Kolumne: Wenn du dem Glücklichsein nicht trauen kannst

16. Januar 2019 von in

Ich weiß nicht, ob es in der Liebe etwas gibt, das so zerbrechlich ist wie das Glücklichsein. Manchmal ist der Bruch laut. Vielleicht fängt er mit einem „Ich muss dir was sagen“ deines Gegenübers an, geht mit einem „Ich hab mich in jemand anderen verliebt“ weiter und hört mit einem „Ich wollte dir nie weh tun“ auf. Manchmal ist der Bruch leise.

Das Schweigen nimmt zu und ist statt Gold eher die Einleitung eines Auseinanderlebens und Symptom etwas viel Hässlicherem. Manchmal geht es ganz schnell. „Ich hab dich betrogen“. Manchmal langsam. „Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr“. Aber jedes Mal zerbricht etwas und hinterlässt Scherben. Ein gebrochenes Herz, manchmal auch zwei. Kaputte Vorstellungen und Illusionen vom Happy End und manchmal zerstört es sogar all die schönen Erinnerungen an eine vergangene Zeit, in der man glücklich war. Das, was schön war, wird im Rückblick unecht und verlogen, weil es hässliche Wahrheiten verbarg, wie Bernhard Schlink in „Der Vorleser“ schreibt.

Wir stellen in Frage, ob wir überhaupt hätten glücklich sein können, wenn wir gewusst hätten, was unser Partner uns verheimlichte. Wenn es dabei nicht um das Verheimlichen des Weihnachtsgeschenks geht, sondern um das Verheimlichen, dass nicht nur man selbst, sondern auch die Geliebte Schmuck bekommt. Dass es überhaupt eine Geliebte gibt. Nicht das Verheimlichen der Gedanken, sondern das Verheimlichen der Gedanken, die alles verändern würden, hättest du sie gewusst. Nicht das Planen einer weiten Reise, sondern das Verheimlichen, dass es nur ein Ticket gibt.

Egal, ob man in dieser Zeit glücklich war oder nicht – sobald das Glücklichsein vorbei ist, beurteilt man es anders.

Davor habe ich Angst. Weil ich nicht will, dass ich oder er später denken, wir wären in unserer Beziehung nicht glücklich gewesen, auch falls sie auf eine schmerzvolle Art endet. Und wie sollte sie überhaupt nicht schmerzhaft enden? Ich habe Angst vor dem schmerzvollen Ende. Ich habe Angst vor dem „Ich liebe dich nicht mehr“ – von ihm oder von mir. Denn jede Liebe, die endet, wird weh tun, wenn sie endet. Und das hält mich davon ab, jetzt uneingeschränkt zu lieben und alles auszusprechen, was ich fühle, auch wenn ich mir ganz sicher bin, dass ich so fühle. Ich liebe mit Angst, obwohl Angst der Liebe gar nicht gut tut. Das weiß ich doch. Aber wie überwindet man Angst ohne die Liebe zu verlieren, wenn die Liebe die Angst doch erst erschaffen hat?

Ich würde gerne naiver sein, hätte nicht nur gerne eine rosarote Brille, denn die könnte ich ja absetzen, sondern würde gerne komplett in eine rosarote Welt eintauchen.

Ich wäre gerne blind vor Liebe, würde ihr furchtlos hinterher jagen
und sie für nichts aufgeben.

Ich will Wochen mit ihm verbringen, ohne Angst zu haben, dass wir uns so nerven, dass alles mit einem Streit und einer knallenden Tür endet. Ich will nicht vorher planen, dass ich nun wirklich Zeit alleine verbringen sollte, auch wenn ich das gar nicht will. Nur aus Angst, dass wir uns irgendwann nicht mehr aufregend und spannend finden. Ich will nicht denken, ich müsste mich zurücknehmen, damit ich ihm nicht zu viel werde. Ich will mich und meine Gedanken verteilen und darauf vertrauen, dass er mich genau dafür liebt. Und umgekehrt will ich mich nicht zurückziehen aus Angst, er könnte mir zu viel werden, wenn es doch noch garnicht so weit ist. Genauso will ich, dass er die Sicherheit hat, sich mir anzuvertrauen ohne die Angst, er könnte mich damit verschrecken.

Ich will mich verändern, wann immer ich das will. Ich will nicht zwanghaft darauf bedacht sein, ich selbst zu bleiben und mich durch die Beziehung auf keinen Fall zu ändern, damit niemand sagen kann „Seit du einen Freund hast bist du so anders geworden.“
Wenn das jemand sagt, will ich antworten: „Früher war ich ja auch noch nicht verliebt.“ Ich will keine Angst davor haben, umzuziehen, sondern darauf vertrauen, dass auch die Distanz die Liebe nicht zerstören kann. Ich will nicht jede Veränderung als Anfang vom Ende sehen.

Ich will mich von der Liebe davontragen lassen wie ein Flugblatt – ohne Angst vor dem Fallen zu haben.

Wenn wir streiten, habe ich Angst davor, dass uns einer von uns beiden vor dem anderen aufgibt. Statt der Angst will ich daran denken, wie wir uns danach wieder in den Armen halten und am nächsten Tag im Wald spazieren gehen oder wie er mir bald während der Autofahrt die Hand auf meinen Oberschenkel legt und zu Queen eine Live-Performance hinlegt.

Ich will nicht mehr jedes „Ich liebe dich“ mit der Angst verbinden, irgendwann schluchzend vor meiner Freundin und zwei leeren Flaschen Wein zu sitzen, und zu sagen „Ich hatte wirklich das Gefühl, aus uns könnte was werden.” Denn das Gefühl, dass aus uns was werden kann, habe ich jetzt. Trotzdem hoffe ich bei schönen Liedern, die wir zusammen hören, dass ich sie mir niemals satt höre oder hoffe, dass ich nicht in Tränen ausbreche, wenn ich diese Lieder fünf Jahre später zufällig im Radio höre. Ständig versuche ich, das was ich sehe, unsere gemeinsame Zeit, wie Polaroids festzuhalten, damit ich sie für immer habe, falls einer von uns beiden geht?

Aber weil ich selbst mal ein Herz gebrochen habe, weiß ich, dass es manchmal nicht vermieden werden kann. Weil in der Liebe leider und zum Glück meistens nicht die Vernunft, sondern das Herz entscheidet. Liebe ist auch eine Entscheidung und das Kämpfen auch, ja. Aber das Gefühl der Liebe kann man nicht erzwingen. Herzen zu brechen bedeutet nicht direkt, ein schlechter Mensch zu sein. Herzen werden nicht nur durch Betrug gebrochen oder durch Verschlossenheit, sondern auch, wenn die Gefühle des einen die Gefühle des anderen nicht mehr tragen können. Und dann braucht man vielleicht ein einzelnes Ticket – statt zwei.

Deshalb habe ich Angst um mein Herz, aber auch um seins.

Nach einigen Monaten wurde die Angst etwas weniger, aber ab und zu tritt sie noch immer ungebeten ein, macht sich breit und legt sich neben ihre zwei besten Freunde: die Unsicherheit und den Zweifel. Trotzdem wird es besser. Unsere Beziehung und auch meine Liebe wird fester. Dann weiß ich, was es bedeutet, den Verstand einzuschalten, auch wenn Liebe eine Herzenssache ist. Nicht aufzugeben, wenn es schwierig ist und den Zweifeln und der Angst nicht nachzugeben und die Unsicherheit mit dem einzigen zu überwinden, das stärker sein kann: Meine eigene, starke Liebe. Aber wer sagt, die Liebe bringt die Blindheit und rosarote Welt von alleine, der hat noch nicht in meinem Kopf gelebt. Der schaltet sich nämlich auch ein, wenn meine Gefühle in einer Traumwelt schwimmen. Und mein Kopf weiß, dass die Realität kein Hollywood-Film ist und es nicht für jede Liebe ein Happy End gibt.

Schmerz findet uns. Das Glück aber auch. Vielleicht ist das Glück für immer, vielleicht geht es und schaut später nochmal vorbei.
Ich will lieben, ohne die ständige Angst vor dem Bruch. Egal, ob er leise, laut, langsam oder schnell sein wird. Oder gar nicht kommen wird. Wer weiß das schon?

Fotos: Unsplash

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12 Antworten zu “Kolumne: Wenn du dem Glücklichsein nicht trauen kannst”

  1. Ihr macht mich fertig dieses Jahr; es ist erst Mitte Januar, wie soll das denn noch weitergehen? Ein sehr reifer, reflektierter und ergreifender Artikel, mit dem ich mich erschreckend stark identifiziere und der mir Hoffnung auf Besserung macht :)

  2. Ich begegne vielen Menschen unserer Generation, die das gleiche Problem haben wie du. Meistens sind die Eltern getrennt. Ich will das jetzt nicht pauschalisieren aber ist mir eben schon mal aufgefallen. Meine Eltern sind immer noch ein Herz und eine Seele und zufällig habe ich nicht das Problem. Ich bin genau so ein Typ mit rosa Brille und so…. Ich verliebe mich ohne an ein Ende zu denken. Ich verliebe mich weil ich Verliebtsein liebe und wenn ich falle dann bin ich erst einmal am Boden zerstört aber was soll´s? Das geht vorbei, wird von mir ganz schnell vergessen und ich verliebe mich erneut. Seit fünf Jahren habe einen Partner, bei dem ich einfach das Gefühl habe, dass wir uns immer lieben werden. Ob es so sein wird oder nicht, ist mir erst einmal egal. Wir haben bereits eine einjährige Tochter, die unsere Liebe jeden Tag lebendig macht.

    • Das freut mich sehr für dich! Ich bewundere die Menschen auch ein wenig, die alles fallen lassen können und sich ganz ihrer Gefühlswelt hingeben können. Trotzdem beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass mich Pessimismus vor schweren Enttäuschungen bewahrt. Das ist natürlich keine schöne Art, zu leben.
      Du kannst dich sehr glücklich schätzen, dass du so lieben kannst und so liebst. Genauso dein Partner.
      Ob die Theorie über die getrennten Eltern stimmt, kann ich dir nicht sagen. Meine Eltern sind nicht getrennt und ich habe auch eine Freundin, deren Eltern getrennt sind, sie sich trotzdem ganz anders verlieben kann als ich. Ich habe aber natürlich trotzdem viel mitbekommen und gesehen und gehört, was mit der Liebe alles schief gehen kann. Vielleicht lass ich mich auch davon schnell warnen. :)
      Euch und eurer Tochter alles Gute,
      Debbie

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