„Ich will dich, aber kein Kind“: Über gewollte Kinderlosigkeit und unseren unterschiedlichen Blick auf Frauen und Männer beim Thema Kinderwunsch

12. April 2021 von in

„Willst du mal Kinder?“ Ich war wahrscheinlich 15 Jahre, als mir die Frage das erste Mal gestellt wurde. Im Kreise meiner Freundinnen erdachten wir uns unsere Zukunft. „Ich denke schon, vielleicht irgendwann.“ Kinder, ich inmitten einer Familie, so sah ich immer meine Zukunft. Wie politisch die Frage nach Kindern ist, war mir mit 15 noch nicht bewusst. Spätestens in meiner ersten langen Beziehung dämmerte es mir dann aber doch. „Hilfe, alle Welt erwartet, dass ich Kinder will.“ Mit 25 Jahren kam die Frage immer öfter. „Jetzt dann, nach dem Studium, nicht?“ Ich schüttelte den Kopf, schob den Kinderwunsch auf die lange Bank und die Beziehung an ihr Ende. Ohne Mann, keine Frage? Von wegen. Jetzt fing der Stress erst an. Mit 30 wurde mein Single-Dasein immer öfter diskutiert. Nicht von mir, sondern von außen. „Naja, du solltest jetzt dann mal schon einen Mann finden.“ Nicht für mein persönliches Glück, sondern um Kinder zu kriegen. Ich hatte es fast vergessen, die Gesellschaft fand nämlich, mein Auftrag war es, Kinder zu kriegen. Kaum wieder in einer Beziehung wurde jeder Schluck Wein beobachtet. Denn: „Vielleicht kriegt sie ja jetzt endlich Kinder.“

Tja, Tierbabies stehen gerade eher hoch im Kurs. Und ja, ich möchte noch immer Kinder. Aber gerne ohne dabei eine gesellschaftliche Debatte auszulösen. Der Kinderwunsch ist ein so persönliches, so intimes Thema, das eben nur zwei Menschen angeht. Die potentiellen Eltern. Alle anderen haben sich rauszuhalten. Denn mal ehrlich: Der Kinderwunsch an sich ist schon ambivalent genug. Da brauche ich nicht noch zehn Menschen, die mir sagen, wann es denn nun Zeit für Babies wäre. Denn während in meinem Umfeld viele Frauen und Männer sind, die jedes Baby supersüß finden, gehöre ich eher zur Fraktion, ich finde Kinder cool, aber habe keinen Kinderwunsch, der mein Herz vor Sehnsucht platzen lässt. Ich hätte gerne Kinder, aber ich weine nicht, weil ich noch keine habe. Wie fühlt sich also ein echter Kinderwunsch an? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, ich fände es schön.

Denn mitunter spielt natürlich die Frage eine Rolle: Was möchte ich vom Leben? Wie viel Raum lässt ein Kind für den Rest des Lebens? Und wie groß sind die Erwartungen an mich als zukünftige Mutter – und welche Erwartungen werden an Väter gestellt? Spoiler: Nicht die selben. Was mich wütend zurücklässt und die Frage nach dem Kinderwunsch nicht einfacher macht.

Während die einen sich Kinder wünschen, wollen die andern Frauen (und Männer) keine. Sie haben einen anderen Plan für ihr Leben. Der nur keinen Platz in unserer Gesellschaft hat. Denn eine Frau und gewollte Kinderlosigkeit – wie geht das denn zusammen? Ärzt:innen verweigern Eingriffe und sprechen Frauen ihre bewusste Entscheidung ab. Hinter vorgehaltener Hand urteilt die Gesellschaft über Frauen ohne Kinder, merkwürdig seien sie, sie wüssten gar nicht, was sie verpassen. Dieses wahre Mutterglück, nicht wahr? Was vor allem passiert: Frauen ohne Kinder – ob gewollt oder nicht – sind verdammt einsam. Ihnen fehlt die Lobby, das Sprachrohr, das Verständnis. Für ihren Lebensentwurf, der eben keine Kinder beinhalten soll oder darf.

Die Autorin Linn Strömsborg hat einen Roman über gewollte Kinderlosigkeit geschrieben. Über eine Frau, die sicher ist, keine Kinder zu wollen. Und die einen Partner hat, der von einer Rasselbande träumt. Es ist ein bewegender Roman geworden, der ganz viel in mir ausgelöst hat. Der mir selbst gezeigt hat, wie stark ich in strukturellem Denken gefangen bin. Der mir aufgezeigt hat, dass es bei diesem Thema wohl niemals wirklich einen Kompromiss geben wird. Der beweist, dass Elternschaft auch nicht das pure Glück, sondern viel mehr Belastung für die Partnerschaft ist. Und der mir auch vor Augen gezeigt hat, dass ich trotz allem gerne Kinder will. Irgendwann. Dass ich aber genauso jene Menschen verstehe, die sich dagegen entscheiden. Und dass es mir das Herz bricht, wenn Menschen ungewollt kinderlos bleiben.

„Wie  glücklich kannst du sein, wenn dich alle für unglücklich halten?“, fragt die Protagonistin in Linn Strömsborg Roman. Ein Satz, der mich tief berührt hat. Weil er zeigt, wie unsere Gesellschaft beim Thema Kinderwunsch denkt. Das Kollektiv vergisst gerne, dass jemand, der sich bewusst gegen Kinder entscheidet, dies meist aus freien Stücken tut – und nicht, weil er etwa unglücklich, unzufrieden oder getrieben ist. Jeder hat das Recht darauf, das Leben zu leben, dass er für sich möchte. Und das kann auch eines ohne Kinder sein.

Mit Linn Strömsborg habe ich über ihren Roman „Nie, nie, nie“ gesprochen, warum wir einen so unterschiedlichen Blick auf Männer und Frauen beim Thema Kinderwunsch haben und warum man als Frau immer öfter denkt: „Ich wäre gerne Vater“.

Linn, du hast einen Roman über eine Frau geschrieben, die so gar keinen Kinderwunsch verspürt. Im Gegenteil: Sie ist sich sicher, dass sie niemals Kinder haben will. Wie kamst du auf das Thema?

Ich wollte eigentlich einen Roman schreiben, der eine Liebesgeschichte erzählt, doch im Schreibprozess entwickelte sich die Geschichte zu einer Erzählung über ein Paar, dass sich zwar liebt, aber einer von beiden möchte Kinder und der andere nicht. Ich glaube, das passiert ziemlich oft. Öfter als wir denken oder uns bewusst sind. Und ich wollte diese Perspektive weitererzählen. Was passiert, wenn einer keine Kinder will? Vor allem, was bedeutet es für Frauen, wenn sie keinen Kinderwunsch haben? Sind sie dann weniger „Frau“? Was sagen andere dazu? Welche Gefühle kommen auf? Und was passiert, wenn die Person, die du am meisten liebst, unbedingt Vater werden will, du aber niemals eine Mutter sein möchtest? Die Frage nach dem Kinderwunsch ist ein Dealbreaker. Hier gibt es keinen Kompromiss. Entweder man möchte Kinder – oder eben nicht.

Was bedeutet es für Frauen, wenn sie keinen Kinderwunsch haben? Sind sie dann weniger „Frau“?

Wie viel von dir selbst steckt in deinem Roman „Nie, nie, nie“?

Normalerweise starte ich beim Schreiben eines Romans aus einer persönlichen Perspektive. Etwas, das mich gerade beschäftigt. Und dann entwickelt sich die Geschichte irgendwohin. Meine Hauptcharaktere basieren jedoch nie auf mir selbst, sondern sind meistens cooler oder mutiger als ich. In meinem neuen Roman teile ich ein paar meiner Gedanken zum Leben, aber natürlich nicht alle. Und das ist genau das, was ich so sehr am Schreiben liebe. Man kann Geschichten erzählen, die nicht nur deine eigenen sind- und man kann sie unendlich weit ausbauen und erträumen.

Warum glaubst du, ist die Frage nach dem Kinderwunsch – gerade bei Frauen – immer noch so eine fundamentale in unserer Gesellschaft?

Das ist eine schwere Frage, auf die ich glaube ich keine qualifizierte Antwort habe. Aber ich glaube, die Frage nach dem Kinderwunsch ist so fundamental, weil sie die Frage nach dem Leben stellt. Wie wir leben wollen. Die Wahl zu haben, ob man Kinder möchte oder nicht, ist noch neu. Die Pille, Frauenrechte und die Möglichkeit, sein Leben so zu leben, wie man will, war so für Frauen vor 100 Jahren noch nicht möglich. Wie die Zeiten sich ändern, so ändern sich auch die Menschen. Und dennoch: Als Mensch ist der Wunsch nach Kindern tief in uns verankert. Für viele ist es keine Wahl, sondern viel mehr Bestimmung. Ich glaube, genau dieser große Graben zwischen „Kinder sind meine Bestimmung“ und „Ich entscheide mich gegen Kinder“ macht das Thema so wichtig, aber auch kontrovers. Und dann glaube ich, wie ich oben schon sagte, dass die Frage nach dem Kinderwunsch eben eine absolute ist. Entweder man bekommt welche oder nicht. Es gibt nur schwarz oder weiß bei diesem Thema – und keine Grauzonen.

Die Wahl zu haben, ob man Kinder möchte oder nicht, ist noch neu. Die Pille, Frauenrechte und die Möglichkeit, sein Leben so zu leben, wie man will, war so für Frauen vor 100 Jahren noch nicht möglich.

Stark fand ich den Satz in deinem Roman „Wie kann man glücklich sein, wenn jeder um einen herum denkt, man sei unglücklich?“ – Als Frau ohne Kinderwunsch wird einem schnell unterstellt, das liege nur daran, dass man unzufrieden oder unglücklich sei. Warum muss sich diese Perspektive endlich ändern?

Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man erkennt, dass Glück von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich definiert wird – wenn man mal die Grundbedürfnisse wie ein Zuhause, Essen und genug Geld weglässt. Was für die eine Frau das pure Glück sein kann, mag für die andere Frau der personifizierte Albtraum sein. Aber egal, wie weit unsere Lebensentwürfe auseinanderdriften, wir können doch trotzdem Seite an Seite durchs Leben gehen. Wenn sich mein Nachbar dazu entscheidet, fünf Kinder zu haben – und ich möchte kein einziges, können wir doch weiterhin glücklich zusammen in unserem Hinterhof sitzen und einen Tee trinken, während wir den Sonnenuntergang beobachten. Ich persönlich glaube, wir brauchen mehr indidivudelle Geschichten, andere Perspektiven von Lebensentwürfen, sodass am Ende jeder Lebensentwurf seine Berechtigung auch in der Außenwahrnehmung hat.

Was wäre deiner Meinung nach der richtige Umgang mit der Frage nach dem Kinderwunsch in unserer Gesellschaft?

Wieder so eine schwere Frage (lacht). Ich glaube zu allererst, es ist eine absolut persönliche Entscheidung, ob man Kinder möchte oder nicht. Und damit wünsch ich mir für alle Frauen und Männer, die Kinder haben wollen, dass sie welche bekommen. Und für alle Menschen, die keine Kinder wollen, wünsche ich mir, dass sie all das bekommen, was sie sich wünschen. Beide Entscheidungen sollten respektiert werden. Niemand sollte sich für seine ganz persönliche Lebensentscheidung rechtfertigen oder verteidigen müssen.

Beide Entscheidungen sollten respektiert werden. Niemand sollte sich für seine ganz persönliche Lebensentscheidung rechtfertigen oder verteidigen müssen.

Warum glaubst du, betrifft die Frage nach dem Kinderwunsch vor allem Frauen?

Ich denke, gerade Mutterschaft und das Dasein als Mutter hat in unserer Geschichte eine große Bedeutung. Mädchen werden schon von kleinauf dazu erzogen, dass sie sich um andere kümmern. Jungs hingen sollen spielen und stark sein. Keine Frage, das sind tolle, wichtige Eigenschaften, aber gleichzeitig auch ein Klischee, das zum strukturellen Problem wird. Während ein Junge zum Erwachsenen heranwachsen darf und ohne mit der Wimper zu zucken sagen darf, dass er keine Kinder will, weil er ein Unternehmen gründen möchte, werden Frauen sofort in Frage gestellt. „Ist irgendetwas falsch mit ihr?“

In deinem Buch schreibst du davon, dass die Protagonistin sagt „Ich wäre sicher ein guter Vater geworden“. Sie spielt damit auf die unterschiedlichen Erwartungen an Mütter und Väter an. Warum denkst du unterscheidet sich das so extrem?

Zum Glück kommt bei diesem Thema langsam Bewegung rein. Trotzdem glaube ich, dass das Mutter-werden allein durch unsere Biologie – wir tragen das Baby neun Monate in unserem Bauch, wir meistern eine Geburt und Stillen – lebensverändernder ist, als die eines Vater. Und irgendwie ist es auch etwas einsames, denn egal, wie viel du von diesem Prozess mit deinem Partner, dem zukünftigen Vater teilen willst, er wird nicht das selbe fühlen, sondern dir nur beistehen. Das bedeutet, ab dem Tag der Geburt haben wir unterschiedliche Rollen als Mutter und Vater. Ich hoffe dennoch, dass sich die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen (und Männer) langfristig ändern werden. Es ist ja schon etwas Veränderung da. Früher saßen Väter vor dem Krankenhaus und rauchten eine Zigarre, heute halten sie die Hände der Frau während der Geburt. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich weiß ehrlicherweise nicht, warum wir so hohe Erwartungen an Mütter haben und nicht an Väter.

Ich glaube, dass das Mutter-werden allein durch unsere Biologie – wir tragen das Baby neun Monate in unserem Bauch, wir meistern eine Geburt und Stillen – lebensverändernder ist, als die eines Vater.

Wie können wir diese Erwartungen aufheben oder vielleicht sogar umkehren?

Indem wir mehr Geschichten erzählen und unsere persönlichen Erfahrungen teilen. Beispielsweise die Einsamkeit von Müttern. Oder wie es ist, ein Vater zu sein. Oder eben, wie es sich anfühlt, keine Mutter oder kein Vater sein zu wollen. All diese Geschichten müssen gehört werden. Ich wünsche mir mehr Filme, Serien und Romane über dieses Thema. Denn ich bin mir sicher, es gibt noch viel mehr dazu zu sagen.

Wenn Freunde Eltern werden, verändert sich oft die Freundschaft. Wie schafft man es, trotzdem weiterhin eine gute Beziehung zueinander zu haben, obwohl das Leben des einen Teils gerade Kopf steht?

Ich glaube, das hängt viel von der Freundschaft ab. Eine lebenslange Freundschaft hat schon so manche Veränderung durch gemacht, von der Schulzeit, in der man sich dauernd sah, bis zum Studium und Job. Wer all diese Phasen durchstanden hat, wird auch eine neue Veränderung überstehen. Ein Baby zu bekommen, verändert viel. Aber ein Baby bleibt kein Baby, sie wachsen, sie werden größer, das Leben verändert sich erneut. Manche Freund:innen werden bleiben, andere gehen. Aber ich glaube ganz fest daran, dass manche Freundschaften all diese Veränderungen überleben und mitmachen.

Im Roman trennt sich die Protagonistin irgendwann von ihrem Freund, weil er Kinder will und sie nicht. Was würdest du Menschen raten, die genau in diesem Dilemma stecken?

Oh, das ist schwierig. Und wahrscheinlich unmöglich zu beantworten. Aber ich denke, ich würde ihnen sagen, dass sie nett zueinander sein sollen und das tun sollen, was sie glücklich macht. Auch wenn es sie vielleicht zuerst traurig machen muss.

Manchmal muss man erst etwas tun, was einen traurig macht, damit man glücklich werden kann.

Was verstehst du unter einem „erfüllten Leben“?

Ich denke, Leben bedeutet Veränderung. Und das, was dich in jungen Jahren erfüllt, ist etwas anderes, wenn du älter wirst. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man gut zu sich und anderen ist, und dass man nicht nur das Beste für sich, sondern auch für andere Menschen will. Und manchmal bedeutet das Beste für jemanden anderen, dass man selbst erstmal glücklich ist. Versteht man das? (lacht).

Das Ende des Romans hat mich überrascht: Die Frage nach dem Kinderwunsch kennt keinen Kompromiss, richtig?

Tja, du kannst eben kein „Fast“-Vater oder eine „Vielleicht“-Mutter sein. Du kannst es nicht mal kurz ausprobieren und gucken, ob es sich lohnt. Manchmal wünschte ich mir, das ginge – wie mit so vielen Dingen im Leben. Wenn man beispielsweise von einem Umzug in einer andere Stadt träumt, kann man es ausprobieren – für einen Monat, ein Jahr, und einfach mal gucken, was passiert. Aber du kannst eben keine Familie gründen und erst dann entscheiden, ob es dein Ding ist. Es gibt keinen Kompromiss. Aber ein Ende ist eben nicht immer ein Ende, sondern manchmal auch ein Neuanfang.

Was war deine größte Motivation für diesen Roman und das Thema?

Ich wollte gerne eine Story schreiben, warum wir Kinder bekommen – und warum auch nicht. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die ich da draußen irgendwie vermisse und vielleicht auch selbst hören wollte. Ich wollte eine kinderlose Heldin erschaffen, und vielleicht gibt es noch mehr Frauen (und Männer), die ebenfalls eine brauchen.

Linn Strömsberg Buch „Nie, nie, nie“ ist ab heute überall erhältlich. Hier geht’s direkt zum Buch.

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