Häusliche Gewalt: Drei Frauen erzählen

27. November 2019 von in

Dieser Artikel erschien zuerst auf Vogue.de

Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am Montag hat die Vogue mit drei Frauen aus Großbritannien, Kenia und Palästina über ihre sehr persönlichen Erfahrungen häuslicher Gewalt gesprochen.

Weltweit sind täglich Millionen von Frauen von häuslicher Gewalt betroffen – erschütternde Zahlen, die nicht ignoriert werden dürfen. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge gibt knapp ein Drittel aller Frauen, die schon einmal in einer Beziehung gelebt haben, an, bereits physische oder sexuelle Gewalt seitens eines Partners erfahren zu haben. Fast 40 Prozent aller weiblichen Mordopfer werden von ihrem Partner getötet.

Angesichts international steigender Femizid-Raten, kam es 2019 zu einer weltweiten Protestwelle gegen häusliche Gewalt. Im September gab es Demonstrationen in verschiedenen spanischen Städten nachdem im Verlauf des Sommers 19 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet worden waren. Im Oktober veranstalteten Protestierende ein “die-in” in Paris, nachdem in diesem Jahr über 120 Frauen in Frankreich in Folge häuslicher Gewalt gestorben waren. Auch in Russland gibt es, seit 2017 bestimmte Formen häuslicher Gewalt dekriminalisiert wurden, immer wieder Proteste.

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass häusliche Gewalt in verschiedensten Formen auftreten kann: physisch, sexualisiert und psychologisch, auch als Ausübung von Zwang und Kontrolle sowie als Entzug finanzieller Mittel. Anlässlich des von der UNO ausgerufenen Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November reden drei Frauen aus Großbritannien, Kenia und Palästina über ihre sehr persönlichen Erfahrungen häuslicher Gewalt.

*Hannah, 36, aus Großbritannien

…erlebte über vier Jahre lang häusliche Gewalt seitens ihres (mittlerweile) Ex-Mannes. Er wurde Anfang 2019 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

“Es ging mit Kleinigkeiten los. Er fragte zum Beispiel: ‘Was hast du an? Was machst du? Mit wem sprichst du?’ und sagte mir dann, ‘Zieh das nicht an, mach das nicht, rede nicht mit diesen Leuten.’ Dann wurde die Gewalt körperlich. Aber er hat sich hinterher immer entschuldigt, ist weinend zusammengebrochen und hat gesagt ‘Es tut mir so leid, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich liebe dich.’ Manchmal bin ich gegangen, einmal auch in ein Frauenhaus [für Frauen und Kinder, die von häuslicher Gewalt bedroht sind]. Aber ich bin immer wieder zurückgekommen, und schließlich haben wir beschlossen zu heiraten. Am Tag unserer Hochzeit hat er mich gewürgt. Aber selbst da dachte ich noch: ‘Ich muss weitermachen; ich bin jetzt schon so weit gegangen.’“

Einmal sagte ich ihm ‘Fass mich nicht an, hör auf damit’, und er antwortete ‘Nein, du bist meine Frau, ich kann machen, was ich will.’

“Er war auch nach der Hochzeit immer wieder gewalttätig. Dann wurde ich mit unserem Sohn schwanger und all das wurde mir wirklich zu viel, so dass ich ihn verlassen habe. Er ist komplett durchgedreht und hat mich ständig angerufen und heftig beleidigt. Wir haben uns dann wieder vertragen und ich habe das Baby bekommen. Aber er war immer noch derselbe. Einmal sagte ich ihm: ‘Fass mich nicht an, hör auf damit’, und er antwortete ‘Nein, du bist meine Frau, ich kann machen, was ich will.’“

“Ich habe wieder angefangen zu arbeiten als mein Sohn gerade mal ein paar Monate alt war. Mir wurde ein Trainings-Kurs zum Thema häusliche Gewalt mit dem Namen „The Freedom Programme“ empfohlen. Da hat’s bei mir klick gemacht. Ich weiß noch, wie ich zusammengebrochen bin und dachte, dass da alle über meinen Mann sprechen. Ich war so schockiert. Ich hatte es einfach nicht wahrhaben wollen; ich hatte erlebt, wie die Gewalt um mich herum immer heftiger wurde und hielt das für normal.“

“Nachdem ich ihn verlassen hatte, fing er an mich massiv zu belästigen und zu stalken. Ich hatte wirklich Angst. Einmal ist er mir von der Arbeit bis nach Hause gefolgt und ich musste mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus. Er ist dann schließlich verhaftet worden und wurde zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Außerdem erhielt er ein 10-jähriges Kontaktverbot.“

Ich hatte es einfach nicht wahrhaben wollen; ich hatte erlebt, wie die Gewalt um mich herum immer heftiger wurde und hielt das für normal.

“Nachdem ich meinen Mann verlassen hatte, bin ich einige Jahre zur Therapie gegangen. Nach allem, was passiert ist, habe ich eine posttraumatische Belastungsstörung; ich habe Panikattacken. Aber seit mein Ex-Mann verurteilt wurde, fühle ich mich ausgeglichener. Jetzt bin ich in der Lage, anderen Frauen, die häusliche Gewalt erleben, mit meinen Erfahrungen zu helfen.”

*Ruth, 36, aus Kenia

…war fünf Jahre lang Opfer häuslicher Gewalt. Jetzt hat sie mit Hilfe der kenianischen Anwältinnen-Vereinigung FIDA, einer Partner-Organisation von “Womankind Worldwide”, Klage gegen ihren Mann eingereicht, um Schutz durch ein gerichtlich angeordnetes Kontaktverbot zu erlangen.

“Mein Mann und ich sind seit neun Jahren verheiratet. Vor fünf Jahren fing er an zu trinken und gewalttätig zu werden. Er kam häufig betrunken nach Hause, beschimpfte mich vor den Kindern und begann, mich zu schlagen. Ich bin dann mit meinen beiden Kindern weggegangen, aber er kam wieder zu mir und entschuldigte sich, seine Eltern kamen, entschuldigten sich und sagten, er habe sich gebessert, und dann ging ich immer wieder zurück. Aber vor anderen – vor meinen Eltern und vor meinen Freunden – hat er immer nur etwas vorgespielt. Als wir wieder zuhause waren, ist er wieder gewalttätig geworden.“

Man weiß nie, was er vorhat. Ich habe Angst,
dass er kommen und uns töten könnte.

“Als wir unser Zuhause zum letzten Mal verlassen haben, war ich im 6. Monat schwanger. Mein Mann kam betrunken nach Hause und fing an mich zu schlagen und Dinge im Haus zu zerstören. Er schlug mir mit einer Metallstange an die Stirn. Dann zog er vor den Augen der Kinder ein Messer und sagte, er würde sich töten und uns auch. Wir sind aus dem Haus gerannt, weg von ihm. Ich musste ins Krankenhaus und meine Stirn wurde mit fünf Stichen genäht.“

“Jetzt bin ich im 9. Monat schwanger und lebe alleine mit meinen beiden Söhnen. Er kommt nachts oft zu unserem neuen Haus, klopft zwei Stunden lang ans Tor, und geht dann wieder. Das macht mir Angst – man weiß nie, was er vorhat. Ich habe Angst, dass er kommen und uns töten könnte.“

Ich hoffe, dass andere Frauen, die meine Geschichte hören, sich entschließen zu handeln und in der Lage sind, wegzugehen.

“Ich bin finanziell komplett allein verantwortlich. Das ist ziemlich hart für mich. Meine Kinder wissen alles, was vorgefallen ist; alles, was er mir angetan hat, hat er vor den Augen der Kinder gemacht. Ich habe Anzeige bei der Polizei erstattet und warte nun darauf, dass der Fall vor Gericht kommt.“

“Ich hoffe, dass andere Frauen, die meine Geschichte hören, sich entschließen zu handeln und in der Lage sind, wegzugehen.”

*Maha, 22, aus Palästina

…erlebte schon von klein auf häusliche Gewalt seitens ihres Vaters. Sie erhielt Hilfe von der Palestinian Family Planning and Protection Association (PFPPA) – der palästinensichen Vereinigung für Familienplanung und Schutz .

“Ich erinnere mich, dass mein Vater angefangen hat, meine Geschwister und mich zu schlagen, als wir noch sehr jung waren. Er stritt sich auch mit meiner Mutter; er war immer sehr wütend und kontrollierte das Geld, das wir ausgaben. Damals entschuldigte ich sein Verhalten, indem ich mir z.B. sagte, er täte das, weil er so viel Stress bei der Arbeit habe.“

“Es wurde schlimmer, als ich durch meine Abschlussprüfung an der Schule fiel. Ich wollte die Prüfung wiederholen, aber mein Vater drohte, dass er eine andere Frau heiraten würde, wenn ich das täte. Er wollte, dass ich heirate anstatt meine Ausbildung fortzusetzen. Mein Vater hatte ohnehin schon beschlossen, erneut zu heiraten, aber als ich entschied, die Prüfung zu wiederholen, nahm er das als Ausrede. Zu diesem Zeitpunkt wurde er noch gewalttätiger meiner Mutter und mir gegenüber. Er hörte auch auf, uns als Familie finanziell zu unterstützen.“

“Nachdem ich die Abschlussprüfung wiederholt hatte, versuchte mein Vater mich dazu zu bringen, einen Mann zu heiraten, den ich gar nicht kannte. Ich hatte Angst, dass meine ganze Geschichte von vorne losgehen würde; dass meine Kinder das durchmachen würden, was ich durchgemacht hatte. Eine Freundin schlug mir dann vor, mich an die Palestinian Family Planning and Protection Association zu wenden, dort erhielt ich Hilfe von einer Sozialarbeiterin. Sie half mir, diese Ehe zu verweigern, und hat mir in Beratungsstunden viel Unterstützung gegeben.“

Ich möchte, dass die Mädchen wissen, dass sie nicht schweigen sollen. Ich glaube, dass jeder, der einen Traum hat, auch dafür kämpfen sollte.

“Ich habe auch an einem wirtschaftlichen Empowerment-Programm für Frauen der PFPPA teilgenommen. Dadurch war ich in der Lage, einen Fotografie-Kurs zu absolvieren und meine eigene Ausrüstung anzuschaffen. Jetzt arbeite ich in einem Fotostudio und bin finanziell unabhängig. Das hat mir geholfen zu sehen, dass es noch eine andere Welt gibt.“

“Ich möchte meine Geschichte erzählen, weil ich weiß, dass es andere Mädchen gibt, die Opfer von Gewalt werden und sich vielleicht sogar in schlimmeren Situationen befinden als ich. Ich möchte, dass die Mädchen wissen, dass sie nicht schweigen sollen. Ich glaube, dass jeder, der einen Traum hat, auch dafür kämpfen sollte.”

*Namen geändert

Das Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen in Deutschland: 08000 116 016

Photocredit: Stephen Simpson/ Vogue.de

 

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2 Antworten zu “Häusliche Gewalt: Drei Frauen erzählen”

    • Liebe Sarah!
      Den Artikel haben wir im Rahmen der Vogue Community übernommen, die Autorin gehört selbst zum Vogue Verbund und somit hat auch die deutsche Ausgabe der Vogue den Artikel einer internationalen Ausgabe entnommen. Ich denke aber, die Erfahrungen vieler Frauen beim Thema häusliche Gewalt ist losgelöst von der Nationalität. Häusliche Gewalt ist immer schrecklich, darüber sprechen trauen sich nur die wenigsten. Wichtig ist, dass wir mit solchen Artikeln auf das Thema aufmerksam machen und sich Menschen öffnen und sich anderen Menschen anvertrauen. Liebe Grüße!

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