Feeling all the feels: Von Gefühlen und klarer Sicht

16. September 2019 von in

Dieses Jahr habe ich so einiges gelernt. Dass die Dinge in den seltensten Fällen genau so laufen, wie man sie plant. Dass das nicht heißen muss, dass alles schlechter kommt als man dachte, sondern manches vielleicht sogar noch sehr viel besser wird. Und dass echte, ehrliche Kommunikation das Einzige ist, das in komplexen, verwirrenden Lebensmomenten hilft.

Kommunikation heißt, alle Hüllen fallen zu lassen. Und so ehrlich zum Anderen zu sein, wie es nur geht – was eine wichtige Voraussetzung hat, die oft übersehen wird: Um zu anderen offen und ehrlich sein zu können, müssen wir erst mal offen und ehrlich zu uns selbst sein. Und ehrlich zu uns selbst sind wir oft viel weniger, als wir denken. Wie geht es uns eigentlich gerade wirklich? Was für Gefühle finden gerade in uns statt, und was sind die Gründe dafür? Auf diese Fragen antworten wir vielleicht mit „gut“ oder „heute nicht so gut“, was aber eigentlich gerade für ein Cocktail an Emotionen in uns stattfindet, welche Gefühle „gut“ oder „nicht so gut“ eigentlich genau sind, und was sie ausgelöst hat, sind viel komplexere Fragen.

Mehr Nähe zu sich selbst aufzubauen und genauer hinzuschauen, um solche Fragen beantworten zu können, erfordert mehr Arbeit als man denkt: Tagebuch schreiben, Zeit für sich alleine einplanen oder sich wirklich mal ohne Handy, Laptop, Fernseher oder Gesellschaft hinsetzen, die Augen schließen und in sich hineinhören sind Situationen, die wir im Alltag dann doch oft vergessen. Oder keine Lust dazu haben, uns lieber von einfachen Dingen berieseln lassen und komplexere Gefühle gerne mal verdrängen.

Obwohl ich mich schon immer sehr gerne mit meinen Gefühlen und Stimmungen auseinandersetze, gibt es Momente, die schwer zu verstehen sind. Momente, in denen alles scheinbar grundlos sehr viel nerviger ist als sonst. In denen es mich schon wütend macht, wenn mich jemand anrempelt. In denen ich sehr viel mehr Ansprache und Nähe möchte, als an anderen Tagen. In denen meine Zündschnur so kurz ist, dass ein Streit explodiert, während ich an anderen Tagen darüber lachen könnte. Lange Zeit habe ich das alles als PMS abgestempelt, und natürlich ist an dieser Phase, die sich manchmal unendlich zäh ziehen kann, einiges dran. Doch ist PMS nun mal auch nicht der einzige Grund für solche Gefühlsachterbahnen, die Phase macht uns reizbarer und verstärkt so einiges, was ohnehin schon da war: Die Dinge, die uns beschäftigen, unter Stress setzen oder unglücklich machen, sind so vielfältig, wie das Leben eben ist. Und wie auch von PMS sind meistens nicht nur wir selbst betroffen, sondern vor allem auch unsere Mitmenschen, auf die wir unsere ungefilterten Emotionen loslassen.

Je genauer wir wissen, was da eigentlich für ein Emotions-Cocktail in uns brodelt, und je mehr wir die einzelnen Gefühle voneinander losgelöst betrachten können, desto besser können wir sie mit der Zeit auch handlen. Denn es ist ein großer Unterschied, wenn wir uns dem Gefühl ausgeliefert fühlen, mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein – oder wenn wir wissen, dass der missmutige Tag an einer ganz bestimmten Sache liegt, die uns gerade Sorgen bereitet. Wenn wir das für uns selbst erkannt haben, können wir genau das auch unseren Mitmenschen kommunizieren – und nehmen damit ungeahnt viel Wind aus eventuellen Streit- und Konflikt-Segeln.

 

View this post on Instagram

 

A post shared by Madeleine Daria Alizadeh (@dariadaria) on

Seit einiger Zeit habe ich einen kleinen Helfer, der mir sehr viel mehr Klarheit in meinen Emotions-Cocktail bringt: Die App Moodpath. Das Prinzip ist simpel, dreimal am Tag wird man dazu aufgefordert, in die App einzutragen, wie es einem gerade geht. Und das klappt sogar in Situationen, wo man sonst nie Zeit für tiefe Gedanken oder Tagebucheinträge hätte: Moodpath gibt einem eine Auswahl an Emotionen vor, die man für den Moment auswählen kann: Fühle ich mich gerade gestresst, ängstlich, nervös oder vielleicht überlastet? Fröhlich, zuversichtlich, entspannt oder produktiv? Die einzelnen Emotionen sind sehr viel konkreter, als „gut“ oder „schlecht“, und schnell ausgewählt. Dazu können Erlebnisse und Notizen festgehalten werden, und der Moment bekommt eine Farbe: Von dunkelblau an sehr schlechten Tagen über mittelmäßiges Blau und positivem Grün bis zu Gold an Tagen, an denen die Stimmung nicht besser sein könnte.

Mit Depressionen oder psychischen Störungen muss das Ganze übrigens überhaupt nichts zu tun haben. Viel mehr geht es um das Bewusstsein für alles, was da so in einem vorgeht – und um einen besseren Zugang dazu, der uns allen gut tun kann.

In der Wochen-Übersicht sieht man anschließend ganz konkret, wie es einem eigentlich so ging in den letzten Tagen. Ob es vielleicht Momente im Alltag gibt, an denen die Stimmung regelmäßig gedrückter ist als an anderen – und welche Gründe dahinterstecken könnten. Den kurzen Fragebogen auszufüllen ist unerwartet einfach, die kurze Konkretisierung der eigenen Gefühls-Momentaufnahme hilft aber Schritt für Schritt, einen sehr viel bewussteren und ehrlichen Zugang dazu zu finden. Und plötzlich immer gelassener zu werden.

Ja, dieses Jahr war voller Erkenntnisse. Was alles aus einer besseren Verbindung zu den eigenen Gefühlen erwachsen kann, war wohl die verblüffendste Erkenntnis dieser ganzen Zeit. Denn nach und nach fängt man dadurch an, sich selbst mehr zu verstehen, unkontrollierte Gefühlsachterbahnen hinter sich zu lassen und Gefühle und Eigenheiten einfach anzunehmen. Ehrlicher zu sich zu sein, und auch zu anderen – und wo davor vielleicht hohe Wellen aus Streits und Missverständnissen waren, ist ganz plötzlich klare Sicht und gegenseitiges Verstehen.

Sharing is caring

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.