Doku-Tipp: Avicii

3. Mai 2018 von in

Foto: Instagram Avicii

Bis zum Tod von Avicii hatte ich mich ehrlicherweise nur wenig mit dem DJ auseinandergesetzt. Die Hits des 28-Jährigen waren mir zwar ein Begriff, elektronische Musik jedoch nicht mein Metier. Bis vor zwei Wochen die Nachrichten geflutet wurden, der plötzliche Tod des Musikers wurde in allen Medien thematisiert. Auch ich las die Artikel und wurde erstmals bewusst mit Tim Bergling bekannt. Immer, wenn Menschen in jungen Jahren entscheiden, dass das Leben keinen Ausweg mehr kennt, macht es mich betroffen. Jemanden nicht halten zu können, ist wahnsinnig traurig und ein schwerer Schicksalsschlag.

Als ich bei Netflix dann die Doku über Avicii entdeckte, bekam ich einen Einblick. Einen Einblick in ein Leben voller Erfolgsdruck, Sensibilität und Entscheidungen. Das Leben von Tim Bergling. Wer den Musiker verstehen will und vielleicht auch erkennen kann, warum ein Ausweg irgendwann keiner mehr war, sollte diese Doku sehen.

Tim Bergling kommt im Teenageralter zur elektronischen Musik. Mit 17 Jahren wird er entdeckt und mutiert schnell zum gefragten Producer. Erste Gigs stehen an, dann komponiert er seinen ersten Hit: „Wake Me Up“. Tim Bergling gilt als Ausnahmetalent, ist hochmusikalisch und ein Meister am Computer. Nach dem ersten Hit folgt der nächste. Ab 2008 ist er permanent unterwegs, spielt viermal die Woche Live-Gigs, die Massen feiern ihn.

Doch hinter der Fassade des glücklichen Aviciis bröckelt es. Umgeben von Freunden und Managern ist er einsam, der Gang auf die Bühne jedes Mal mit wahnsinniger Nervösität und Unruhe verbunden. Hinter dem Computer, am Mischpult fühlt er sich wohl, die Massen fürchtet er. Er beginnt zu trinken, um der Aufregung Herr zu werden. Doch das hat seinen Preis: Aufgrund des übermäßigen Alkoholkonsums erkrankt Tim Bergling. Seine Gallenblase und Bauchspeicheldrüse sind angegriffen, Operationen folgen. Doch selbst schwer erkrankt schleppt er sich weiter durch die Shows, spielt bis 2016 knapp 800 Gigs und hört nicht auf – obwohl die Freude längst verloren ist und der Wunsch nach Ruhe so groß. Tim Bergling ist für diese Welt nicht gemacht, er ist reingerutscht. Nach und nach erkennt er es selbst. „Ich bin jemand, der ich nicht sein will, ich bin eigentlich introvertiert“, sagt er – und spielt weiterhin die Rampensau. Getrieben von Konventionen, Gesellschaftsdruck und Erfolgswahn.

Eines Abends fasst er sich doch ein Herz und entscheidet: Nie mehr auf die Bühne gehen. In der Doku sitzt er mit seinen Freunden in einem Loft und schickt die Email ab. Erleichterung ist zu spüren, zumindest bei Tim. Endlich ist eine Entscheidung gefallen. Nach der Tour 2016 sollen die Gigs aufhören, nur noch die Musik im Vordergrund stehen.

Doch mit jedem Termin der näher ans Ende der Tour rückt, vergeht das Gefühl der Erleichterung, jeder verbleibende Auftritt ist eine Hürde. Eine Herausforderung, der er sich nicht mehr zu stellen vermag. Mehrfach artikuliert er sich – doch gehört wird er kaum noch. Zu sehr ist sein Umfeld vom Erfolg des jungen Musikers erfasst, auch Geld spielt eine Rolle. „Dir ist bewusst, dass du eine Menge Geld verlierst, wenn du jetzt aufhörst?“ wird er in der Doku gefragt. Und Tim nickt: „Ja, es ist mir egal.“ Er will nicht mehr – doch Verständnis gibt es nur wenig.

2016 spielt er seinen letzten Live-Auftritt auf Ibiza, die Aufregung ist hoch. Die Freude längst vergangen, und trotzdem schleppt er sich auf die Bühne und zieht es durch. Danach ist er frei.

Oder auch nicht. Tim Bergling hatte nun Zeit, sich seiner Musik zu widmen, und blieb trotzdem gefangen. Das komplette Loslösen aus den Fängen der Industrie ist ihm nicht gelungen, zu spät war sein Ausweg, zu groß der Schaden, die Leere.

Wer die Dokumentation sieht, erkennt: Erfolg ist keineswegs alles. Du kannst der erfolgreichste Mensch dieser Welt sein und dennoch einsam. Irgendwann dreht es sich nicht mehr um dich als Person, sondern um die Erfolgsperson – und das Interesse an dir ist aus den falschen Beweggründen. Man muss heutzutage kein Avicii sein, um in solche Strudel zu gelangen. Burnout, Depressionen und Panikattacken fangen auch im Kleinen an, dann wenn der eigene Druck zu hoch wird, man fremdbestimmt sich dem Leistungsdruck beugt und sich selbst verliert. Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft, wer daraus aussteigen will, erntet schnell wie Avicii Unverständnis und Wut. Doch das Glück liegt für jeden woanders – und vor allem oftmals nicht im Erfolg. Stresskompetenz ist indivudell – und absolut wertfrei. Bestätigung über die Dinge, die wir tun sind wichtig. Sich frei zu fühlen, Entscheidungen zu treffen und Zeit mit den Liebsten zu verbringen sowie seiner selbst sich treu zu bleiben und das Glück im Kleinen sehen, machen das Leben schön.

Mich hat die Doku sehr berührt. Weil wir zwar alle nicht solche Superstars wie Avicii sind, aber trotzdem dem Leistungsdruck und Erfolgsdruck unterliegen. Weil wir Schwäche nur zu selten zugeben. Auch ich war schon vom Stress so gebeutelt, dass ich erst sehr spät erkannte, dass ich etwas ändern muss. „Avicii – True Stories“ ist nicht nur eine sehr eindrucksvolle Hommage an ein Ausnahmetalent, sondern auch ein Weckruf für uns alle.

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2 Antworten zu “Doku-Tipp: Avicii”

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