Kolumne: Much too much – der Kampf gegen „Feminist Burnout“

26. Oktober 2017 von in

Kennst du diese Tage, an denen du dir irgendwie wünschst, du hättest die Ungerechtigkeiten in unserer Welt nie erkannt? Das sind diese Tage, an denen alles zu viel wird und man nicht mehr die Kraft hat, den Mund aufzumachen. Es gibt dafür einen Begriff: „Activist Burnout“ – in meinem Fall meistens ein „Feminist Burnout“.

Es ist nämlich so: Hat man die Ungerechtigkeiten unserer Welt einmal erkannt, ist es nicht mehr wirklich so, als hätte man eine Wahl. Man ist dazu verdammt, jeden Tag eine neue schlechte Nachricht zu ertragen und sich neu bewusst zu werden, was für einen weiten Weg wir noch vor uns haben. Das kann verdammt deprimierend sein. Und das Schlimmste: Man muss sich mit Menschen herumschlagen, die der Meinung sind, man würde sich das alles ausdenken und müsste eigentlich nur mal wieder flachgelegt werden. Zusätzlich natürlich zu den normalen Struggles, die man sowieso in seinem Leben hat. An den meisten Tagen nimmt man diese Challenge mit Kusshand an und springt mit Köpper in jede Diskussion – schließlich brennt man für die Sache und für die bessere Welt. Aber manchmal…

Nach dem #metoo-Movement in der letzten Woche war es mal wieder so weit. Mit leerem Kopf und ganz viel Wut im Bauch saß ich paralysiert an meinem Computer, während die Posts auf meinen Facebook-Feed einprasselten. Allein schon die Hunderten von Statements, in denen Frauen von ihren Erfahrungen berichteten, waren schwer zu verdauen: Auch, wenn ich mir vorher bewusst war, dass jede Frau, die ich kenne, Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten gemacht hat – es so konzentriert und in dieser Masse zu lesen, tat weh. Wie wenig Reaktionen von männlicher Seite kamen, tat fast noch mehr weh, weil es mir das Gefühl gab, dass all das nichts verändern wird, außer dass abertausende Menschen alte Traumata noch einmal durchkauen mussten. Dann machte ich den großen Fehler und schaute in die Kommentarspalten zu den #metoo-Posts bei einigen großen Nachrichtenseiten, und die Realität holte mich mit voller Wucht ein: „Darf ich jetzt keine sexistischen Witze mehr machen?“, „Nehmt mal euren Stock aus dem Arsch!“, „Das kann ja jeder behaupten!“, „Ihr seid doch nur aufmerksamkeitsgeil!“, „Dann wehrt euch halt lauter, dann hätten wir das Problem nicht!“ und so weiter.

Zwei Tage lang war ich zu nichts mehr zu gebrauchen. Eine innere Leere und Ohnmacht machte sich breit, und ich hatte keine Kraft mehr, mich auch nur im geringsten mit dieser Welt auseinander zu setzen. Und ich habe mich geärgert, dass ich nicht vorher die Notbremse gezogen hatte und jetzt zum hundertsten Mal in diesem Loch landete. Wie kommt man da wieder raus? Und noch wichtiger: Wie landet man gar nicht erst dort? Hier sind einige Dinge, die ich gelernt habe.

Symptome

Wie erkennt man das herannahende „Feminist Burnout“? Es gibt einige Vorboten:

  • Du hättest vor 10 Minuten schon auf dem Weg zur Arbeit sein müssen, stehst aber in voller Montur im Hausflur und tippst wütend auf deinem Smartphone rum, weil jemand im Internet falsch liegt
  • Beim Anblick von AfD-Mitgliedern musst du irgendwie an die Schlussszene von „Inglorious Basterds“ denken
  • Du beißt eine Delle in deinen Laptop, weil jemand im Internet betonen musste, dass Männer ja viel schlimmeren Sexismus erfahren
  • In deinem Browser sind 30 Tabs mit Studien offen, damit du immer schnell auf Bullshit reagieren kannst
  • Du hörst zehnmal am Tag „Can’t Hold Us Down“ von Christina Aguilera
  • Deine Instagram-Story, in der du dich über die grausame Welt auslässt, ist so lang, dass man die Striche am oberen Rand nicht mehr zählen kann
  • Du wirfst mit Dartpfeilen auf ein Bild von Donald Trump

Vorsorgemaßnahmen

Die wichtigste Regel ist gleichzeitig die, die ich selbst am Schwierigsten finde: Setz deine Energie weise ein. Mit der Zeit bekommst du ein Gefühl dafür, bei wem Argumente und Fakten fruchten und bei wem nicht. Im letzteren Fall zu schweigen ist okay und kann ein Akt der Selbstliebe sein. Manchmal bedeutet das auch, Menschen aus deinem Leben zu lassen, die dich zu viel Energie kosten: Auch wenn es wichtig ist, seine Bubble hin und wieder zu verlassen – zu viel ist zu viel. Wenn es dir nicht gut geht, kannst du auch nicht für etwas kämpfen, das dir wichtig ist. Auch der folgende Gedanke hilft: Dass du in deinem Leben Platz hast, dich mehr oder weniger willentlich in diese Situationen zu begeben, ist ein Privileg – denn dein Leben hängt nicht davon ab, du tust es aus Überzeugung. Du hast ein Recht darauf, laut zu werden. Du darfst Dinge einfordern. In anderen Teilen der Erde sieht das anders aus. Und: Du kannst dich vernetzen. Ein Umfeld, das dich versteht und das dir den Rücken freihält, ist Gold wert. Finde deine Leute! Und halte dich nicht zurück, dich auszukotzen, wenn du musst – wenn dein Umfeld so badass ist wie du, wirst du mehr Support bekommen, als du denkst. Das ist heilsam. Und halte dir vor Augen: Es ist nicht der Aktivismus, der dich fertig macht, sondern das System, das ihn notwendig macht.

Bewältigungsstrategien

Manchmal wird aber auch all das nichts bringen. Und wenn es schon zu spät ist und du mit leerem Kopf und Wut im Bauch wie ein Zombie durch die Welt schleichst, dann holt dich vielleicht folgendes wieder aus dem Loch:

  • Halt dich von Social Media fern. Mach ein paar Tage Facebookpause. Verbring deine Zeit mit Menschen, die dich verstehen.
  • Beschäftige dich mit Sachen, die nichts mit deinem Aktivismus zu tun haben – Dinge, die dir schon immer Spaß gemacht haben. Zum Beispiel: Dein Lieblingsbuch nochmal lesen, Bands aus deiner Teeniezeit anhören, schöne Filme schauen, Kuchen backen, lustige Tiervideos anschauen, dein Lieblingsspiel zocken – was auch immer es ist!
  • Lass die Wut raus. Kotz’ dich bei Freund*innen aus und hasst kurz zusammen die Welt. Hör’ laute Musik (am Besten in einem Auto, und brüll’ laut mit), renn einmal um den Block – tret’ eine Laterne aus, wenn’s sein muss! Aber lass es nicht an Leuten aus, die nichts dafür können.
  • Gönn dir was. Zum Beispiel einen Tag Netflix Bingewatching oder eine fancy Pizza. Und wenn du eine ganze Tafel Schokolade essen musst: Wenn es hilft, ist es okay.
  • Klopf’ dir selbst auf die Schulter. Du bist tapfer und badass. Du kämpfst für Liebe und Gerechtigkeit. Du bist ein guter Mensch!

Es ist und bleibt ein Drahtseilakt. Aber genauso, wie es eine Work-Life-Balance braucht, braucht es auch eine Fight-Life-Balance. Passt auf euch auf. Ihr macht das gut.

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2 Antworten zu “Kolumne: Much too much – der Kampf gegen „Feminist Burnout“”

  1. Ich habe schon vor einer Weile aufgehört im Internet die hardcore Feministin raushängen zu lassen. Sehr kontroversen Accounts oder solchen, die in jedem Post nur noch vor Wut kochen habe ich entfolgt. Kommentare lese ich schon lange nicht mehr, Artikel von großen Nachrichtenseiten eigentlich auch nur noch sehr selten. Kann man jetzt feige und leidenschaftslos finden, aber ich für mich habe folgendes herausgefunden: Diskussionen in Kommentarfunktionen bringen meistens nichts – weder werde ich überzeugt noch schaffe ich es mein virtuelles Gegenüber zu überzeugen (auf beiden Seiten sind wir wohl nicht bereit von unserer Meinung abzuweichen). Und selbst wenn man mal auf fruchtbaren Boden stößt, jede solche Diskussion kostet Zeit, Nerven und lässt mich mit einem deprimierenden Gefühl zurück. Ich bin keine Influencerin mit tausenden Followern, es wird sich nicht viel ändern, wenn ich auf Instagram ein ellenlange Caption zu dem Thema poste, außer dass ich wahrscheinlich wieder in Diskussionen gezwungen werde, die es nicht wert sind geführt zu werden. So blöd es klingt, aber das sind „bad vibes“, die ich nicht in meinem Leben haben will, denn sie ziehen mich runter und lassen mich deprimiert werden. Ich muss nicht genauestens über jeden neuen Scheiß, den Donald Trump wieder verzapft informiert sein, ich muss nicht in jeder hitzigen Diskussion meine hitzige Meinung kundtun und ich muss auch nicht ständig allen zeigen, dass ich feministische Ansichten habe. Seit ich diese Einstellung praktiziere, geht es mir btw so so so viel besser. Kann schon sein, dass ich mich in meiner kleinen Bubble aufhalte, aber ich bin VIEL ausgeglichener, glücklicher und weniger wütend. Und im echten Leben halte ich meinen Mund auch immer noch nicht und spreche es an, wenn man wieder jmnd meint einen auf „sollen sich Frauen halt mal nicht so anstellen“ oder wahlweise auch „mir doch egal, ob ein Tier für mein Essen leiden musste, ich find’s geil“ machen zu müssen. (Die Idee, meinen Internet-aktivismus zu minimieren, kam mir übrigens, als ich in Indien im Urlaub für eine Woche kein Internet hatte und danach gemerkt habe: ob ich nun weiß, was alles schreckliches passiert oder nicht: es ändert sich nichts an den Tatsachen, aber an mir schon: ich bin viel entspannter).

    • Genau das ist mein Appell: Energie weise einsetzen. Und wenn dich Social Media zu sehr runterzieht, dann ciao Internet! Jeder sollte sich dort einsetzen, wo er es gut kann. Manche nutzen Social Media, um das word zu spreaden, und manchen liegt eine andere Form des Aktivismus besser (wenn wir auch natürlich alle im echten Leben den Mund aufmachen sollten). Ich finde das absolut legitim und wichtig, dass man sich von Orten fern hält, die einem zu viel Energie rauben.

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