Milliardäre machen Urlaub im Weltall und ich frage mich: Wie viel Reichtum ist eigentlich okay?

14. Juli 2021 von in

Die vier Freundinnen sitzen bei ihrer Sommerpediküre nebeneinander. Diskutiert wird wie immer über Männer, Dating und Liebe. Die erfolgreiche Juristin Miranda datet gerade einen Barkeeper, der mit dem Reichtum und dem mit einhergehenden Lifestyle Probleme hat. Währenddessen gerät Carrie auf eine High-Class-Upper-Eastside-Party, auf der sie sich sichtlich unwohl fühlt. Die Frage steht im Raum: Wie viel Klassensystem steckt eigentlich im Dating? Charlotte ist sich da ziemlich sicher: Nur weil über Klasse nicht mehr gesprochen wird, heißt das nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Die Freundinnen sind schockiert über Charlottes Aussage, doch ganz ehrlich: Natürlich hat sie recht. Auch nicht nur im Dating. 

Auch wenn ich mir eine Welt wünschen würde, in der Menschen gleichgestellt sind und in der Geld keine Rolle spielt, ist dem natürlich nicht so. Im Gegenteil: Die Schere zwischen arm und reich weitet sich. Schon seit der Jahrtausendwende hörte ich den Begriff immer wieder. Diese gottverdammte Schere. Damit sind die Einkommensunterschiede in Deutschland gemeint, die stetig auseinander driften. Während die Reichen immer reicher werden, werden Arme immer ärmer. Und der Mittelstand, der schrumpft kontinuierlich. Schon lange trifft der Spruch „Jeder Mensch ist seines Glückes Schmied“ nicht mehr auf den Reichtum des Einzelnen zu. Denn anders als früher ist es heute fast unmöglich mit Arbeiter:innenjobs, die keine hochkarätige Karriere und keine lebenslängliche Beamtung versprechen, ein Haus abzuzahlen, oder auch nur einen Kredit bei der Bank zu bekommen. Stattdessen wird Deutschland zum Land der Mietenden, weil es für unsere Generation ohne Erbe oder sehr gut bezahltem Job fast nicht mehr möglich ist, überhaupt Geld anzulegen oder zu vermehren. 

Während sich die einen in Deutschland Gedanken darüber machen, wie sie jemals eine vernünftige Rente erhalten sollen, die sie in Würde altern lässt, machen andere in Amerika Urlaub im Weltall. Um genau zu sein drei Männer, die sich darum streiten, wer in diesem Jahr als erste Privatperson ins All fliegt. Gewonnen hat Branson, der vor wenigen Tagen startete. Auch Tesla-Chef Elon Musk plant, noch in diesem Jahr ins All zu fliegen. Der Weltalltourismus ist eröffnet – und kostet ein Vermögen. Diese Art von Dekadenz ist vielen Menschen zu viel: Twitter empört sich, macht sich lustig und ist auch irgendwie fassungslos. Ein Mitfliegender hat 28 Millionen Dollar für einen Mitflug bei Bezos hingeblättert. Jetzt nicht unbedingt ein Schnäppchen, um es mal so formulieren. 

Die eigentliche Frage, die zwischen all den empörten Reaktionen über die Milliardäre mitschwingt, ist: Wie viel Reichtum ist eigentlich okay? Und diese Frage ist ziemlich berechtigt. Zu den reichsten Menschen Deutschlands gehören mit einem Vermögen von rund 39,2 Milliarden US Dollar die Erben von Aldi Süd. Mit dabei ist ein Herr Namens Dieter Schwarz, der Eigentümer der Schwarz-Gruppe, zu der unter Anderem Lidl und Kaufland gehören. Außerdem im Boot ist Theo Albrecht, der Miteigentümer von Aldi Nord. 

Weltweit gesehen schellt die Vermögensgrenze sogar weiter in die Höhe. So macht es sich aktuell der Unternehmer Bernard Arnault auf dem Platz des „Reichsten Menschen der Welt“ bequem – mit einem ungefähren Vermögen von 194 Milliarden Dollar. Milliarden. What the Fuck. Die Zahl Milliarden ist so hoch, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie viel Geld das überhaupt sein soll. Spätestens bei Reichtümern im Milliarden-Bereich ist wahrscheinlich die Sache klar: Leistung und Vermögen hat nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Wie viel muss ein Bernard Arnault denn bitte arbeiten, um ein Vermögen von knapp 200 Milliarden Dollar zu rechtfertigen? Zwar fragt mich keiner, aber ich sag’s euch trotzdem: Ich finde nicht, dass es legal sein sollte, mehrere hunderte Milliarden Dollar zu besitzen. Aber meine Meinung wird ja leider nicht so heiß debattiert im Bundestag. 

Aber doch immerhin wird dort gelegentlich die Frage nach der Fairness des Reichtums debattiert: Gäbe es also einen gerechteren Weg als den, den wir gerade mehr oder weniger mühevoll beschreiten? Ideen gäbe es da schon so einige, die es bisher aber noch nicht zur Umsetzung geschafft haben. Eine Vermögenssteuer wäre eine Option, eine Erhöhung der Steuer für Superreiche – also denen, dessen Vermögen in den Milliardenbeträgen liegen. Oder man ginge noch weiter und überlege sich eine Vermögensgrenze. Was wäre, wenn jeder Mensch nur bis zu einem gewissen Betrag Vermögen ansammeln dürfte? Wenn der Betrag so hoch läge, dass gewisse Menschen immer noch schön reich sein könnten, aber eben nicht mehr superreich? Wie weit sollte es legal und fair sein, Geld anzusammeln und zu besitzen? 

Die Frage nach Lösungen wird immer größer. Und immer dringlicher. Denn die Wut der Menschen steigt. In einer absehbaren Zukunft wird sich zwar leider nicht das Klassensystem in Luft auflösen, doch zumindest könnte es sich schmälern lassen. Damit wieder mehr Menschen die Möglichkeit haben, Vermögen aufzubauen – und das, auch ohne Erbe und reicher Familie.

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