Kolumne: Am I Pretty? Am I Ugly?

21. Oktober 2016 von in ,

Ich hatte einen Britney Spears Moment. Da war ich zwar sieben und stand nicht unter Drogen, aber ich erinnere mich nur zu gut an die Situation. Ich saß im Keller meiner Tante zweiten Grades, die mir damals für zehn Mark die Haare geschnitten hat und meinte: weg damit. Meine Tante zweiten Grades dachte, ich meinte damit einen hübschen Bob, aber ich meinte: weg damit. Jeder andere Friseur hätte sich dem Kind verweigert, doch meine Tante zweiten Grades kannte mich und meine Mutter, und sie wusste, dass ich es ernst meinte. Also schnitt sie mir die Haare weg.

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Damals gab es wenige weibliche Vorbilder, mit denen ich mich identifizieren konnte. Unter anderem gab es aber Haruka von Sailor Moon. Haruka ist lesbisch und man denkt eine lange Zeit, sie sei ein Mann, weil sie Motorrad fährt, Anzüge trägt und kurze Haare hat. Nebenbei ist sie eine coole Sau, die schon in den Neunzigern das propagierte, wohinter ich heute stehe – und somit die Person, die ich beim Sailor Moon spielen gespielt habe. Im Nachhinein wird mir erst klar, wie fortschrittlich ihre Rolle in Sailor Moon ist und wie viel mir ihr Charakter gegeben hat. Dann musste ich ein rotes Kleid mit schwarzen Punkten tragen und alle fanden es süß („Süüüüüßßßß, du siehst aus wie ein Marienkäfer!!!!“) und dann habe ich mir die Haare abschneiden lassen und zwei Jahre zu große Kleidung getragen. Bis zur Pubertät wehrte ich mich mit Händen und Füßen dagegen, „hübsch“, oder „süß“ zu sein. Dann musste ich schmerzlich akzeptieren, dass ich mit Fünfzehn eine Tiffany Kette tragen muss, um Freunde zu haben. Das war’s dann mit den Springerstiefeln und der Rebellion.

Was wie eine Tragödie klingt, war in der Realität nicht so schlimm. Ich habe mich ein paar Jahre versucht, anzupassen. Das ging aber so schnell rum wie die Pubertät selbst und es meldete sich eine Amelie zurück, die so ist, wie sie Bock hat – ohne Tiffany Kette. Ich danke an dieser Stelle meinen Eltern, die mich meine Haare abschneiden ließen und damit gelebt haben, über zwei Jahre lang zu erklären, dass es sich bei ihrer Tochter Amelie um ein Mädchen handelt. Die mich meine Haare bunt färben ließen und die mich Springerstiefel tragen ließen und die akzeptierten, dass ich nicht süß sein will. Dass ich nie süß sein wollte und das bis heute.

Damals gab es halt auch keine Kim Kardashian und keine Youtuber, die mir erklärt haben, wie ich mein Gesicht anmale, um noch besser auszusehen. Damals hatten Superstars wie Britney und Christina Aguilera eine schlanke Figur, die im Vergleich zum heutigen Schönheitsbild schon fast „mollig“ ist. Ich habe keine Ahnung, wie schwer es heute als junges Mädchen sein muss, sich keine Gedanken über das Aussehen zu machen. Man vergleicht sich nicht mehr mit den gefühlten fünf Stars, die es damals gab und seinen Klassenkameradinnen, sondern mit der ganzen Welt. Und die hat eine Thigh Gap, ein konturiertes Gesicht und Bauchmuskeln.

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Die Thematik des Contouring-Hypes fängt Marie Schuller in ihrem neuesten Video „Babyface“ ein. Junge Mädchen posieren vor Webcams und stellen sich die Frage: „Am I pretty?“, oder „Am I ugly?“. Ein übertriebenes Contouring im Stil von Kim Kardashian sieht an den Mädchen falsch und absurd aus, als handle es sich um Masken für einen futuristischen Film. Allerdings handelt es sich um die Realität. Contouring: Ein Schönheitsbild, das mittlerweile unmöglich ist zu erreichen, außer man bemalt sich – fernab der ursprünglichen Schminkkultur. Die Mädchen sehen traurig aus und das Video zieht einen systematisch in seinen Bann. Die Kritik an das Schönsein-wollen der Mädchen berührt mich und lässt mich bestürzt zurück.

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Ich bin froh und dankbar, dass ich als Kind kein Bedürfnis nach Schönheit hatte. Mir war Schönheit lange Zeit schlichtweg egal – und irgendwie sollte es doch auch so sein. Und trotzdem war früher nicht alles besser: Neben dem Schönheitswahn, der immer extremer wird, gibt es heute immer mehr weibliche Vorbilder, die abseits des Hübschseins auch tatsächlichen Charakter haben. Die Auswahl ist breiter gefächert. Und irgendwann müssen Mädchen vielleicht gar nicht mehr mit Britney Spears Momenten protestieren, um siebzehn Jahre später erst zu verstehen, wogegen sie damals überhaupt protestiert haben.

Define Beauty: Am I Ugly? – NOWNESS from NOWNESS on Vimeo.

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9 Antworten zu “Kolumne: Am I Pretty? Am I Ugly?”

  1. Liebe Amelie,

    vielen Dank für diesen wunderbaren, persönlichen und so wichtigen Artikel. Es ist erschreckend, wie sehr unsere (ich kann mich da leider nicht immer von ausschließen) Gedanken um die Themen Schönheit, Hübschsein und dem „Gefallen anderer“ kreisen. So sehr ich auch versuche, meinen eigenen Weg zu gehen, meinen eigenen Stil zu festigen und mich nicht an Schönheitsidealen zu orientieren, kann ich nicht immer behaupten, dass es mir gänzlich egal ist, was andere von mir und meinem Erscheinungsbild halten.
    Ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg, kann mir aber erst recht nicht ausmalen, wie es sein muss, in der heutigen Welt als junges Mädchen und Teenager aufzuwachsen. Wie du schon sagst: Früher hat man sich maximal mit den Mädchen vom Schulhof, aus den Parallelklassen etc. verglichen. Heute ist es die ganze Welt.

    Viele liebe (und nachdenkliche!) Grüße aus Hamburg
    Nori

  2. Als jemand, der ihr Leben Haruka und Michiru gewidmet hat, freue ich mich natürlich sehr über die Erwähnung ;) In der Tat liegst du völlig richtig, die beiden waren damals extrem progressiv zu einer Zeit, als es eigentlich keine Lesben im Fernsehen gab. Während mir das schon im ersten Moment, als ich sie mit 7 sah, völlig klar war, haben das viele meiner Freundinnen auf dem Spielplatz jahrelang verdrängen wollen (ich war immer Neptune <3). In einer Folge outet sich Haruka nicht nur, sondern steht auch komplett zu sich, ihrem Äußeren und ihrem burschikosen Wesen – weil sie eben nicht anders kann. Mich verletzt es immer sehr, wenn es – auch im Bezug zu meiner Freundin – heißt, es wäre eine "Männerfrisur" – denn eine Frau wird immer nur eine Frauenfrisur tragen können oder Frauenklamotten anhaben. Wie soll das auch anders gehen? Ganz viel Liebe für diesen Text, Amelie! Eure feministischen Selbstliebetexte herze ich sowieso sehr!

    • Kannst du mir kurz sagen, in welcher Folge sich Haruka outet? Gibts da ein Youtube Video oder so? Ich finde es auch sehr spannend: Alle meine Freundinnen, die die Serie damals gesehen haben, können sich daran nicht mehr erinnern, oder sagen, dass Michiru und Haruka in der deutschen Version nicht lesbisch gewesen wären. Verdrängung? Jedenfalls schon sehr merkwürdig. Ich glaube, ich muss Sailor Moon eh dringend nochmal durch hustlen… danke dir für den Kommentar!

      • Das war mir ehrlich gesagt gar nicht bewusst, dass andere es tatsächlich ausblenden konnten, dass Haruka und Michiru ein Paar sind. Ich war damals auch etwa acht und erinnere mich noch, dass ich das direkt verstanden hatte. Heute bin ich fast überrascht, wie „normal“ mir ihre Beziehung erschien, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nur den rein heteronormativen Rahmen meines Heimatkaffs kannte und das Internet war damals ja auch noch gefühlt unerreichbar. Da sieht man mal wieder, wie sehr unser Verständnis des Normalen kulturell geprägt ist und sich durch die Wiederholung bestimmter Schemata prägt. Die Stelle, in der Haruki sich outet fällt mir zwar auch gerade nicht mehr ein, aber ich erinnere mich noch, dass am Ende der vierten Staffel, wenn Hotaru wiedergeboren wird, beide samt Baby mit dem Auto in den Sonnenuntergang fahren. In dieser Szene zeigt sich ganz klar, dass die beiden ein Liebespaar sind. Übrigens ist das ja auch spannend im Hinblick darauf, dass Familie und Homosexualität hier gleichfalls in den Fokus gerückt wird. Leider auch noch immer ein Streitthema, mit dem sich viele sich noch immer schwer zu tun scheinen.

        Insgesamt ein wirklich toller Artikel, danke dafür liebe Amelie! Ich freue mich immer wieder, dass es so viele andere, tolle Frauen gibt, die Mode, Feminismus und Intellekt wie ich selbst auch zusammendenken und nicht als Gegensatz sehen. Das Klischee ist ja leider doch oft ein anderes und man selbst wird viel zu schnell auf die Oberfläche reduziert.
        Gesellschaftlich scheinen wir im Moment ohnehin wieder stark im Rückschritt zu sein. Bei manchen Aussagen, gerade aus jüngeren Generationen (ich selbst bin 30) fühle ich mich manchmal sogar fast in die 50er zurückversetzt. Anderen gefallen, am besten immer perfekt sein – in jeder Hinsicht, so früh wie möglich Familie gründen und der Job scheint auch nur so lange interessant, bis der richtige Mann mit dem Verlobungsring um die Ecke kommt. Ich möchte wirklich nicht tauschen. Der Druck scheint auf junge Mädchen scheint heute so immens. Wo wir mit 15 teils noch nicht einmal wussten, was Kajal überhaupt ist, wird hier mit 12 der Contouring-Pinsel geschwungen. Aber wen wundert das, bei den Vorbildern, die im TV und im Netz präsentiert werden. Zumindest, wenn es nach denen geht, die allseits gefeiert werden. Bleibt zu hoffen, ob die zahlreichen Gegenströmungen, die sich in letzter Zeit zunehmend stärker formiert haben, endlich wieder einen Wandel bringen oder zumindest aufrütteln, damit die Mädels sehen, dass das Imperfekte eigentlich doch so veil spannender ist, als gleichförmige „Perfektion“.

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