Kolumne: Durch den Lockdown habe ich abends noch mehr Angst auf der Straße

8. März 2021 von in

Ich steige aus dem Taxi und gehe zur Haustür meiner Freundin. Es ist 10 Uhr abends und dunkel. Jetzt sehe ich ihn. Er kommt auf mich zu, sein Gang wirkt aggressiv. Schnell entscheide ich mich, zurück zum Taxi zu gehen und so zu tun, als hätte ich etwas vergessen. Hinter der Straßenecke verschwindet er, ich gehe zurück zur Haustür und klingele. Das Taxi fährt weg, ich klingele ein zweites Mal. Auf einmal ist er zurück. Wir beide sind alleine auf der Straße. Als ich realisiere, nicht mehr schnell genug im Haus sein und die Tür hinter mir zuziehen zu können, renne ich auf die Hauptstraße, auf der sich ein paar mehr Menschen befinden. In diesem Moment ist mir egal, ob er denkt, ich muss verrückt oder panisch sein. Auf keinen Fall will ich später bereuen, nicht auf mein schlechtes Gefühl gehört zu haben. Mit erhöhtem Pulsschlag stehe ich nun an der Kreuzung zur Hauptstraße, rufe meine Freundin an und frage sie, ob sie mich unten abholt. Beim Treppensteigen zur Wohnung zittern meine Hände immer noch.

 

Fragen vorm Heimweg

Das Ganze ist vor ein paar Wochen passiert. Und ja, es ist nicht das erste Mal, dass ich abends Angst auf der Straße hatte. Ich denke, es geht vielen Frauen genauso. Wenn ich früher – also vor Corona – mit Freunden unterwegs war, habe ich mir auf dem Hinweg schon überlegt, was wohl der sicherste Rückweg ist. Meist zog es eine lange Verkettung von Fragen nach sich. Wie weit ist der Weg zur nächsten Bahn? Befinden sich auf ihm Läden, die auch nachts noch offen haben? Ist die Bahn hier in der Gegend abends noch voll? Muss eine Freundin oder ein Bekannter vielleicht in die gleiche Richtung? Trinke ich lieber einen Drink weniger, um noch genug Bargeld für eine Taxifahrt nach Hause zu haben? Im Taxi krame ich den Schlüssel schon vor dem Aussteigen aus meiner Tasche, damit ich nicht zu lange alleine vor der Tür stehe. Fünf-Sterne-Bewertungen bekommen die Fahrer*innen, die warten, bis ich im Haus bin – leider sind es nur wenige. Laufe ich nach Hause, halte ich meinen Schlüssel zwischen Zeige- und Ringfinger. Der soll mir im Notfall zur Verteidigung helfen. Ob das wirklich funktionieren würde, weiß ich nicht, aber ich fühle mich sicherer und darauf kommt es schließlich an.

Bei mir geht das so weit, dass ich auf der Suche nach neuen Wohnungen auch den Heimweg bewerte. Ist die Strecke zur Bahn mir zu gruselig, weil ich durch einen Park laufen müsste, oder es liegen keine Restaurants und Bars, die später aufhaben, auf dem Weg, kommt sie nicht in Frage. Denn das regelmäßige Taxifahren, das ich dann praktizieren würde, ist mir zu teuer. Auch bin ich schon vermehrt zuhause geblieben anstatt zu einem Event, einer Party – einfach einem schönen Abend – zu gehen, weil ich nicht wusste, wie ich wieder nachhause kommen sollte. Mein Frausein schränkt mich in diesen Momenten ein. Das nervt mich schon lange, sprengt hier aber den Rahmen.

Umzug der Kultur

Es wird klar, ich habe nachts verdammt Angst, wenn ich alleine bin.

Was aber neu ist: Ich habe bereits um 22 Uhr keine Lust mehr draußen zu sein. Durch den Lockdown sind die Straßen mit Sonnenuntergang wie leergefegt. Was daran liegt, dass wir keinen richtigen Grund haben, dort zu sein. Das kulturelle Leben in der Öffentlichkeit findet nicht mehr statt. Galerien, Clubs, Bars und Restaurants sind ins Internet gezogen und heißen jetzt virtuelle Räume, Life-Streams und Lieferdienste. Doch genau sie waren die Safe Spaces der Nacht. In einer Großstadt wie Berlin wusste ich, in der Not bin ich immer nur einen Sprung entfernt von einer Anlaufstelle.

Tatsächlich war das auch einmal meine Rettung. Auf dem Weg in meine Wohnung verfolgte mich ein Mann. Ging ich schneller, tat er es auch. Wurde mein Gang langsamer, so auch seiner. Ich wusste nicht recht, wie ich nach Hause kommen sollte, denn kurz vor meiner Wohnung gibt es eine sehr ruhige Straße, durch die ich muss. So ging ich in den nächsten Späti, erzählte dem Verkäufer von meiner Situation und wartete dort eine Weile ab. Heute macht genau dieser Spätkauf früher zu. Genau deswegen meide ich nun diesen Weg. Gleichzeitig scheint es mir, als ob mein „weniger unterwegs sein“ die Abende noch gruseliger macht, wenn ich doch umherlaufe. Es ist ein kleiner Teufelskreis.

Meine Konsequenz: Ich habe mich entschieden, nun einfach auf den Sommer zu warten. Dann sind die Tage länger und wir können bis spät in die Nacht mit Freunden in Parks sitzen. So oder so, das Gefühl von Sicherheit zu später Stunde muss ich wohl erst wieder erlernen.

 

 

 

 

 

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3 Antworten zu “Kolumne: Durch den Lockdown habe ich abends noch mehr Angst auf der Straße”

  1. Das kenne ich gut. Ich war letztens auch um 21 Uhr noch draußen, um eine Runde um den Block zu laufen und hatte das Gefühl, es ist 1 Uhr nachts. Außer mir überwiegend Männer auf der Straße, teilweise angetrunken, der Großteil nicht vertrauenserweckend. Ich habe dann auch einem Freund geschrieben und bin schnurstracks nach Hause. Seitdem gehe ich nur noch bis spätestens 20 Uhr spazieren und hoffe auch auf längere Tage und den Sommer. Aber schon schlimm, dass das ein weiteres Problem von Corona ist.

  2. Mir geht es leider genauso und es macht mich so wütend, weil ich mich dadurch stark eingeschränkt fühle. Es tut sehr gut zu hören, dass es nicht mir nur so geht. Wo bleibt die Stadtentwicklungspolitik, die sowas berücksichtigt und eine Stadt auch so gestaltet, dass sich Flint-Personen sicher fühlen.

  3. Mir geht es auch so, obwohl ich nur fünf Minuten von der Bahnstation wohne. Manchmal fahre ich lieber Fahrrad, weil ich mich damit irgendwie sicherer fühle. Seit Corona habe ich auch das Gefühl, dass sich kaum Menschen und wenn vermehrt wenig vertrauenswürdige Menschen auf den Straßen befinden. Ich denke auch dass bei der Planung von Stationen häufig nicht an die Bedürfnisse von Frauen gedacht wird. In meiner Stadt wurde eine neue Bahnstation geplant, direkt an einem Park und mit weiten Wegen zur nächsten Wohnsiedlung. Seither steige ich lieber eine Station später aus wenn ich abends unterwegs bin. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Mann, der sich beleidigt gefühlt hat, wenn er merkte dass sich eine Frau unwohl fühlt wenn er abends, ebenfalls auf dem heimweg, hinter ihr läuft. Das konnte ich nicht nachvollziehen, ich habe versucht ihm zu erklären wie es eben ist als Frau und dass er wenn er mal eine Tochter haben sollte ihr wohl die gleichen Dinge mitgeben würde wie meine Eltern mir. Möglichst zu mehreren nach Hause gehen, lieber ein Taxi nehmen oder ganz früher, sie anrufen um abgeholt zu werden. Tatsächlich bin ich beim Taxi fahren auch sehr vorsichtig und setze mich lieber nach hinten als nach vorne. Ich habe dann einfach das Gefühl die Situation mehr unter Kontrolle zu haben. Dieses Situationen sind schon sehr nervig . Noch mehr nervt es mich aber beim Reisen…dort fühle ich mich noch stärker eingeschränkt.

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