Die Entscheidung für ein Leben ohne Kind: 5 Frauen erzählen

9. November 2021 von in
Bild: @streetwritings

Kinder kriegen. Für viele ist es einer der essentiellen Lebensträume, der logische nächste Schritt in einer glücklichen Beziehung, das große Ziel in den 20ern oder 30ern – für viele, aber eben nicht für alle. Dass dieser Wunsch so viele Menschen packt, hat die unterschiedlichsten Gründe – ein großer davon ist wohl, dass das Kinderkriegen auch gesellschaftlich als essentielles Ziel im Leben angesehen wird, die Familie mit Kind als das typische Lebensmodell gilt.

Was aber, wenn man das Ganze selbst so gar nicht fühlt? Wenn man Kinder vielleicht an sich mag, aber keine eigenen haben möchte? Das Mutter- oder Vatergefühl einen einfach nicht packt, egal wie blumig man sich das Leben mit Kind auch ausmalt? Man glücklicher ohne die zusätzliche Verantwortung ist und für sein Leben anderes geplant hat – oder der Kinderwunsch zwar da ist, sich aber nicht erfüllen lässt?

In einer Gesellschaft, in der das Kinderkriegen nach wie vor als Normalität gilt, wird bei anderen Lebensrealitäten erstmal aufgehorcht. Ein Paar ohne Kind, ein Mann ohne Kind, und ganz besonders eine Frau ohne Kind werden viel zu oft als Abweichung von der Normalität wahrgenommen, dabei ist und bleibt die Kinderfrage eine völlig individuelle Entscheidung – und ein Leben ohne Kind kann genauso normal, erfüllt oder unerfüllt, glücklich oder unglücklich verlaufen wie ein Leben mit Kind. Denn Lebensentwürfe sind nicht schwarz und weiß, sie sind vielfältig und individuell. Und die Stimmen, die vom Leben ohne Kind erzählen, im Vergleich oft noch viel zu wenige.

Deshalb haben wir euch gefragt: Wie kamt ihr zu der Entscheidung, kein Kind zu bekommen? 5 Frauen erzählen ihre Beweggründe.

Katinka, 30

Wir schieben die Entscheidung auf. Wir sind 30 und 31 und seit drei Jahren zusammen, ich habe Kommunikation und PR studiert, mein Freund Jura. Nach dem langen Studium fängt das Karriereleben erst an, das ist uns wichtig. Ausserdem habe ich die Sorge, dass wir als Eltern nicht mehr die gleichberechtigte Beziehung führen wie jetzt.

Ich will nicht das Mehrgewicht von Stillen, Arbeiten, Windeln kaufen, Aufräumen und Kita suchen tragen, wie es eben leider bei vielen Eltern ist: bei der Mutter liegt mehr Verantwortung.

Ich will das nicht organisieren und ich will mich darüber nicht streiten. Solange der Kinderwunsch nicht da ist, habe ich diese Probleme nicht.

Annika, 31

Ich (31, cis) habe mich nach fast acht Jahren Beziehung von meinem letzten Partner getrennt, weil er einen Kinderwunsch hatte und ich nicht. Ich bin ziemlich direkt in die nächste Beziehung gestartet, in der es schon wieder so ist. Ich mag Kinder super gern und habe viel mit Kindern gearbeitet – habe deshalb aber auch genau gesehen, was es bedeutet, vor allem als Mutter, in dieser Gesellschaft ein Kind zu haben und bin mir momentan sehr sicher, dass das für mich nicht infrage kommt. In meiner Hetero-Beziehung ist das allerdings viel Thema, da es meiner Einschätzung nach für Männer sehr viel romantisierter dargestellt wird, „Vater zu werden“ – die Auswirkungen eines Kindes auf den Lebenswandel sind doch meist sehr viel geringer, da eine gleichberechtigte Aufteilung von Carework in der Realität an ökonomischen Zwängen und der eigenen Sozialisation scheitert.

Ich habe viel als Nanny gearbeitet und wurde deshalb oft für eine Mutter gehalten. Meine Erfahrung: Weder machen Menschen Platz für dich auf dem Fußweg wenn du einen Kinderwagen schiebst, noch wirst du als Mensch wahrgenommen. Andere Mütter sprechen dich auf dem Spielplatz zur Begrüßung mit „stillst du noch?“ an und erzählen dir, wie einsam sie sind. Vom mental load, der selbst in meiner letzten kinderlosen Beziehung und dem dazugehörigen Haushalt zu 90% bei mir lag, fange ich da gar nicht erst an.

So lange die Kleinfamilie als idealtypisch gilt, ist eine gerechte Elternschaft glaube ich nur against all odds mit super viel Kraftanstrengung und Privilegien möglich.

Und das sehe ich für mich nicht. Bock auf ne verbindliche Co-Parent-Rolle hätte ich aber perspektivisch schon. Nicht ohne Grund sind die glücklichsten und ausgeglichendsten Eltern, die ich kenne, die getrennt-erziehenden in neuen Beziehungen. Patchwork heißt eben im Idealfall auch, dass es mehr als zwei Bezugspersonen und mehr als zwei Einkommen gibt, und mehr als zwei mal 24 Stunden am Tag. Aber ein großstädtischer Wohnungsmarkt erlaubt solche Konstellationen, die viel Wohnraum und räumliche Nähe brauchen, leider nur selten.

Also auch beim Kinderthema gilt meiner Meinung nach wie so oft: Kapitalismus und Patriarchat sind das Grundübel.

Mein Freund und ich sprechen viel darüber und es war auch von Anfang an Thema. Wir haben auch überlegt, ob das ein Trennungsgrund ist, aber entschieden, dass wir mit unseren momentanen konträren Haltungen beide nicht soo 100% forever festgelegt sind und es doof fänden, uns direkt wieder zu trennen wegen einem potentiellen Zukunftsszenario, obwohl wir so eine gute Zeit miteinander haben.Es gab aber viele Tränen und immer wieder Diskussionen dazu. Ich glaube, für ihn hat diese Vorstellung auch einen gewissen Gewohnheitsaspekt, und durch unsere Gespräche entsteht eine Zukunftsvision ohne Kind, die vielleicht auch annehmbar sein könnte. Wir diskutieren aber regelmäßig darüber und wenn wir mit Kindern von Freund*innen Zeit verbringen, merke ich schon seinen traurigen Blick.

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass es immer mehr Menschen gibt, die sch für ein kinderfreies Leben entscheiden und das Stigma zumindest in meiner Bubble schwindet – ich erlebe erstaunlicherweise vor allem Druck von meinen Freunden, die selbst Kinder haben. Die Tatsache, dass nicht alle Menschen sich „einfach nur mal“ für ein Kind entscheiden können und bspw. Reproduktionsrechte in nicht cis-hetero-Kontexten leider meist sehr anders aussehen und viele Menschen aus 1000 Gründen nicht einfach schwanger werden können, wird finde ich viel zu oft nicht mitgedacht bei übergriffigen Kommentaren – aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema.

Anja, 35

Ich bin 35 und mein Partner 37, wir haben uns vor acht Jahren kennengelernt und mir war es damals schon sehr wichtig, nur Männer zu daten die sich mit den Kinderthema Ende 20 schon auseinandergesetzt hatten und das Thema nicht von sich wegschieben. Ich wollte nie Kinder, erst Recht nicht, als ich verstanden habe, wie sehr man dadurch für Jahre die Kontrolle über das eigene Leben verliert. Ich bin sehr eigenständig, Freiheit ist alles für mich. Mein Partner sieht es auch so, hat sich aber als Mann nicht so tiefgehend damit beschäftigt. Wir haben beim ersten Date (damals 27 und 29 Jahre alt) darüber gesprochen, dass wir keine Kinder möchten und daran hat sich nichts geändert. Mein Partner kommt aus Südafrika, dort ist der gesellschaftliche Druck eine traditionelle Familie zu gründen größer. Meine Eltern haben immer gesagt, das muss jede/r selbst wissen. Ich fühle mich gut so wie es ist und mein Partner auch.

Gezweifelt habe ich bisher nicht, mein Partner auch nicht. Noch ist der Punkt ja auch nicht erreicht, wo es biologisch absolut unmöglich wäre. Ich merke, dass mein Leben langsam in eine andere Richtung geht, als das von Menschen, die Kinder haben. Und dass ich mir selbst Ziele setzen muss jenseits von Kind, Heirat und Haus. Zwei meiner Kolleginnen sind ü50 und gewollt kinderlos und sehr glücklich, tolle Frauen, die ihr Leben genau so leben, wie sie möchten und sich immer ein ihre Unabhängigkeit bewahrt haben, trotz Ehe oder Langzeitbeziehung. Das bestärkt mich darin, den richtigen Weg zu gehen.

Finanzielle Unabhängigkeit vom Partner, Gleichberechtigung und die Möglichkeit, mit einem Menschen ganz und für immer abschließen zu können, wenn die Beziehung nicht (mehr) funktioniert, sind mir sehr wichtig.

Welche Ziele man im Leben haben kann, wenn es nicht das Kinderkriegen kann, ist eine interessante Frage. Beantwortet habe ich sie für mich noch nicht voll und ganz. Ich denke zur Zeit aber viel darüber nach, wie ich mich beruflich weiterentwickeln kann. In meinem Beruf arbeiten 90% Frauen, die meisten haben oder möchten Kinder und sind froh einen sicheren, gut bezahlten Job zu haben, bei dem man gut in Teilzeit arbeiten kann und anständig verdient. Die fehlenden Weiterbildungsmöglichkeiten scheinen die meisten gar nicht zu stören. Eines meiner Ziele ist, im Rahmen meiner Möglichkeiten beruflich weiterzukommen, mich weiterzuentwickeln und meiner körperlichen und mentalen Gesundheit absolute Priorität einzuräumen. Gemeinsame Ziele als Paar wären das Leben zu genießen, machen was uns gut tut, Sport, Reisen, gutes Essen. Ein großer Wunsch von mir wäre es auch einem Hund aus dem Tierschutz ein Zuhause zu geben, aber ich weiß nicht, ob und wann ich mich für diese Verantwortung bereit fühle.

Sabrina, 34

Ich lebe in einer Beziehung mit einem Mann, der bereits zwei Kinder hat. Für uns beide ist klar, wir werden kein weiteres bekommen – und das ist okay so. Ich wollte lange ein Kind aus den falschen Gründen, wollte, dass mein vorheriger Partner mit mir eine Familie gründet, damit er bleibt. Ich hatte lange nicht erkannt, wie kaputt die damalige Beziehungskonstellation war.

Nun, nach vier Jahren und verarbeiteter Trennung ist mir deutlich klar: Ich bin nicht der Muttertyp.

Ich könnte nicht in dem Maße zurückstecken, das Kinder verdienen. Ich mag Kinder, gleichzeitig triggern sie auch sehr viel aus meiner ungenügenden Kindheit. Ich bin sicher, ich könnte meinen eigenen Ansprüchen als Mutter nicht genügen.

Ein ganz anderer Teil dieser Entscheidung weiß auf der anderen Seite auch, dass viele Beziehungen an Kindern zerbrechen. An den Ansprüchen, die sie an Eltern stellen, an den Umstellungen im Alltag, daran, dass oft keine Ressourcen mehr für die Partnerschaft übrig sind. Auch das ist als Aussicht eher unschön.

Daher: Mir persönlich fiel die Entscheidung gegen Kinder leicht, sobald der Gedankengang zu Ende gedacht war.

Karina, 30

Als Kind habe ich immer Mutter, Vater, Kind gespielt. Ich war immer die Mutter und habe mir vorgestellt, eines Tages Kinder zu haben. Heute bin ich immer noch der Meinung, dass Kinder eines der schönsten Lebensinhalte sein können. Warum habe ich also noch keine Kinder und warum bin ich mir gar nicht sicher, ob ich eines Tages überhaupt Mutter werden will? Mutter werden, Leben auf diese Welt bringen. Genau das ist es, was mir so viel Angst macht: Ein Leben.

Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Meine Eltern lieben sich bis heute noch innig. Ich habe zwei Schwestern, die beste Freundin war somit immer nur eine Zimmertür weiter. An einer traurigen Kindheit kann es also nicht liegen, dass ich selbst so eine Hemmung habe, Kinder zu kriegen.

Ich stand der Frage, ob ich mir überhaupt zutraue, Kinder zu kriegen, nie wirklich kritisch gegenüber.

Dass ich irgendwann Kinder haben werde, war immer klar für mich, tiefer hatte ich mich nie damit befasst. Doch vor einem Jahr fing es an. Aus der Frage wurde eine echte Herausforderung für mich. Denn ich habe geheiratet, die hypotherische Frage ist jetzt eine konkrete.

Ich stelle sie mir ständig: Kann ich Mutter werden? Ich bewundere die Frauen, die immer behaupten, „ach, irgendwie bekommen wir das Kind schon geschaukelt“. Oder die den Mythos glauben, in jeder Frau stecke ganz sicherlich eine Mutter. Aktuell stelle ich mir die Frage ständig: bin ich bereit, einen Menschen auf diese Welt zu bringen? Ganz abgesehen von übergeordneteren Themen wie den Klimawandel, die das Thema Kinderkriegen noch fragwürdiger machen.

Meine Frage ist vor allem: schaffe ich es emotional, Mutter eines Kindes zu sein? Könnte ich es ertragen, wenn es meinem Kind eines Tages schlecht geht, ohne dass ich etwas tun kann? Könnte ich es ertragen, wenn es mich eines Tages hasst? Könnte ich ertragen, wenn es eines Tages nicht mehr auf dieser Welt sein möchte? Was ist, wenn ich ich etwas falsch mache? Wie mache ich alles richtig? Oder besser? Ich bin allgemein ein Mensch, der immer die Fehler bei sich sucht. Ich würde als Mutter wahrscheinlich nie wieder aufhören, nach Fehlern zu suchen.

Natürlich macht jeder Fehler. Aber darf man sich als Mutter denn überhaupt größere Fehler erlauben? Ich ware für alles verantwortlich, was in den ersten Jahren mit meinem Kind geschieht. Wenn man eine Pflanze aufzieht, fängt sie entweder an zu blühen – oder sie geht ein. Und das macht mir Angst.

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3 Antworten zu “Die Entscheidung für ein Leben ohne Kind: 5 Frauen erzählen”

  1. Sehr interessant und sehr nachvollziehbar. Ich hatte auch 40 Jahre lang ein kinderloses Leben, hab auf den letzten Drücker dann doch noch eins bekommen, weil ich dann doch irgendwie neugierig war. Kann im Nachhinein sagen, beides ist super. So lange braucht ein Kind einen übrigens gar nicht, wenn man es bei einem belässt. Hatte auch Angst, nicht mehr ich selbst zu sein. Das trifft auf die ersten 5 Jahre auch zu. Aber dann verabreden die sich ständig mit anderen Kindern, sind auf Geburtstagen und man hat wieder viel Zeit für sich…

  2. Ich finde es zwar interessant was diese Menschen zu sagen haben, allerdings hatte ich mit Menschen jenseits des biologischen Zyklus gerechnet. ZB Menschen mit einer Gebärmutter, deren biologische Uhr abgelaufen ist und das schon etwas länger. Sie können von ihren Erfahrungen erzählen. Die Menschen mit biologischer Uhr Anfang/Mitte 30 könnten ja (wenn alles funktioniert) immernoch Kinder bekommen, sollten sie dann doch Panik bekommen. Ich hoffe, Sie verstehen was ich meine. Ich hätte mir mehr Menschen gewünscht, die jenseits der 30 sind. Natürlich sollten sich auch welche melden, das ist auch klar. Ich finde die Anregungen von den Menschen, die interviewt wurden, super. Hätte mir nur mehr vielfalt im Alter gewünscht.

    • Liebe Tina, du hast recht, das wäre sehr spannend gewesen. Da unsere Kernzielgruppe um die 30 ist, erreichen wir meistens auch nur Personen in diesem Alter bei unseren Aufrufen. Danke für den Hinweis, vielleicht können wir trotzdem so eine Umfrage nochmal in einer anderen Alterskategorie starten! Liebe Grüße, Amelie

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