Kolumne: Der Pariser Stil

15. März 2015 von in

Ich sitze in meiner Küche, höre Charlotte Gainsbourg, trinke schwarzen Kaffee, weil mir die Milch ausging und schließe die Augen. Ich denke zurück an meinen Trip nach Paris, denn ich scheine über die Jahre seit 2007, als ich das letzte Mal der französischen Hauptstadt begegnete, völlig vergessen zu haben, was es bedeutet, in Paris zu sein. Paris is always a good idea – würde Instagram jetzt sagen und so klischeebehaftet es auch sein mag, ja, Paris ist wirklich immer eine gute Idee. Denn Paris ist die Clique auf der Schule, in die du immer rein wolltest, aber nie rein durftest und das macht die Stadt so schrecklich begehrenswert. Vor allem in der Mode.

Bücher werden darüber geschrieben. How to be Parisian – Wherever you are von Caroline de Maigret ist nur eines von tausenden Hilfestellungen, die aus uns eine Französin machen sollen, und die versuchen, den französischen Stil in Worte zu fassen.

Als ich an meinem ersten Abend in einer Bar einen Margarita mit Freundinnen trank, was ich übrigens sonst niemals trinken würde, lernte ich A kennen. A ist Pariserin und sie ist die reine Personifizierung Frankreichs. Sie trug eine derbe Lederjacke, hatte langes, mittelbraunes und ungekämmtes Haar, war ungeschminkt, trug ethnomäßige Ringe auf ihren Fingern und trank einen Cocktail nach dem anderen.

Dabei erzählte sie uns von ihrem Freund, der bald wegzieht und dass sie bald wieder Single sei. Dabei lachte sie und erzählte im selben Atemzug, wie die zwei sich kennenlernten. Sie schilderte die Geschichte so malerisch, so dramatisch und so melancholisch, dass ich das Gefühl hatte, die Storyline wäre eine geklaute von „Paris J’etaime“ oder eine Adaption von „Little white Lies“ (sie waren in einem Ferienhaus in der Provence. Natürlich!). Währenddessen sah ich nach links und entdeckte Audrey Tautou.

Bin ich plötzlich in einem französischen Film gelandet, oder was passiert hier? Ich sah mich weiter um und überall waren diese wunderschönen Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, die gestikulierten, mit Leichtigkeit über ihre Probleme lachten und Zigaretten rauchten. Die Frauen trugen größtenteils High Heels und es sah so dermaßen natürlich aus, dass ich mich plötzlich wie ein deutscher Bauer fühlte, der die coole Clique von links hinten beobachtete. Und da war es wieder, das Begehren, das man hat, wenn man in Paris ist. Ein Mysterium, das tatsächlich existiert.

Jetzt, wo ich wieder in meinem geliebten München angekommen bin, vermisse ich Paris und verstehe, wieso Ratgeber geschrieben werden und wieso alle versuchen, den französischen Stil zu durchschauen. Wieso „du siehst französisch aus“, das vielleicht schönste Kompliment ist, das du kriegen kannst.

Doch die Wahrheit ist die, dass der „Pariser Stil“ in keinem Ratgeber zu definieren ist und dass der „Pariser Stil“ nichts mit einer 5 Pieces Wardrobe zu tun hat, mit keinen Basics, keinem Cocktail und keiner Frisur. Es ist die Magie, die Pariserinnen umgibt und es ist die gesamte Kultur, mit der sie aufwachsen. Der Klischee-Pariser geht sonntags in Ausstellungen, hat Affären, liebt Mode, Musik, Essen, Literatur, Kunst und überhaupt, er nimmt das Leben nicht so ernst, lacht und hat dabei trotzdem irgendwie traurige Augen. Und jeder, der versucht, das in einem Ratgeber aufzusaugen, kann eigentlich nur verlieren.

Was wir machen können, ist, uns eine Scheibe der französischen Art abzuschneiden – statt Isabel Marant zu tragen und zu hoffen, sie würde uns französisch machen. Wann warst du das letzte Mal Kunst anschauen? Wann warst du das letzte Mal im Kino oder wann hast du das letzte Mal ein gutes Buch gelesen – alleine, nur für dich, ohne Instagram und ohne jemandem etwas dabei beweisen zu wollen? Wann hast du das letzte Mal über deine Probleme gelacht und beschlossen, dich und alles um dich herum nicht so ernst zu nehmen?

All das nehme ich mir vor und ich trinke schwarzen Kaffee, statt zu schmollen, weil keine Milch da ist, schließe die Augen und träume von meine kommenden Wochenenden in Paris.

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11 Antworten zu “Kolumne: Der Pariser Stil”

  1. Ein ganz toller Text! Ungefähr so habe ich mich auch gefühlt, als ich letzte Woche in Paris war.
    Das ganze Lebensgefühl, das einen dort umgibt, die Menachen, natürlich auch wie sie sich kleiden, das ist so einzigartig – ich glaube, dass man als Außenstehender das niemals so kopieren kann, egal wie viele Bücher man liest.
    Für mich ist das eines der vielen Mysterien Paris‘ und auch ein Grund, warum ich diese Stadt so sehr liebe!
    Wirklich schön geschrieben :)

    Liebe Grüße,
    Julia

  2. Oh, das ist so wundervoll geschrieben! Die Magie, von der du sprichst, gibt es wirklich. Es ist total schwierig, die Gedanken in Worte zu fassen, wenn es um Paris, die Stadt an sich und die Modekultur geht, aber du hast es schon sehr gut auf den Punkt gebracht. Magnifique!

  3. Wie wunderschön du das geschrieben hast, Amelie! Wie recht du hast, auch wenn wir nie Pariserinnen werden können, ein bisschen was können wir uns doch abschauen.
    Und danke an die Erinnerung dieses Jahr doch noch ein Wochenende in Paris reinzuquetschen :-)

  4. Ich finde den Text ebenfalls sehr schön geschrieben.
    Kann das gut nachfühlen, wenn man bestimmte Menschen beobachtet und sich dabei sein Leben, wäre es mit anderen Attributen versehen, vorstellt.
    Ich persönlich glaube, dass funktioniert nur, wenn die anderen mitspielen.
    Sobald man zurück in gewohnter Umgebung mit den dafür typischen Menschen ist, hat man dann das Gefühl, die neu gewonnenen Einsichten und das Lebensgefühl nicht transportiert zu bekommen, weil der Rest einfach nicht dazu passt.

    Ich habe einige Parisierinnen in meinem direkten Arbeitsumfeld erlebt, allerdings nicht in Paris, sondern -für sie betrachtet- im Ausland.
    Da kamen plötzlich ganz andere Eigenschaften zum Tragen und niemand wollte wirklich mehr so sein wie sie.
    Ich denke, vieles relativiert sich, wenn man versucht, immer das Gesamtbild zu sehen, sofern das geht.
    Jeder Kulturkreis hat seine Vorzüge, doch genauso auch seine Schattenseiten.

    Schön wäre es, sich von jedem das Beste für sich herauspicken zu können, doch da das leider nicht geht, bleibt einem „nur“, von sich selbst das Beste zu nehmen.
    Und vielleicht ist man einfach nicht dafür gemacht, darüber lachen zu können, wenn z.B. der Freund geht und man wieder Single sein wird. Egal wie oft man sich Bilder ansieht und ins Kino geht. Am Ende nimmt man sich doch immer mit.
    Aber es schadet niemals, wenn man es versucht.

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