Von der Angst vorm Autofahren, Vermeidung und einem kleinen bisschen Mut

26. Januar 2021 von in

Vor ein paar Tagen saß ich am Steuer. Auf einem Parkplatz, weit und breit keine anderen Autos. Wie ein Kind, das mal ausnahmsweise auf dem Fahrersitz Platz nehmen darf, wusste ich nicht mal, welches der Pedale nun eigentlich das Gas ist, welches die Kupplung. Von den ganzen Hebeln und Knöpfen ganz zu schweigen. Und als ich das Auto im Schneckentempo ins Rollen brachte, alles andere wollte, als in einen höheren Gang umschalten, wäre ich am liebsten sofort wieder ausgestiegen und hätte das Autofahren weiterhin den anderen überlassen. Wie ein Kind eben, für das am Steuer zu sitzen so absurd wäre, wie in einem Cockpit Platz zu nehmen.

Der einzige Unterschied: Ich habe eigentlich einen Führerschein, und das schon seit zehn Jahren.

Das Autofahren und ich: it’s complicated. Und das war es irgendwie schon immer. Um genau zu sein ist das Autofahren eines der wenigen Dinge, bei denen mein Vermeidungsreflex kontinuierlich einsetzt. Ich ganz genau merke, dass ich immer wieder ausweiche und den einfachen Weg gehe. Und immer wieder wegschaue, das Thema aufschiebe – und es mir doch immer wieder anders wünsche.

Eigentlich fing alles ganz normal an: Mit Ende 17 meldete ich mich bei einer Fahrschule an, besuchte ein paar Theoriestunden und war mir sicher, den Führerschein mit Links zu schaffen, wie alles andere bisher. Die Fahrregeln fühlten sich an wie ein fremdes Universum, und obwohl ich mir alles merken konnte, ging ich irgendwann nicht mehr hin. Die Ausrede: Das Abi steht vor der Tür, also erstmal darauf konzentrieren. Ein paar Monate nach dem Abi zog ich von zu Hause aus, und ohne das Auto meiner Eltern machte der Führerschein noch weniger Sinn als davor, also ließ ich meine Theoriestunden verfallen, ärgerte mich, aber verdrängte das Thema erfolgreich.

Bis ich nach zwei WGs in meiner ersten eigenen Wohnung landete. Ein kleines Altbauzimmer mit Wohnküche im Münchner Westend, im Nachbarhaus: eine Fahrschule.

Jeden Tag lief ich daran vorbei, und irgendwann kam ich mir, am Schaufenster voller Straßenschilder vorbeistarrend, so blöd vor, dass ich mich eben anmeldete. Die Theoriestunden waren fad, aber verständlich wie beim ersten Mal, die Fahrstunden seltsam, aber so schwer doch wieder nicht. Nur das Schnellfahren, das machte mir Angst: Die Vorstellung, in so einem schnellen, riesigen Ding zu sitzen, für dessen Steuerung ich die komplette Verantwortung trage, war schon lang vor meiner ersten Fahrstunde ein wiederkehrender Alptraum gewesen. So hatte ich vor allem vor der ersten Autobahnfahrt Angst, und beim Auffahren musste der Fahrlehrer unterstützend auf sein zusätzliches Lehrer-Gaspedal drücken, ich konnte mich einfach nicht überwinden. Mehr als 150 km/h bin ich bis heute nicht gefahren, und wie ich das überhaupt hingekriegt habe, frage ich mich immer noch. Genau, wie den Führerschein zu bestehen – ein paar Monate später stieg ich aus dem Fahrprüfungs-Auto aus und hatte keine Ahnung, wie ich gerade alles geschafft und sogar eingeparkt hatte.

Ein bisschen euphorisch fuhr ich wenig später zu meinen Eltern, um mit deren Auto in der Gegend herumzufahren, schließlich ist die Regelmäßigkeit nach der Prüfung das Wichtigste, um wirklich Autofahren zu lernen. Genau die stellte sich aber einfach nicht ein, denn natürlich machte es wenig Sinn, mit der U-Bahn zu meinen Eltern zu fahren, um dort dann ein paar Runden mit einem von ihnen auf dem Beifahrersitz zu drehen. Also fing ich mit dem Vermeiden an, ließ gerne sie oder meinen Bruder fahren, und stieg schließlich bei einem letzten Versuch, der mich beim falschen Einordnen auf Tramgleisen zum Stehen brachte, einfach aus und ließ meinen Vater ans Steuer. Die Kombi aus Stadtverkehr, unübersichtlichen Straßen und meiner Unsicherheit, was Schalten, Anfahren und Co. anging, war mir in dem Moment zu viel – und so blieb es für die nächsten zehn Jahre.

In der Stadt brauchte ich das Auto nicht, was für meine Vermeidungsstrategie nicht gerade förderlich war. Für Urlaube wünschte ich mir ein Auto, doch fand sich immer irgendwie ein Weg, das Selbstfahren zu umgehen. Auf Kreta setzte ich mich einmal kurz ans Steuer, auf einer schnurgeraden, leeren Inselstraße, wollte meine Mitfahrerinnen dann aber doch nicht weiter gefährden und hätte mir bei Weitem keine kurvigen Bergstraßen zugetraut. Unseren Unplanned-Trip mit Wunschziel Natur schafften die Planer so zu gestalten, dass wir tatsächlich mit Zug und Taxi ans Ziel kamen. Und grundsätzlich immer, wenn ich mit einer autofahrenden Person unterwegs war, nahm ich automatisch die gemütliche Nichtfahrerrolle ein.

Dann kam aber das wachsende Bedürfnis nach Ausflügen. Die Natursehnsucht, die sich jedes Wochenende ankündigte, und die Vorstellung, einfach selbst drauflosfahren zu können.

Ich träumte von dem befreienden und bestärkenden Gefühl, wie es wäre, wenn ich ganz alleine in ein Auto steigen und drauflos fahren könnte. Egal wann, egal wohin, und ohne irgendjemanden dafür zu brauchen. Und diese Sehnsucht wurde größer. Besonders nach meiner letzten Trennung, einer Zeit, in der ich mich oft fragte, zu was ich wohl eigentlich alles alleine fähig war, ohne es mir bisher zugetraut zu haben. Autofahren traute ich mich immer noch nicht, aber mein Drang nach Selbständigkeit war so groß, dass ich irgendwas tun musste. Ich meldete mich also bei Emmy an, den orangenen Elektrorollern mit Automatik-Antrieb, die in der Stadt an jeder Ecke stehen. Und fuhr tatsächlich eines Tages drauf los, durch die halbe Stadt bis zu meinen Eltern und in andere Viertel zu meinen Freunden, an Baustellen vorbei, auf mehrspurigen Straßen und über große Kreuzungen. Ich, ganz allein im Straßenverkehr. Es hatte Überwindung gekostet, ein bisschen zittrig war ich auch, aber die Option, von nun an jederzeit allein durch die Stadt fahren zu können, war unbezahlbar.

Das Auto allerdings, das blieb eine Hürde, vor der die Angst nicht kleiner wurde. Ein Gefährt, so viel größer als ein Roller, und dann auch noch die ganze Schalt-Geschichte – ich schob das Thema also eineinhalb weitere Jahre vor mich hin. Bis ich letztes Wochenende auf dem Fahrersitz Platz nahm, und im Schneckentempo losrollte. Mehr als ein paar Parkplatz-Runden waren es bisher nicht, und auch den dritten Gang habe ich nicht überschritten. Viel zu viel Angst ist noch da, vor Geschwindigkeit und Kontrollverlust, und noch viel mehr vor anderen Autos und richtigem Verkehr, in dem man mitschwimmen muss.

Der erste Schritt ist aber nun vielleicht getan, und mit ihm keimt ein kleines bisschen Autofahr-Mut in mir auf.

Ich habe keine Lust mehr, die Selbständigkeit des Autofahrens weiter und weiter vor mir herzuschieben. Auch, wenn ich mir so bald kein eigenes Auto kaufen werde, möchte ich die Option haben, mir eins zu mieten. In der Stadt, um einfach mal rauszufahren. Oder im Urlaub, um an die Orte zu kommen, wo ich wirklich hinwill. Wenn ich eine Sache in den letzten Jahren gelernt habe, dann, dass Angst mich nicht zurückhalten soll. Dass ich nicht vermeiden, verschieben und verdrängen will, sondern Ängsten begegnen möchte.

Und wenn wir, die Angst vorm Autofahren haben, mal ganz ehrlich zu uns sind: Wir haben schon weitaus ernstere Ängste hinter uns gelassen, als diese. Das sollten wir also nun wirklich auch noch schaffen!

 

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19 Antworten zu “Von der Angst vorm Autofahren, Vermeidung und einem kleinen bisschen Mut”

  1. Bei mir war der Durchbruch im sicheren Fahren ein Fahrsicherheitstraining. Angemeldet hatte ich mich weit im Voraus, um auch endlich meine Unsicherheit in den Griff zu bekommen, nachdem ich den Kombi meiner Eltern immer nur äußerst ungern und die letzten 10 Jahre eigentlich gar nicht oder nur mir zittrigen Knien gefahren bin. Nachdem ich die Nacht vorher fast nicht geschlafen hatte, weil ich dort nur Verkehrsprofis in Prosches erwartet hatte, war so überrascht, dass dort auch fast nur Frauen und Männer saßen, denen es ähnlich ging. Nach 8 Stunden intensivem Slalom fahren und Bremsen hat mich mein Freund nicht wiedererkannt. Und heute fahre ich unsere Tochter jeden Morgen mit dem Auto durch die Großstadt zur Kita… Hätte ich vor einem Jahr nicht gedacht.

  2. Ich kenne dein Problem leider nur zu gut… mir persönlich hat Automatik sehr geholfen und letztlich der Zwang, ab und zu selber zu fahren. Informier dich vorher gut über die Strecke und gehe im Kopf durch, wo du wie fahren wirst, das hilft mir auch. Lass dich nicht von anderen Verkehrsteilnehmern stressen und mach lieber etwas langsam; geh in Vorstädten üben etc. Du schaffst das!

    • Die Strecke im Vorfeld gut zu kennen, hilft mir auf jeden Fall auch extrem. Das ist am Anfang so viel auf einmal, auf die Strecke/Straßenführung, die anderen Autos und die Technik gleichzeitig zu achten. Eigentlich so banal, aber man braucht wirklich Übung. Danke für die Ermutigung :)

  3. Wir wohnen auf dem Land, von daher hatte ich noch nie Probleme mit dem Auto fahren, kenne das aber von einigen Freunden, die in der Stadt wohnen.
    Automatikschaltung kann wirklich viel vereinfachen, da wäre das Problem mit der Technik so gut wie weg. Und Carsharing wäre vielleicht auch eine Option.
    Alles Gute weiterhin, liebe Grüße,
    Kathrin

    • Mit Automatik wäre es auf jeden Fall einfacher, das stimmt. Wobei ich wiederum vor dem neuen Auto meiner Eltern trotz Automatik Respekt habe, weil es so riesengroß ist, haha. Carsharing wäre mein Traum, also mich einfach hinter jedes x-beliebige Steuer setzen zu können. Das braucht auf jeden Fall noch mehr Übung.

  4. Ich bin auch in den letzten 10 Jahren nur einmal gefahren und da hatte ich richtig Angst. In der Stadt brauche ich aber auch so gar kein Auto. Habe schon überlegt, ob ich nochmal 2-3 Fahrstunde nehme, um wieder rein zu kommen (nur die Frage, wann ich dann fahre).

    • Das haben mir auch schon so oft Leute empfohlen, aber wie du sagst, wenn man dann nicht regelmäßig fährt, bringt es auch wieder nichts… ich frage mich echt, wie das Leute aus der Stadt ohne eigenes Auto gelernt haben. Mein Bruder zum Beispiel, schon immer ein Autofahr-Naturtalent, obwohl er noch nie ein eigenes hatte! :)

  5. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Es tut gut zu wissen, dass es auch Anderen so gehen kann. Ich schäme mich immer ein wenig, ich bin 30 und habe Angst vorm Autofahren. Schon die Fahrstunden mit 17 haben mir wenig Freude bereitet, wie ich den Führerschein bekommen habe ist mir heute noch schleierhaft. Als Stadtkind habe ich dann selten das Auto gebraucht. Seit einem kleinen Unfall in Südfrankreich, habe ich das Vermeiden perfektioniert. Es gibt immer mal wieder Phasen wo ich mich gezwungen habe,
    Regelmäßig einfache Strecken mit dem Auto zu fahren und siehe da, manchmal macht es sogar Spaß. Trotzdem wäre ich gerne unabhängiger, würde gerne einfach mal tiefenentspannt sagen können: Heute nehme ich das Auto. Jetzt bin ich wieder motiviert an mir zu arbeiten, vielleicht mal ein Fahrsicherheitstraining zu machen und weniger zu vermeiden. Irgendwann schaffen wir das!!!

  6. Danke für den Artikel. Eigentlich ganz witzig, ich habe zwar auch als nur 5-10 Mal im Jahr Autofahrerin Respekt davor aber ich habe wiederum echte Angst vor Rollern. Ich bin noch nie selber gefahren und saß nur hinten drauf und kann es nur schwer genießen, da ich es als so gefährlich empfinde. Augen zu und Beten ist da zT angesagt. Deswegen Respekt, dass du den Emmy Roller so spontan genutzt hast – so unterschiedlich haben Leute Angst!

  7. Ich habe meinen FS auch ewig verschoben und ihn „erst“ mit 28 Jahren gemacht, Aber auch nur weil ich es satt hatte mich bei Familie, Freunde & Partner Jahr für Jahr rechtfertigen zu „müssen“. Ich verstehe bis heute nicht, warum der Großteil der Gesellschaft so denkt – anderes Thema! Ich hatte während der Fahrstunden nie Freude empfunden und war so verärgert darüber so viel Geld für derart emotionsloses in die Hand genommen zu haben. Ich dachte vor den Fahrstunden, ich würde mit dem Schalten nicht klarkommen. Dies ging erstaunlich gut, dafür lag mir das räumliche Verständnis null. Ich bekomme Panik sobald es eng wird. 30 Zonen sind der Horror. Wie oft ich innerlich die Augen schließe und hoffe keinen Spiegel abzurasieren. Ständig die Prüfung ob ich mich in der Spur befindet. Vom Parken will ich gar nicht sprechen. Ich entschied mich spontan den Motorradführerschein anzuhängen. Und plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Ich war eine ganz andere Person, selbstsicher, souverän, entspannt, glücklich. Hier musste ich nicht mehr abwägen wie groß wohl das Fahrzeug ist, ich sehe es links und rechts vom Lenker – wow!
    Es hat sich Jahre später wenig verändert. Ja, ich fahr zwar ab und an Auto aber bin nach wie vor ängstlich und kann es nicht sonderlich leiden. Ich fahre lieber unter widrigsten Bedingungen mit dem Motorrad und bin zwar nass/erfroren aber glücklich als das „bequeme“ Auto zu nehmen. Hierdurch hab ich mich besser kennengelernt: Es muss nicht an der Person selbst liegen, sondern kann eventuell am Fahrzeugtyp liegen.

  8. Danke Milena für diesen Test. Mir geht es quasi genau so und habe das Gefühl albern zu sein und dein Artikel hat mir irgendwie das Gefühl gegeben, dass es ein „valides Problem“ ist <3
    LG

  9. Danke für diesen Artikel! Du sprichst mir aus der Seele und ich dachte bis jetzt, ich bin die einzige, der es so geht. Mein Ziel ist es, mich endlich bei einem Car Sharing Anbieter anzumelden und regelmäßig zumindest kleine Strecken zu fahren, um etwas Übung zu bekommen. Routine ist wahrscheinlich alles :-)

  10. Ich kann das so gut nachvollziehen. Ich habe nach Jahren des Nichtfahrens trotz Führerschein ein paar Fahrstunden genommen. Das war ein total wichtiger Schritt für mich. Und dann sind wir aufs Land gezogen und ich musste zumindest kurze Strecken einfach fahren. Mein eigenes kleines Auto und die reine Notwendigkeit zu fahren waren dann genau richtig. Ich fahre immer noch ungern längere und unbekannte Strecken, aber weiß jetzt, dass ich es kann, wenn es sein muss. Ein kleineres Auto fand ich zum Routine entwickeln viel angenehmer als ein „Schlachtschiff“. Und sonst hilft nur, sich einfach immer wieder hinters Steuer zu setzen. Und zwar am liebsten erstmal alleine, ging mir zumindest so, nach den Fahrstunden als Starthilfe. Hin und wieder muss ich mit einen Dienstwagen fahren und habe so auch festgestellt, wie angenehm Automatik ist.

  11. So ab und zu Carsharing zu nutzen, wenn man mal solo in eine abgelegene Bergecke will – oder im Urlaub mal das Steuer zu übernehmen bei einem Ausflug: Fänd ich auch nett. Aber ich, ein ganzes Stück älter als Du, hab bis heute nicht mal einen Führerschein und finde das eigentlich gut. Natürlich geht das deswegen besonders easy, weil ich in München überallhin mit den Öffentlichen komme und es auch für Bergtouren genug schnelle Zugverbindungen gibt. Aber so bin ich auch recht froh, auf diese Weise klimafreundlich unterwegs zu sein.
    Liebe Grüße, Katharina

  12. Es tut so gut diesen Artikel mit den vielen Kommentaren zu lesen und zu merken, dass ich nicht die einzige bin der es so geht. Habe meinen Führerschein schon seitdem ich 18 bin, also gute 10 Jahre, aber diese Regelmäßigkeit hat sich bei mir auch nie eingestellt und irgendwann bin ich einfach jahrelang kein Auto mehr gefahren. Mit Automatik habe ich auch kein Problem aber immer wenn ich alle paar Jahre dann mal Auto fahre merke ich einfach, dass das absolut verkrampft und nicht locker und einfach einfach funktioniert. Ich weiß auch nicht woher diese „Angst“ oder dieses Vermeiden, wie du es so gut nennst, kommt. Aber ich möchte das ganze auch angehen und hatte mir sogar schon überlegt einfach mal eine Fahrstunde mit einem Fahrlehrer zu buchen. Die Idee mit dem Fahrsicherheitstraining finde ich aber auch sehr sehr gut, danke für den Tipp! :)

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