Coffeebreak: „Ich muss noch flexibler sein“

24. Mai 2015 von in

Diesen Satz sagte mein guter Freund M., als er am Dienstagabend an meinem Esstisch saß. Deshalb werde er sich auf kurz oder lang auch von seiner Freundin trennen (müssen). Kurz zu seiner Freundin: Sie sieht verstörend gut aus, lässt ihm sämtliche Freiheiten vom Ausgehen bis zum Wegziehen, und gestritten haben sie sich in diesem einen Jahr noch nie. Traumbeziehung, könnte man meinen. Ja, sie hat sogar angeboten, mitzukommen, wenn er umziehen würde. Aber das ist wohl alles nicht genug.

Ich wurde richtig wütend, als ich mir das anhörte. Sind Beziehungen denn heute überhaupt gar nichts mehr wert?, dachte ich. Sind wir alle komplett ersetzbar, und wenn es hart auf hart kommt, entscheidet man sich natürlich für den Lebenslauf anstatt für die Liebe? Weil alles andere hinterwäldlerisch wäre und so gar nicht zeitgemäß. Nennt mich altmodisch, aber für mich ist das nicht nachvollziehbar.

Natürlich – jeder sollte in der Stadt wohnen, die ihm gefällt und einen Beruf haben, der ihn erfüllt. Niemand sollte sich aufgrund seines Partners ins Unglück stürzen! Aber das scheint mir, ist auch gar nicht der Punkt. Denn wir sind nicht unglücklich, aber eben auch nicht wirklich glücklich. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, wir wissen gar nicht mehr, wie das ist – richtig glücklich sein. Kein Wunder, denn wir sind Getriebene. Es muss da draußen eine noch aufregendere Stadt geben und einen noch tolleren Job und einen Menschen, der noch besser passt. Da draußen wartet noch größere Freiheit und Flexibilität, als wir sie gerade verspüren – und das obwohl wir doch maximal frei und flexibel sind. Von unserer Generation wird ja immer wieder gerne behauptet, dass wir vor lauter Möglichkeiten nicht mehr wissen, wohin mit uns. Auch, wenn ich sämtliche Generations-Bücher und Experten-Interviews auf Zeit Online über die Generation Y nicht mehr sehen und lesen kann, aber an dieser Feststellung ist schon etwas dran. Wir sehnen uns so sehr nach diesem Glück da hinten, dass wir das, was direkt neben uns liegt, gar nicht wahrnehmen.

Das zweite Problem ist, dass sich ein Fehler in unser Denken eingeschlichen hat: Beziehung und Selbstverwirklichung stehen sich plötzlich gegenüber, widersprechen sich gar, anstatt Hand in Hand zu gehen und vielleicht sogar zusammen noch besser zu funktionieren. Ja, es stimmt – wenn du dich jetzt dafür entscheidest mit deiner Freundin zusammen zu wohnen, wird es dir in zwei Jahren vielleicht noch schwerer fallen nach Peking zu ziehen. Wenn du die Beziehung dagegen jetzt beendest, werden die nächsten Monate vielleicht ein bisschen schwer, dafür bist du 2017 dann maximal flexibel. Häh? Wann hat das angefangen, dass wir in Beziehungen nur noch ausschließlich mit dem Kopf entscheiden? Dass dieser Moment, in dem man neben jemandem aufwacht, ihn ansieht und es sich so verdammt richtig anfühlt, dass man platzen könnte, nicht mehr in derartige Entscheidungen miteinbezogen wird?

Jede Entscheidung nimmt ein Stück Flexibilität und eine Beziehung ist immer einen Kompromiss – genauso wie es ein Kompromiss ist, in eine schöne Wohnung zu ziehen. In deiner Stadt gibt es noch tausend andere schöne Wohnungen, sicherlich auch schönere, aber du wohnst nun einmal in dieser hier. Jetzt hast du zwei Möglichkeiten: Du kannst dich jeden Tag durch Immobilienscout klicken und sehen, welche tollen Maisonette-Wohnungen du verpasst oder du kommst abends nach Hause und genießt diesen Moment, in dem du die Türe aufsperrst und siehst wie das Sonnenlicht leise deine Wände streift, weil es nun einmal deine Wände sind. Weil dieser Moment sich so verdammt richtig anfühlt, dass du platzen könntest.

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12 Antworten zu “Coffeebreak: „Ich muss noch flexibler sein“”

  1. tolle Kolumne, du sprichst mir aus dem Herzen. Hauptsache, man legt sich nicht fest, es könnte einem ja immer etwas noch Tolleres passieren… Vor lauter Freiheit ist man plötzlich ein bisschen eingeengt.

  2. Herzlich willkommen, ein wundervoller Einstieg!! Ich kenne auch einige die so denken, dass irgendwo da draussen noch was anderes, das ganz Große wartet. Aber oftmals verlieren sie sich im Lamentieren und Abwägen im vielen Planen aber nichts machen und das Leben verpassen sie. Sich einfach mal auf was einlassen, ein Risiko eingehen und sich überraschen lassen, wie zufrieden man manchmal damit sein kann. Dein Beispiel mit der Wohnung triffts auf den Punkt.

  3. Gelungener erster Post! Wirklich wahre Worte. Ich persönlich handle so, wie du es rätst – klar, man sollte seine eigenen Träume und Ziele nicht für den Partner aufgeben, aber ist es nicht umso schöner, wenn man solche gemeinsamen Träume umsetzt und an zusammen einem Strang zieht, der beide glücklich macht?
    Ich freu mich auf weitere interessante Themen!

  4. Wow das ist ein toller Text der dieses Thema ganz toll da stehen lässt. Du machst keine Vorwürfe sondern regst zum Nachdenken an. Ich kann dir da einfach nur zustimmen. Warum genießt man nicht einfach mal den Moment und das was man hat ? Warum muss man immer gucken ob es nicht noch etwas besseres oder jemanden besseren gibt ? Dieses Glücklichsein mit dem was man hat geht irgendwie immer mehr verloren und das finde ich wirklich ganz schrecklich schade.

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