Jeder ist seines Glückes Schmied? Bullshit!

5. März 2018 von in

Es gibt Sprichwörter, an denen viel Wahres dran ist. Zum Beispiel „Alter schützt vor Torheit nicht“, „stille Wasser sind tief“ oder „alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Und dann gibt es Sprichwörter, die greifen einfach zu kurz, als dass sie die ganze Wahrheit kund tun könnten. Das schlimmste Exemplar aus dieser Kategorie ist „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Wenn man sich ein Paket vom Paketboten in den vierten Stock schleppen lässt und sich dabei denkt „tja, hätte er halt was Richtiges gelernt“, man Obdachlosen kein Geld geben will, weil sie „sich das ja schon auch selbst zuzuschreiben haben“ oder man ganz allgemein der Meinung ist, dass jede*r alles schaffen kann, was man selbst bisher erreicht hat – dann nimmt man dieses Sprichwort viel zu wörtlich.

Klar, man muss selbst aktiv werden, um glücklich zu sein. Man muss für Dinge kämpfen und sich anstrengen und sollte sich nicht beschweren, wenn einem nicht alles in den Schoß fällt. Aber: Was diese Denkweise auch beinhaltet, ist die Idee, dass jede*r mit gleichen Voraussetzungen ausgestattet ist. Und das könnte falscher nicht sein.

 

Wir starten nicht am selben Punkt

 

Stell’ dir eine Laufstrecke vor, auf der eine Menge verschiedener Leute nebeneinander stehen, um gegeneinander anzutreten. Bevor es losgeht, müssen aber noch einige Anpassungen vorgenommen werden. Bist du weiß? Dann darfst du drei Schritte nach vorne gehen. Bist du männlich? Wieder ein paar Schritte vor. Bist du hetero? Entspricht dein biologisches deinem sozialen Geschlecht? Bist du vollkommen gesund? Sind deine Eltern in diesem Land geboren? Können deine Eltern dich finanziell unterstützen? Entsprichst du dem gängigen Schönheitsideal? Wohnst du in einer sicheren Gegend? Sind deine Eltern noch zusammen? Konnte deine Familie sich Nachhilfe leisten? Kannst du dir Urlaub leisten?

Jetzt dreh’ dich in Gedanken um und schau dir an, wie viele Menschen weit entfernt von dir am Anfang stehen. So weit weg, dass sie dich vermutlich nicht mehr verstehen, wenn du ihnen „Hey, Kopf hoch, du kannst es schaffen, du musst dich nur anstrengen!“ entgegenbrüllst. Das Rennen wird trotzdem stattfinden, und du hast die Metapher bestimmt inzwischen gecheckt: Das Rennen ist das Leben und es ist eben nicht jeder seines verdammten Glückes Schmied.

 

Gib‘ ein Stück vom Kuchen ab!

 

Was kann man dagegen tun? Der erste Schritt ist, sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden und eben nicht mehr davon auszugehen, dass jede*r immer selbst Schuld ist, wenn es im Leben nicht so einfach läuft wie bei einem selbst. Strukturelle Benachteiligungen sind real, auch wenn man sie nicht am eigenen Leib erfährt. Also: Zuhören! Nachfragen! Die Menschen ausreden lassen, nicht vorschnell urteilen. Und nicht von oben herab auf die Menschen schauen.

Ist dieser Schritt geschafft, ist es an der Zeit, ein paar Privilegien abzugeben. Das kann zum Beispiel bedeuten, ganz bewusst benachteiligte Personen zu bevorzugen, sie zu unterstützen und zu pushen, wenn man die Chance hat. Das heißt aber auch: Selbst zurücktreten, wenn der Kuchen verteilt wird, und anderen den Vortritt lassen. Immer wieder neu überlegen, wie man die eigenen Privilegien zu deren Selbstzerstörung nutzen kann. Ja – das bedeutet, dass das eigene Leben im besten Fall irgendwann weniger komfortabel wird. Aber: Es ist das einzig Richtige. Setz‘ dich dafür ein, dass wir vielleicht eines Tages alle am gleichen Punkt starten in diesem metaphorischen Rennen. Und im besten Fall irgendwann dafür sorgen, dass das Leben überhaupt kein Wettbewerb mehr ist, sondern wir stattdessen alle – auf Augenhöhe – entspannt spazieren gehen können, statt zu rennen.

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2 Antworten zu “Jeder ist seines Glückes Schmied? Bullshit!”

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