Ist eine arrangierte Hochzeit ein Konzept für die westliche Welt?

4. August 2020 von in

Arrangierte Hochzeit. Das klingt für viele Menschen nach einer Zwangshochzeit, nach der Entledigung eigener Rechte und von Entscheidungsfreiheit. Was in vielen Ländern und Kulturen in Indien eine Tradition ist, die weit in die Vergangenheit zurück geht, hinterlässt für viele Menschen, die die westliche Kultur leben, ein dickes fettes Fragezeichen. Wieso sollte man sich für eine arrangierte Hochzeit entscheiden? Ist das nicht völlig outdated? Denn obwohl eine arrangierte Hochzeit in den meisten Fällen nichts mit einer Zwangsehe zutun hat, sind die Grenzen fließend.

Aber was genau soll so eine arrangierte Hochzeit überhaupt?

In der neuen Netflix-Serie Indian Matchmaking lernen wir eine indische Heiratsvermittlerin kennen, deren Aufgabe es ist, die passende Partnerin oder Partner für Menschen aus der indischen Kultur zu finden. Sie bewegt sich dabei zwischen Delhi, Mumbai und verschiedenen amerikanische Städten und trifft heiratswillige Kunden und Kundinnen, die ihr ihre Wünsche bezüglich des potenziellen Partners verraten. Ursprünglich orientierte sich die arrangierte Hochzeit in Indien an dem Kastensystem des Hinduismus, also an der Rangordnung des Menschen anhand seines Jobs, Reichtums, Wissens und der Familie. Das wurde zwar 1949 offiziell abgeschafft, aber halt auch nur offiziell. Denn auch heute verraten die Kunden und Kundinnen der Heiratsvermittlerin Sima aus Mumbai ihre Wünsche. Groß soll der potenzielle Ehemann sein, eine gute Ausbildung soll er haben, sportlich soll er sein. Natürlich zählen auch innere Werte in das Fakten-Blatt mit hinein.

Doch wer bereits geschieden ist, hat schlechte Karten. Es ist ziemlich schwer, jemanden ein zweites Mal zu verheiraten, laut Sima. Eine Scheidung ist etwas, worüber manche auch in der Show hinwegsehen, doch was für andere ein absolutes No-Go ist. Es wird so knallhart über den Wert und die Rangordnung des jeweiligen Menschen gesprochen, dass ich als westliche Person schockiert bin. Obwohl es hier auch nicht anders abläuft – es wird nur weniger deutlich darüber gesprochen.

Ist das noch eine arrangierte Hochzeit oder schon Zwangsehe?

Doch in den ganz traditionellen Beispielen fällt es mir schwer, das Arrangement zu ertragen. Der schüchterne Akshay steht unter der Kontrolle seiner Mutter, die ihn dringend verheiraten möchte. Man merkt, dass Akshay überhaupt nicht bereit für eine Hochzeit ist und er sichtlich überfordert ist, mit dem Gedanken, heiraten zu müssen. Vorsichtig versucht er sich mit leisen Sätzen wie „Aber nur weil mein Bruder heiratet, muss ich es doch nicht auch sofort tun“ zu verteidigen. Doch seine Versuche werden abgeschmettert und überhört. Wer insbesondere ihn als Fallbeispiel für eine arrangierte Hochzeit sieht, denkt wahrscheinlich eher an eine Zwangsehe. Denn – wie schon am Anfang erwähnt – die Grenzen sind leider fließend.

Das Offline-Tinder

Andere Fälle hingegen laufen völlig anders ab. Wer sich die anderen zahlreichen KundInnen von Sima ansieht, hat eher das Gefühl, sie betreiben ein analoges offline Tinder. Am Ende ist Tinder doch nichts anderes als ein Matchmaking, oder? Es ist beeindruckend, wie normal sich die Matchmakings teilweise für mich anfühlen. Je älter ich werde, umso weniger unterscheidet sich das moderne Dating um mich herum von dem Matchmaking aus der gleichnamigen Show Indian Matchmaking. Alle TeilnehmerInnen haben eine Vorstellung ihres potenziellen Partners oder ihrer Partnerin. Sie wissen, was sie wollen. Sie schämen sich nicht, ehrlich mit sich selbst und ihren Wünschen zu sein. Sie wollen heiraten und eine Familie gründen. Und das mit einem Menschen an ihrer Seite, mit denen sie sich gut verstehen und ein Leben aufbauen wollen. Ist das nicht etwas, was verdammt viele Menschen gerne hätten?

Vielleicht ist eine arrangierte Hochzeit das ehrlichere OkCupid. Schließlich kann man auf der Datingapp OkCupid auch schon seine Vorlieben bei seinen Matches angeben. Es gibt genügend Menschen auch in Deutschland und überall auf der ganzen Welt, deren größter Wunsch es ist, eine Familie zu gründen. Natürlich soll das mit einem Menschen geschehen, mit dem man sich versteht. Aber im Vordergrund steht das Große und Ganze. Das Ziel ist größer, als ein romantisches Kennenlernen und eine komplizierte Liebe. Ein reibungsloses Kennenlernen soll es sein, ein harmonisches Zusammensein, eine Partnerschaft, die über Romantik hinausgeht. Halt ein gemeinsames Leben. Der Ansatz einer arrangierten Hochzeit ist pragmatisch – aber das Endprodukt ist doch irgendwie das gleiche, oder?

Da ich persönlich kein Interesse an Heiraten – vielleicht nicht mal an Kindern – habe, halte ich mich fern von arrangierten Hochzeiten. Doch mein Verständnis für die Personen, für die ein Matchmaking in Frage käme, ist da. Wir leben in einer Zeit, in der man so viele Menschen daten kann. In der man so viele Möglichkeiten hat. Ist die Vorstellung, dass sich jemand um das perfekte Match für einen kümmert, nicht die totale Entlastung? Vielleicht fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man sich eine/n ImmobilienmaklerIn bei der nervigen Wohnungssuche engagieren. Einfach, weil der Markt so unübersichtlich groß geworden ist, dass man den Überblick verloren hat. Ist eine arrangierte Hochzeit auch etwas für die westliche Welt? Ich glaube ja. Vorausgesetzt natürlich: Sie sind wirklich frei gewählt.

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2 Antworten zu “Ist eine arrangierte Hochzeit ein Konzept für die westliche Welt?”

  1. Das Philosophieren über den möglichen Sinn eines Partner*innenfnders verstehe ich völlig. Die Serie ist allerdings – pardon my french – sexistische Kackscheiße. Frauen werden dauernd nach ihrem Aussehen beurteilt und bewertet. Mögen Sie einen Mann nicht, haben ein individuelleres Kriterium als „groß“ oder äußern sich kritisch, werden sie von der Vermittlerin als schwierig kategorisiert und es wird verlangt, dass sie „flexibler“ sein müssen. Uud überhapt sollen sie am besten nur auf ihre Eltern hören, die wissen nämlivh immer, was sein soll. Furchtbar und leider für Indien (laut von mir gelesenen Kommentar einer Inderin im Guardian) anscheinend eine recht realistische Abbildung der Lage. Vielleicht ist es mühsam, hierzulande den/die Richtige/n zu finden. Aber so wie in dieser Sendung gezeigt, möchte ich als Frau definitiv nicht beurteilt umd behandelt werden.

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