Kolumne: Mein Recht auf Wut

15. Oktober 2018 von in

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so richtig ausgerastet bin. So mit Schreien und Türen knallen und Dinge-in-Ecken-feuern. Die einzige Situation, an die ich mich gut erinnere, fand in meiner Pubertät statt (ich durfte nicht für Rock am Ring Schule schwänzen – Frechheit). „Good for you!“, denkt ihr jetzt vermutlich. Aber dass ich nicht ausraste, liegt nicht daran, dass ich nicht wütend bin.

Um ehrlich zu sein bin ich sogar ständig wütend. Wie sollte ich es auch nicht sein? Jeden Morgen klatscht mir mein Smartphone zum Aufstehen drei neue schlechte Nachrichten ins Gesicht und schiebt im Laufe des Tages noch ein paar Ungerechtigkeiten hinterher. Man kann Schlagzeilen vom Postillion nicht mehr von denen der Tagesschau unterscheiden und allgemein ist die Welt einfach verrückt geworden. Ich bin irgendwie machtlos. Klar bin ich wütend!

Wieso raste ich nie aus?

Lange hab ich mir keine Gedanken darüber gemacht, wieso ich trotzdem nie schreie, Türen knalle, Dinge in Ecken feuere – wieso ich auf Demos nur zaghaft Parolen brülle, obwohl ich innerlich koche und wieso ich sogar im Angesicht des respektlosesten AfD-Anhängers in Facebook-Kommentarspalten immer krampfhaft sachlich bleibe. Im Traum ist es mir nicht eingefallen, diese Massen an blanker Wut auch nur für einen Moment mit der Welt zu teilen. Auch, wenn es angebracht wäre. Auch, wenn es heilsam wäre! Wieso eigentlich nicht? Dann ging mir ein Licht auf: Mein Geschlecht ist schuld!

Welche öffentlichen Reaktionen löst eine vor Wut schnaubende Andrea Nahles am Rednerpult aus? Und wieso geht gleichzeitig ein brüllender Cem Özdemir unter Beifall viral? Wie reagierte die Öffentlichkeit, als Serena Williams ihren Tennisschläger durch die Gegend feuerte? Klar, unkontrollierte Wut lässt niemanden besonders kompetent wirken. Trotzdem finden sich an den Spitzen aller möglichen Machtinstanzen Männer, die ihre Emotionsausbrüche nicht zu kontrollieren wissen – der Neuzugang der Stunde ist der winselnde, schreiende, heulende Brett Kavanaugh im amerikanischen Supreme Court.

 

Ein wütender Mann ist überzeugt. Eine wütende Frau ist hysterisch.

Wut ist ein männliches Privileg. Denn Wut ändert ihre Beschaffenheit – je nachdem, ob sie aus einem Mann oder einer Frau stammt. Ein wütender Mann gilt als überzeugt und entsetzt. Eine wütende Frau gilt als hysterisch und unkontrolliert. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wütendes Auftreten den Einfluss von Frauen mindert, während es den von Männern stärkt. Es ist daher kein Wunder, dass sich in den Machtpositionen dieser Welt ausschließlich Frauen befanden und befinden, die über eine stärkere Selbstkontrolle verfügen als Bruce Lee. Denn will man als Frau ernst genommen werden, dann hat man stets die Fassung zu bewahren. Angela Merkel ist das beste Beispiel: Mithilfe der Energie aus all der aufgestauten Wut dieser Frau könnte man vermutlich sofort alle Atom- und Braunkohlekraftwerke für immer schließen. Hillary Clintons Pokerface war monatelang wie in Stein gemeißelt, ganz egal, wie oft Trumps wütende Spuckefäden sie bei TV-Duells im Gesicht trafen. Es ist auch kein Wunder, dass ich mir antrainiert habe, meine Wut für mich zu behalten. Denn wer macht sich schon gerne seine Chancen ernst genommen zu werden zunichte und wird stattdessen zur hysterischen Alten?

All das ist Teil eines Narratives, das so alt ist wie das Patriarchat selbst. Es besagt, dass Frauen so wenig Platz wie möglich einzunehmen haben. Das gilt nicht nur für’s Körperliche (du hast dünn zu sein), für’s Räumliche (du hast nicht breitbeinig dazusitzen), für’s Zwischenmenschliche (du hast nicht rumzuzicken), für’s Sexuelle (du hast keine eigenen Bedürfnisse zu äußern). Die Liste geht weiter. Und eben auch für’s Verbale: Du hast nicht wütend zu sein. Eine wütende Frau nimmt sich zu viel raus. Eine wütende Frau fordert zu viel Raum ein. Eine wütende Frau bricht mit der Vorstellung, dass wir die ruhigen, kontrollierten, schwachen und zerbrechlichen Wesen sind, als die wir bisher gern gesehen wurden. Das ist der Grund, wieso weibliche Wut gerne auf Menstruationsprobleme oder „Hysterie“ geschoben wird: Es sind die einzigen Szenarien, in denen das Bild des „schwachen Geschlechts“ mit so etwas Grobem wie einem Wutausbruch in Einklang zu bringen ist.

Mut zur Wut

Wenn man als Frau Einfluss gewinnen will, muss man sich also der Funktionsweise der patriarchalen Gesellschaft unterordnen – und möglichst still und verträglich sein. Ich weiß nicht, wie es euch geht – aber mir reicht das nicht. Ich habe keine Lust mehr, das System auszutricksen. Ich will das System zerschmettern! So wie Serena Williams ihren Tennisschläger. Denn so gefährlich Wut sein kann: Sie ist eine Emotion, die klare Forderungen stellt und die Radikalität in Momente bringen kann, in denen Radikalität angebracht ist. Ich habe mir also vorgenommen, öfter wütend zu sein – denn oft genug ist Wut berechtigt. Ich will Meinungsverschiedenheiten nicht mehr länger aus Gründen der Harmoniewahrung freundlich wegkichern. Ich will breitbeinig in der U-Bahn sitzen, auf Demos laut brüllen und vielleicht bei Gelegenheit auch mal eine Tür knallen. Ich will wütenden Männern Raum streitig machen! Ich will meine Fresse aufmachen! Das bedarf ein mühsames Verlernen von Selbstminimierung. Aber ich arbeite dran: One Wutausbruch at a time. Auf dass wir vielleicht irgendwann eine Kanzlerin oder US-Präsidentin haben können, die manchmal zurecht ausrastet. Ich lade euch ein, mitzumachen.

Fotocredit: Anandu Vinod & thoughtcatalog.com via Unsplash

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3 Antworten zu “Kolumne: Mein Recht auf Wut”

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Im Zuge der Diskussion um Serena Williams, hatte ich mir auch Gedanken über die weibliche Wut gemacht und bin zu ähnlichen Schlüssen gelangt wie du. Mädchen wird von klein auf eingetrichtert ihre Wut nicht zu zeigen. Ich bin es Leid, dass Frauen als hysterisch abgewertet werden und ihnen die Legitimation abgesprochen wird, sich durch Wut auszudrücken. Gerade dieses patriarchale Gedankengut wird noch allzu oft von (älteren) Frauen reproduziert und an die eigenen Kinder weiter gegeben, wie mir scheint. Das macht mich gerade echt wütend.

  2. Ich weiß zwar, was du meinst, und ich glaube auch, dass es gut wäre, als Frau einfach auch durch Lautstärke mehr aufzufallen und auch eine eigene Meinung und ihre Wichtigkeit einfach auch durch Lautstärke und Emotion zu verdeutlichen.
    Als jemand, der sich durchaus schon die ein oder andere verbale Entgleisung erlaubt hat oder bei dem ab uns zu einfach die „Sicherung durchbrennt“ kann ich berichten, dass man sich durchaus auch in Situationen bringen kann, die man hinterher bereut: Manchmal sind Leute vom Gefühlsausbruch geradezu geschockt und das Inhaltliche gerät viel zu sehr in den Hintergrund – das ist schade. Zum anderen kann es passieren, dass man im Eifer des Gefechts unfair wird und eigentlich gar nicht das ausdrücken kann, was man wirklich sagen will, sondern eben übertreibt und sich reinsteigert. Also die Neigung zur Wut und auch, diese zu zeigen, ist in gewisser Weise auch oft überraschend für einen selbst und unkontrollierbar. Ich würde mich manchmal gern mehr im Griff haben bzw. nicht dann wie ein Vulkan ausbrechen, wenn mir etwas nicht passt, sondern viel eher in normalem Tonfall meine Bedürfnisse und Kritik an der Situation etc äußern können.

    • Das ist ein wichtiger Einwurf! Natürlich ist Wut an sich erstmal keine produktive Emotion. Ein Freund von mir hat sie vor Kurzem als „Psychose auf Zeit“ beschrieben – ich finde, das trifft’s ganz gut. Und natürlich wäre es viel besser, männliche Wut abzuwerten statt weibliche Wut aufzuwerten. Nur leider haben wir darauf als Frauen wenig Einfluss. Deswegen ist es, denke ich, als erster Schritt sinnvoll, ab und zu laut zu werden – auch wenn man dann Gefahr läuft, nicht ernst genommen zu werden. Vielleicht werden wütende Frauen so irgendwann auch als „entschlossen“ gedeutet. Zumindest auf persönlicher Ebene finde ich es heilsam, ab und zu mal die Kontrolle anzugeben und ein bisschen laut zu werden, wenn einen etwas wirklich empört. Im besten Fall natürlich nicht unter komplettem Kontrollverlust.

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