lese ich nun öfter auf To-Do-Listen für 2020 – und frage mich: Warum eigentlich?

Man möchte noch mehr über sich hinauswachsen, endlich einmal seine eigene Komfortzone verlassen und dazwischen mal schnell zum Yoga rennen.

Nun kann man die Schuld eigentlich nicht schon wieder auf das Internet schieben, nicht nur zumindest. Dass es uns nicht gut tun kann, dass wir uns plötzlich mit der ganzen Welt vergleichen, anstatt nur mit dem Nachbarn, ist keine neue Erkenntnis. Das Internet lässt allerdings immer mehr die Frage verschwimmen, was eigentlich unser Antrieb für das vorgegebene Ziel ist und wer es einem überhaupt vorgegeben hat. Also, warum wir überhaupt denken, unsere Komfortzone dringend verlassen zu müssen. Wurde ich beeinflusst von meinen Umfeld oder der Gesellschaft, die mir vermitteln möchte, was ich brauche und welcher Weg der richtige ist? Oder sind es wirklich meine ganz eigenen Ziele? Wenn ja, sind diese überhaupt noch aktuell oder schleppe ich sie seit Jahren mit mir herum, ohne einmal zu hinterfragen, ob ich sie überhaupt noch erreichen möchte?

Vor allem beim letzten Punkt wird es wahnsinnig spannend, denn jeder hat wahrscheinlich ein paar Leichen bei sich herumliegen, ein paar Ziele, die gar nicht mehr für einen stimmen. Vielleicht dachte man mit 19, dass man unbedingt einmal länger im Ausland leben möchte, weil das damals alle gemacht haben – muss man deswegen jetzt noch wegziehen, auch wenn es wahnsinnig schwer fällt? Vielleicht wollte man immer mal ein Unternehmen gründen, weil es einem wie der einzige Weg vorkam, sich selbst zu verwirklichen – was aber, wenn man noch andere Wege entdeckt, auch abseits vom Beruf, und sich damit endlich aus der eigenen Erwartungsschlinge befreit? Fühlt sich, glaube ich, ziemlich gut an.

Ich glaube nicht, dass wir uns jedes Jahr neu herausfordern müssen, um uns lebendig und vollständig zu fühlen.

Manche Leuten behaupten, ohne einen wissenschaftlichen Backround zu haben, dass positiver Stress total super ist für den Körper. Stimmt übrigens gar nicht. Und wer sich einmal die Krankheiten angesehen hat, die mit Stress in Verbindung stehen (nämlich so ungefähr alle), der kann keinem Stress mehr etwas Positives abgewinnen. Die vielzitierte Komfortzone ist für mich etwas Ähnliches. Denn natürlich ist es gut, mutig zu sein, wenn man es denn kann und wirklich möchte. So wie es gut ist, Dinge zu erledigen und in Bewegung zu bleiben. Aber ich glaube nicht, dass wir uns jedes Jahr neu herausfordern müssen, um uns lebendig und vollständig zu fühlen. Es wartet auch ein ziemlich gutes Leben innerhalb der Komfortzone.

Herausforderungen sind außerdem ja auch für jeden anders bezwingbar, ein bisschen so wie Berge besteigen. Für den einen ist es eine riesen Herausforderung, zu kündigen und sich einen neuen Job zu suchen. Ein Anderer macht das mit links und zieht tatsächlich gleich in ein anderes Land, ohne die Sprache zu sprechen. Für den Dritten ist es alleine schon unvorstellbar, jemals seine Flugangst zu überwinden. Nichts davon ist zu beurteilen, wichtig ist nur, dass man sein Ziel für sich selbst verfolgt und sich dabei nicht selbst überfordert. Nur wer seine Grenzen kennt, der kann in seiner eigenen Freiheit leben. Und es ist ganz egal, ob diese im Kopf, in den eigenen vier Wänden oder in Neuseeland stattfindet.

Nur wer seine Grenzen kennt, der kann in seiner eigenen Freiheit leben. Und es ist ganz egal, ob die im Kopf, in den eigenen vier Wänden oder in Neuseeland stattfindet.

Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass das Leben eigentlich immer schöner wird, umso gemütlicher ich es mir mache. Was nicht heißt, dass ich nicht gerne gefordert werde, aber ich überfordere mich einfach nicht mehr. Weder im Job, noch in meiner Freizeit- oder Urlaubsplanung. Ich arbeite nicht mehr als vier Tage die Woche und unternehme nicht mehr als zwei Dinge am Tag. Alles andere wird mir schnell zu viel, hab ich gelernt. Da aber nicht nach links und rechts zu schauen und sich zu vergleichen, ist nicht immer leicht. Aber am Ende geht es eben nur darum, dass ich Sachen mache, die sich gut anfühlen und die machbar sind für mich. Auf meiner To-Do-Liste für 2020 steht also: Es sich so richtig gemütlich machen in der Komfortzone.

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