Mein Körper, meine Abtreibung – und nicht deine, Jens Spahn!

12. Februar 2019 von in

Endlich wieder ein weißer Mann, der über die Schicksale von Frauen entscheidet! Ein ziemlich wahnsinniger Mann auch noch, der außerdem der Meinung ist, Krebs könne in 20 Jahren heilbar sein, ruht sich auf dem Vorwurf aus, Frauen werfen die Pille danach wie Smarties ein, wenn man sie nur lässt.

Spahns Verhalten ist nichts anderes als ein Penisvergleich, der Frauen wieder in ihre Schranken zurückweisen soll. In die der Hausfrau. Woher soll ein Gesundheitsminister, der eher einem Lebenscoach ähnelt, auch wissen, dass die Entscheidung sowohl für die Pille danach, als auch für eine Abtreibung, ein klares „geringeres Übel“ ist.

Lieber ergeht es mir schlecht, weil ich die Pille danach nehme, als schwanger zu sein. Lieber treibe ich ab, als eine alleinerziehende/arbeitslose/viel zu junge/viel zu alte/stark depressive Mutter zu sein. Und selbst wenn eine Frau die Pille danach wie Smarties einwirft – was definitiv die wenigsten Frauen tun – ist das ihre freie Entscheidung, und sollte einem Herrn Spahn mehr als nur am Hintern vorbeigehen.

Über #regrettingmotherhood wird natürlich keine Studie in Auftrag gegeben. Denn Spahn sucht nicht wirklich nach Antworten, sondern nach Rechtfertigungen für „simple Mechanismen“, mit denen er Frauen unter seine Fuchtel bekommen kann. Und nicht nur Frauen: Eine ganze Krankheit. Krebs sei in 20 Jahren heilbar, und man könne auch heute schon mit der Prävention anfangen, laut Spahn. Nur aufhören zu rauchen müsse man dafür, sich öfter vor UV-Strahlen schützen und Alkohol meiden.

Ach, so funktioniert das mit dem Krebs! Hätte das meine Großmutter damals gewusst, die an Brustkrebs erkrankte. Ein bisschen Bewegung, eine gesunde Ernährung und – tada! Kein Krebs in Sicht. Danke, Herr Gesundheitsminister! Ein Mann, der so eine verdrehte Weltanschauung hat, entscheidet über essentielle Freiheitsbestimmungen, wie die einer Geburt. Dabei verglich bereits eine Langzeitstudie aus dem Jahre 2016 Probandinnen, die sich für eine Abtreibung entschieden, mit Frauen, denen eine Abtreibung verweigert wurde. Das psychologische Befinden unterschied sich nicht.

Die Erkenntnis? Eine Abtreibung ist kein Prozess, der Frauen ein gutes Gefühl gibt. Eine erzwungene Schwangerschaft jedoch auch nicht.

Wie so eine Studie von Spahn aussähe, würde mich mal interessieren. Mit wem wird Spahn eine Frau vergleichen, die abgetrieben hat? Mit einer, die noch nie schwanger war, vielleicht? Oder einer, die das Kind behalten wollte, etwa? Beide Vergleiche werden hinken. Denn die seelische Belastung beginnt da, wo die Entscheidung nicht gewollt ist. Und oft ist keine der Entscheidungsmöglichkeiten gewollt.

Viele Frauen treiben ab, weil sie einem Kind und sich selbst kein gutes Leben bieten können. Weil sie missbraucht wurden. Weil sie zu jung waren. Weil sie zu alt sind. Weil sie arbeitslos sind. Weil sie schon Kinder haben, die sie auslasten. Weil sie allein sind. Weil sie keine Unterstützung bekommen. Das heißt nicht, dass sie gerne abtreiben. Doch eine Abtreibung ist für sie das geringere Übel.

Sie treiben lieber ab, als ein Kind zu gebären und unter prekären Bedingungen aufziehen zu müssen. Oder noch schlimmer, es anschließend abgeben zu müssen. Kein Spahn kann entscheiden, welche der Optionen für die Betroffene das Richtige ist.

Denn das Credo siegt: Seelische Belastung beginnt da, wo man Entscheidungen bereut. Doch psychische Zerstörung beginnt da, wo einem die Entscheidung genommen wird. Und das will Spahn tun. Er will uns die Entscheidung nehmen. Er will Frauen die Möglichkeit auf das geringste Übel nehmen – und das größere Übel bescheren.

Psychische Belastung beginnt da, wo die Entscheidung nicht gewollt ist. Doch psychische Zerstörung beginnt da, wo einem die Entscheidung genommen wird.

Kein Mensch würde behaupten, dass eine Abtreibung grundsätzlich etwas Positives wäre. Jede Frau fürchtet sich davor. Keine bricht „mal eben“ eine Schwangerschaft ab. Die Pille danach – oder gar eine Abtreibung – sind Notlösungen, die jede Frau so gut es geht umgehen möchte. Und kein Mann wird je verstehen, wie verzwickt die Problematik mit dem Schwangersein ist (erst recht kein Jens Spahn). Denn sehr oft ist nach ungeschütztem Sex keine Option befriedigend oder glasklar die „richtige“ Entscheidung. Was macht man da?

Und darum geht es am Ende: Entscheidungen. Viel zu oft gibt es nicht die logische und klare Entscheidung. Und da spielen so viele Faktoren mit rein, die ein Gesundheitsminister nicht mit einer einfachen Regel „lösen“ kann. Die einzig und allein nur eine Person treffen kann: die betroffene Frau.

Die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung steht seit über hundert Jahren auf der Agenda von Feministinnen. Unglaublich genug, dass wir im Jahr 2019 immer noch händeringend darum kämpfen, selbst über unsere Körper und unsere Zukunft entscheiden zu dürfen. Dass es ausgerechnet ein Mann mit der Kompetenz von Jens Spahn ist, der uns diese Rechte erneut wegnehmen will, macht das ganze noch unglaublicher. Fünf Millionen Euro werden also spendiert, um zu rechtfertigen, uns auch weiterhin nicht die Macht über unsere Körper zuzugestehen. Und um eine Studie zu wiederholen, die es eigentlich schon gibt – nur nicht mit den von Spahn gewünschten Ergebnissen. Diese fünf Millionen wären doch so viel besser in Hebammen, Kinderbetreuung, ErzieherInnen und Kitaplätze investiert. Denn damit wäre Frauen und Kindern tatsächlich geholfen.

 

Bildcredits: Flickr 1 / Flickr 2 / Flickr 3

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12 Antworten zu “Mein Körper, meine Abtreibung – und nicht deine, Jens Spahn!”

    • Hallo Michael, nein, ich meine ganz klar einen weißen Mann. Spahn ist vieles, aber nicht weise. Der Begriff „weißer Mann“ bezieht sich auf das Patriarchat und meint die bevorzugte Stellung von nicht nur Männern, sondern weißen (!) Männern. Viele Grüße, Amelie

  1. Amen Amelie! Können wir bitte alle diesen Text an Herrn Spahn schicken? Hat er ne Mail? An seine Vorzimmerdame vielleicht? Oder teilen bis er diesen Text sehen muss? Ich such mal ne Mail! :D

    • Haha, liebe Katja – das ist die richtige Einstellung! Sharen was das Zeug hält, und ansonsten eben eine Mail an den Herrn schicken :). Danke für deinen Spirit und liebe Grüße <3

  2. Liebe Amelie, grundsätzlich bin ich deiner Meinung – und fassungslos darüber, dass dieser Mensch unser Gesundheitsminister ist. Dass er als – ich finde, das muss man noch einmal besonders betonen – homosexueller Mann über weibliche Körper entscheiden möchte, ist einfach unsäglich. Er wird vermutlich nie in seinem Leben in der Situation sein, sich mit einer ungewollten Vaterschaft konfrontiert zu sehen und hat keine Ahnung, welche Zäsur eine Schwangerschaft (ob geplant oder ungeplant, ausgetragen oder beansichtigt wie unbeabsichtigt abgebrochen) für eine Frau und ihren Körper bedeutet. Ich weiß das, weil ich mich vor zwei Jahren gegen eine Abtreibung, für mein Kind entschieden habe – obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits ahnte, dass ich diese Aufgabe alleinerziehend meistern würde müssen. Daher bin ich über deinen Satz „Lieber treibe ich ab, als eine alleinerziehende/… Mutter zu sein“ gestolpert, ich empfinde ihn als zu tiefst verletzend. Vermutlich ist das deine altuelle Auffassung, dennoch empfinde ich diese Aussage als zutiefst despektierlich. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch alten/jungen/depressiven Müttern ähnlich ergehen könnte. Ich nehme an, das war nicht deine Absicht. Dennoch möchte ich darauf hinweisen.

    • Liebe Lena, danke für deinen Kommentar. Es tut mir Leid, dass du die Stelle so aufgefasst hast, als wäre ich grundsätzlich der Meinung, Abtreibung wäre besser, als alleinerziehende Mutter zu sein. Eigentlich sollte der Artikel genau das Gegenteil sagen: Es gibt kein grundsätzliches BESSER. Denn jede ! einzelne ! Frau ! muss für sich selbst entscheiden, welche Entscheidung die Richtige ist. Die Aufzählung waren nur wenige Beispiele dafür, weshalb sich Frauen gegen eine Schwangerschaft entscheiden. Das ist aber weder eine allgemein gültige Formel, noch spreche in dieser Passage von mir selbst. Jeder Mensch muss das für sich selbst entscheiden und ich finde es schade, dass du den Text in dieser Hinsicht so falsch aufgefasst hast. Es tut mir Leid, falls ich dich damit angegriffen habe und hoffe, du verstehst nun, wie ich es meine.

      Liebe Grüße,
      Amelie

  3. Amen und absolut auf den Punkt. Mein wutvernebeltes Hirn verbaut mir leider oft eine so treffende Rhetorik, um so wertvoller sind Beiträge wie deiner. Momentan fühlt sich gerade in der Politik so vieles so falsch an (noch mehr als ohnehin schon), sozial, ökologisch und generell ethisch geht es eher rückwärts als vorwärts. Jens Spahn befindet sich da in bester amoralischer Gesellschaft mit Scheuer, Klöckner und vielen anderen – leider.

  4. Ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen. Man ist so sauer, fühlt sich so machtlos und es wird mir schlecht mit dem Gedanken, dass solche Entscheidungen in Zukunft mit dieser Regierung die Norm werden könnten. Diese Anmaßung verstehen und beurteilen zu können und sich dann komplett der öffentlichen Debatte darüber zu entziehen ist schon atemberaubend!
    Um zumindest im Moment etwas tun zu können hat Nike von Janewayne diese Petition gestartet : https://www.change.org/p/hallo-jensspahn-5-mio-sollten-in-hilfe-flie%C3%9Fen-nicht-in-hass-wasf%C3%BCrnspahn?recruiter=935844043&utm_source=share_petition&utm_medium=email&utm_campaign=share_email_responsive&recruited_by_id=0cdc2910-2ec9-11e9-a102-2f29527a5a66
    Aber es hilft nur auf die Straße und unserem Ärger endlich Gehör verschaffen!

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