Kolumne: Der Mut, nicht mitzulachen

17. September 2020 von in

TW: Dieser Artikel zitiert sexistische Aussagen

Was tun wir nicht alles, um dazuzugehören! Es fängt im Kindergarten an und zieht sich oftmals durch das gesamte Leben: Wir verbiegen uns – aus Angst, ausgeschlossen zu werden. Manchmal ist es ziemlich harmlos – wie damals, als ich mit 14 so getan habe, als würde ich Hardcore Punk richtig abfeiern, aber heimlich immer nur Green Day und Blink-182 gehört habe. Und manchmal ist es Selbstboykott. Wie damals, als ich über Serdar Somuncu gelacht habe.

„Spaß verstehen“

Wenn Frauen über sexistische Witze lachen, andere Frauen niedermachen und misogynen Männern Recht geben, dann spreche ich immer gerne von einer Art von Stockholm Syndrom. Das ist das psychologische Phänomen, ein positives Verhältnis zu seinen Unterdrückern – in diesem Fall einem sexistischen System – aufzubauen und sich mit ihnen gut zu stellen. Und so die Situation irgendwie erträglicher zu machen. So lange, bis man zur Komplizin seiner eigenen Unterdrückung wird. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war einmal genau so.

Ich habe auf Parties sexistische Songs gegröhlt,
habe andere Frauen niedergemacht und alles dafür getan,
damit ich „eine von den Jungs“ werde.

Das bedeutet: Eine Frau, der Männer ein bisschen mehr Respekt entgegenbringen (das heißt: Sie halbwegs als ebenbürtig behandeln), weil sie „Spaß versteht“ (Das heißt: Weil man in ihrer Gegenwart diskriminierende Dinge sagen kann und sie einfach mitlacht). Eben keine Spaßbremse, eben „not that kind of girl“.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich ganz besonders getriggert war, als vor einigen Tagen zurecht ein Shitstorm über den Kabarettisten Serdar Somuncu niederbrach. Er hatte der Verachtung für bestimmte Menschen in einem Podcast freien Lauf gelassen – während sein Co-Moderator Florian Schröder nur lauthals lachte. Später versuchte er sich zu verteidigen: Das war doch nicht so gemeint, das war doch nur Satire. Dabei hat Somuncu Dinge gesagt, die ich hier nur ungern wiederholen möchte. Es ist auch nicht nötig, ins Detail zu gehen, denn seine stumpfe Hasstirade über Cancel Culture, das N-Wort und ungefickte Feministinnen ist so unkreativ, dass man sie sich problemlos in wenigen Sekunden selbst ausmalen kann. Das Ziel der Äußerungen sei gewesen, auf satirische Art zu zeigen, wie leicht Menschen sich durch solche Aussagen provozieren lassen. Wow, Satire. No shit, Sherlock – wenn man Menschen so schamlos verachtet, dann können das alle Personen mit einem Sinn für Empathie nur schwer unkommentiert lassen. Das hat wenig mit Cancel Culture zu tun und viel mit einem Minimum an Anstand. Und ich bin es satt, dass Satire dabei als Totschlagargument gebraucht wird – manche Aussagen bleiben in jedem Kontext verachtenswert.

Dass Somuncu solche Dinge sagt, ist allerdings nichts Neues. Ein Großteil seiner Karriere basiert auf der schamlosen Beleidigung von diskriminierten Gruppen, frei nach dem Motto „jeder hat das Recht, diskriminiert zu werden“. Ich weiß das, weil ich lange Zeit ein großer Fan von Somuncu war. Ich hielt ihn – wie viele Menschen heute noch – für einen schlauen Satiriker, der uns „den Spiegel vorhält“ und deswegen jede noch so abartige Unmenschlichkeit laut aussprechen darf. Wenn ich ehrlich zu mir war, fand ich es auch schon damals irgendwie verletzend und hasserfüllt. Und hatte ein bisschen das Gefühl, er sorgt so dafür, dass Menschen sich sicherer darin fühlen, rassistische und sexistische Dinge laut zu sagen. Satire darf ja schließlich alles! Damit tat er aber auch schon damals eigentlich vor allem denen einen Gefallen, die ein Ventil für ihren Hass suchten. Damals habe ich trotzdem gelacht. Aber die Zeiten haben sich geändert.

 

 

Die Verweigerung, mitzulachen

Es hat Mut erfordert, nicht mehr mitzulachen. Das gilt nicht nur für die diskriminierenden Witze von Satirikern wie Serdar Somuncu, sondern auch für die meiner Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitskollegen.

Allein durch die Verweigerung, mitzulachen, wird man in der Wahrnehmung vieler Menschen nämlich blitzschnell zur wandelnden Spaßbremse.

Stattdessen wird man für manche – in den Worten von Somuncu – zu einer „schlecht gebumsten, miesen, hässlichen Schabracke, die meint, Kolumnen schreiben zu können“. An dieser Stelle liebe Grüße an dich von mir und meiner Kolumne, Serdar. Durch diese Wahrnehmung spricht die enorme Frustration von Männern, die plötzlich zum ersten Mal Empathie aufbringen sollen. Und die nicht mehr immer und überall ohne jeden Gegenwind sagen können, was sie wollen. Meinungsfreiheit – ist sie nicht herrlich? Männer müssen nun die traumatische Erfahrung machen, dass nicht mehr alle über ihre sexistischen und rassistischen Witze lachen. Und manchmal erleben sie nun sogar echte Konsequenzen, wenn sie unaufhörlich nach unten treten. Egal, ob es ernst gemeint ist oder „nur Satire“.

 

Männer haben oft sehr große Angst davor, dass Frauen sie lächerlich und peinlich finden. Nicht über ihre schlechten und diskriminierenden Witze zu lachen kann daher ein sehr mächtiger Akt sein.

Wenn man aufhört, mitzulachen, dann kündigt man seine Komplizenschaft. Man stellt seine eigene Würde über das Wohlbehagen des Anderen. Das kann unangenehm sein und erfordert Mut. Aber es ist ein emanzipatorischer Akt.

Und dieser Akt geht Männern wie Serdar Somuncu dermaßen gegen den Strich, das ihnen nichts Intelligenteres mehr einfällt, als Frauen als hässlich und untervögelt zu bezeichnen. Feministische Kolumnistinnen wie ich, also das vermeintliche neue Lieblingsfeindbild von Somuncu, würden sagen: Es ist ein panisches Strampeln des untergehenden Patriarchats.

Bildcredits: Wikimedia

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