Die diskrete Legende – Eine späte Lobrede auf den Stil von Evelyn Hamann

16. April 2019 von in

Gastbeitrag von Ilona Hartmann 

Mit Stilikonen ist es wie mit Fahrkartenkontrolleuren: Man erkennt sie einfach, wenn man sie sieht, gute Tarnung hin oder her. Selbst in einem 28 Jahre alten Spielfilm von Loriot findet man sie. Zumindest in diesem konkreten Fall: Die Rede ist von der diskretesten Legende Deutschlands, Evelyn Hamann. An anderer Stelle habe ich ihr bereits in Kurzform gehuldigt, aber es wird Zeit für eine tiefergehende Analyse des Stils der 2007 verstorbenen Schauspielerin. Ich glaube nämlich, Hamann hat nachhaltiger etwas für den deutschen Modestil getan als jeder einzelne bunte Blazer von Angela Merkel.

Hamann bewegt sich in ihren Rollen als Fräulein Dinkel, als Frau Hoppenstedt oder als weibliche Hauptrolle in den beiden Loriot-Filmen stets an der Grenze zwischen ernsthafter Eleganz und komödiantischer Spießigkeit.“

Obwohl ich mit Loriot-Filmen aufgewachsen bin, fiel mir erst mit viel zeitlichem Abstand auf, wie perfekt durchkomponiert Hamanns Rollen waren: Kostüm, Styling, Gesten, Text und Timing – alles ist mit solcher Perfektion ausgearbeitet, dass es einem “Egal, ich lass das jetzt so”-Millenial wie mir fast körperliche Schmerzen bereitet vor Ehrfurcht. Hamann bewegt sich in ihren Rollen als Fräulein Dinkel, als Frau Hoppenstedt oder als weibliche Hauptrolle in den beiden Loriot-Filmen stets an der Grenze zwischen ernsthafter Eleganz und komödiantischer Spießigkeit. Mehr noch: sie ist gleichzeitig Original und dessen Parodie. Ein zentrales Erzählelement ist dabei ihre Kleidung. Es mag am 90er-Trend liegen, dass sie mir überhaupt als besonders modisch auffiel, aber ich glaube, hinter ihrem Stil steckt noch mehr als nur das trendige Jahrzehnt, aus dem er stammt.

In “Pappa ante Portas” (1991) spielt Hamann Frau Lohse, die heldinnenhaft ihren unfreiwillig früh pensionierten Mann aushält. Und obwohl ihre Figur bürgerlicher nicht sein könnte, in kleinen Details unterscheidet sich das Kostüm von der Kostümierung. Und wirkt durch diese ironische Distanz verblüffend zeitgemäß, schließlich leben wir im Zeitalter der Ironie und alles, was wir meinen, meinen wir auch ein bisschen nicht. Oder trägt jemand völlig ernsthaft diese superschmalen Sonnenbrillen aus orangefarbenem Acetat?

Jedenfalls: Hamanns Ensemble aus Rock, Blazer und Feinstrick-Shirt in Staubfarben passt auf den ersten Blick sehr gut in jedes Finanzamt. Und dann aber, oha: ein ziemlich hoher Gehschlitz hinten am Rock, der gekonnt die Piefigkeit bricht. In ihrer Hand baumelt beiläufig professionell eine knusprige, braune Handtasche. In dieser Szene hängt Hamanns Gesicht so lustlos vorne am Kopf, dass es aussieht, als könne es in jedem Moment einfach auf den Boden fallen. Flatsch. Bei der Gelegenheit ein Blick auf die Schuhe: braune Pumps, für die man zur Zeit in Berlin-Mitte dreistellige Beträge zahlt.

Auf dem Weg zum Dinner dann ein taubengrauer Trenchcoat, darunter ein elegantes weißes Kleid aus feinem Stoff. Dazu eine weiße (!) Strumpfhose, weiße Midheels und eine weiße, übergroße Clutch, dezenter Goldschmuck am Hals. Im Gesicht kombiniert sie zurückhaltendes Make-Up mit unübersehbarem Augenrollen. Man könnte überspitzt sagen: Hamann sieht immer ein bisschen aus, als würde ihr jemand gerade etwas mansplainen.

Zuhause in der heimischen Villa schließlich der krönende Look: Hamann im apricotfarbenen Kimono gegen den Rest der Welt. Oder zumindest gegen den kleinen Teil, den sie vor 20 Jahren geheiratet hat. Aber alles erträgt sich leichter in altweißer Rohseide. Die resigniert hängenden Schultern und Mundwinkeln wirken darin fast schon wieder erhaben.

Und ja, zu ihrem Stil zählt eindeutig nicht nur Hamanns Kleidung, sondern auch die Attitüde, mit der sie sie trägt – nämlich völlig begeisterungslos. Ihr wichtigstes modisches Accessoire ist die gehobene Augenbraue. Die daraus resultierenden Standbilder verkörpern knapp 30 Jahre später die Laune einer ganzen Generation. Womit bewiesen wäre: Diese Frau ist eine zeitlose, zurückhaltende Legende. Ich bin nicht sicher, ob sie das zu Lebzeiten wusste. Aber wenn, hätte sie vermutlich erstmal die Augenbraue hochgezogen.

Screenshots aus Pappe ante Portas
Produktion: Willy Egger, Günter Rohrbach, Horst Wendlandt

Sharing is caring

2 Antworten zu “Die diskrete Legende – Eine späte Lobrede auf den Stil von Evelyn Hamann”

  1. Stimmt genau 😃-Auf den Punkt. Wobei ich nicht weiss, wer sie damals eingekleidet hat. Das Ganze ist und bleibt ein geniales Gesamtkunstwerk von Vicco von Bülow, den ich sehr verehrt habe. Die Beiden in Kombi bleiben für mich ungeschlagen in der humoristischen Welt.

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.