Kolumne: Eine Bundestagswahl und ihre misogyne Fehlerkultur

28. September 2021 von in ,

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber mein Wahlabend hätte schöner ausgehen können. Ich hatte gehofft, Deutschland sei mutiger, risikobereiter für Veränderungen. Und ja, damit meine ich natürlich nicht einen Rechtsruck durch die AfD, sondern eine Gesellschaft, die die Dringlichkeit des Klimawandels erkennt und eine Politik wünscht, die danach handelt. Satz mit X, das war wohl nichts. Und während Union, SPD, Grüne und FDP gestern schon von Koalitionsgesprächen faselten, treibt mich seit her – neben der realen Sorge vor einer Jamaika-Koalition – ein ganz anderes Thema um. Der Umgang mit den Wahlergebnissen. Die Reaktionen von Laschet und Baerbock. Unserer Fehlerkultur. Und dem Bild, wie Frauen und Männer in unserer Gesellschaft mit Siegen und Niederlagen umgehen. Spoiler: sehr, sehr unterschiedlich. Und meist zu Lasten der Frau.

Aber mal von vorn: Da bügelte ich am Sonntagabend meine Tshirts, für die Spannung bei dieser Tätigkeit sorgten die ersten Hochrechnungen. SPD mit kleiner Nase vorn, danach Union, die Grüne an dritter Stelle. Strahlend hingegen die FDP und AfD. Die Linken schauten blöd aus der Wäsche. Diese Wahl – ohjemine. Während mein Bügeleisen von rechts nach links zog, lauschte ich mit Spannung den ersten Sätzen von Armin Laschet. Wie würde er wohl dieses sagenhaft schlechte Ergebnis kommunizieren? Welche Fehler würde er sich eingestehen? Im Nachhinein fast niedlich, was ich dachte. Denn als der Kanzlerkandidat der CDU/CSU samt Entourage und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Bühne trat und das Wort erfasste, blickte ich nochmal irritiert auf die Hochrechnungen. Sah Armin Laschet das, was ich sah? Das fulminant schlechteste Ergebnis der Union seit Jahrzehnten?

Ich weiß es nicht. Ich hörte nur mehr Worte von „Regierungsauftrag. Eine Aufholjagd. Die Bürger und Bürgerinnen wollen keinen Linksrutsch. Ein schlechtes Ergebnis, aber doch ein Sieg für die Union. Wir werden alles tun, um eine Bundesregierung unter der Führung der Union zu bilden.“ Hö?

Ich sag’s mal so: Armin Laschet und die Union sind nach 16 Jahren Angela Merkel wirklich gescheitert. Sie haben es verkackt. Für mich ein Grund zur Freude, ehrlich. Nicht nur, weil mich das Wahlprogramm in keinster Weise überzeugt hat, sondern weil sich Laschet im Vorfeld und im ganzen Wahlkampf nicht mit Ruhm bekleckert hat. Und sich selbst bei der Wahl am Sonntag am Ende – bewusst oder unbewusst – noch einen Riesenpatzer erlaubte. Ja, man könnte sagen: Es war ein rigoros verpatzter Wahlkampf. Und ehrlicherweise hatte ich gedacht, das Ergebnis würde das noch viel mehr zeigen. Die Gesellschaft die Fehler erkennen und abstrafen. Das ist nur im Minimum passiert.

Trotzdem hatte ich zumindest bei der ersten Rede eine gewisse Demut der Partei erwartet. Ein „Sorry, Leute, dieser Wahlkampf ist nicht so gelaufen wie wir es uns vorgestellt haben. Auch ich habe Fehler gemacht.“ Aber nein, die CDU/CSU samt Kanzlerkandidat sah den Ausgang der Wahl als Erfolg. Das Ergebnis für die Partei wohl sogar besser als erwartet, so ganz knapp hinter der SPD. Und jetzt wolle man regieren – denn laut Armin Laschet am Montagmorgen „sei Olaf Scholz nicht der König dieser Wahl“. Also wohl er? Okay.

Ich hatte kaum Zeit, mich von diesem Realitätsverlust zu erholen, denn schon switchte die ARD zu Annalena Baerbock und den Grünen.
So sehr ich mir persönlich ein besseres Ergebnis für die Partei gewünscht hätte, für die Grünen war es auf Bundesebene das beste Ergebnis. Und das trotz des katastrophalen Wahlkampfs und der Schmutzkampagne rund um die Kanzlerkandidatin. Trotz des massiven Abfalls der Prozente während des Wahlkampfs.

Meine Erwartungshaltung nach Armin Laschet: Jubelschreie von Seiten der Grünen. Doch Annalena Baerbock ging ganz demütig mit Parteikollege Robert Habeck auf die Bühne. Sicher, die Partei blieb hinter den großen Erwartungen zurück. Doch immerhin nochmal: das beste Ergebnis seit Jahren. „Das Ergebnis sei großartig.“ Man sei stolz auf die Arbeit aller Parteikolleg*innen. Und doch könnte man heute Abend nicht nur jubeln. Hier nickte ich noch mit. „Wir sind erstmals angetreten, um als führende Kraft dieses Land zu gestalten. Wir wollten mehr.“ Dazu habe es nicht gereicht. Schuld daran seinen Fehler gewesen, auch ihre eigenen, so Baerbock.

Hach ja, in dem Moment hätte ich Baerbock gern in den Arm genommen. Denn ja, der Wahlkampf war katastrophal, die Verluste unglaublich, Baerbocks Fehler ärgerlich und falsch. Nur: Auch Scholz und Laschet haben keine reine Weste. Stichwort Plagiate, CumEx, Flutbilder & Co. Das wurde in diesem Wahlkampf nur allzu gern vergessen. Dass sich Annalena Baerbock an jenem Abend mit dem guten Ergebnis trotzdem für ihre Fehler entschuldigte, fand ich gut. Groß. Und ärgerte mich im zweiten Schritt schon wieder.

Wir messen mit zweierlei Maß bei Frauen und Männern.
Und immer zu Lasten der Frau.

Weil es so typisch ist. Typisch für Frauen und Männer. Typisch für die Strukturen, in denen wir unterschiedliche Erwartungen an Männer und Frauen haben. Und was genau diesen Wahlkampf so schwierig, so misogyn gemacht hatte.

Denn was sich Sonntagabend an den Rednerpulten abspielte, habe ich tausendfach schon erlebt. In Redaktionen, in meinem Umfeld, im TV-Sendungen. Ein Mann versagt außerordentlich, macht Fehler, und sucht die Schuld am Ende maximal bei anderen. Meist wird über den Fehler gelacht, man guckt gemeinsam mit den Buddies drüber hinweg und der Rest der Zuschauer merkt es gar nicht. War ja nicht so schlimm.

Passiert der selbe Fehler einer Frau, gucken alle hin. „Was, wie konnte das denn bloß passieren?“ Die Frau rechtfertigt sich, nimmt den Fehler ernster als er ist und entschuldigt sich. Nicht einmal, nicht zweimal. Nein, im besten Falle dreimal. Weil das hätte ja wirklich nicht passieren dürfen.

 

Ähnliches erlebe ich gerne im Fernsehen. Bei Dating-Shows begegnet mir dieses Verhalten besonders oft. Ein Mann datet mehrere Frauen, kann sich nicht entscheiden. Macht allen schöne Augen und verletzt jede Einzelne. Die Jungs finden es lustig, die Frauen lachen sein Verhalten irgendwie weg. Er ist halt ein Mann. Doch sobald eine Frau mehrere Männer datet, sich nicht sofort entscheiden will, wirds unschön. „Sie spielt mit den Männern, sie meint es nicht ernst, die will nur den Fame“, schreien alle. Männer wie Frauen, am lautesten jedoch der Mann, der das selbe tut. Fehler einsehen, das eigene Verhalten reflektieren? Fehlanzeige. Weitermachen wie bisher, hat ja keine Konsequenzen, lautet das Motto für den Mann. Die Frau hingegen kriecht zu Füßen, entschuldigt sich und wählt am Ende irgendeinen. Bloß nicht falsch rüberkommen, das Publikum verärgern.

Was so lapidar klingt, ist am Ende ein Spiegel unserer Gesellschaft. Eine, die misogyn ist. Wie sie sich – ganz unabhängig voneinander – eben auch im Wahlkampf und an jenem Wahlabend gezeigt hat. Unsere Gesellschaft misst mit zweierlei Maß – zwischen Mann und Frau. Sie ist misogyn, so sehr wir es uns anders wünschen würden. Während sich Männer Fehler erlauben dürfen, bleiben wir bei denen von Frauen eher hängen. Während Männer gerne mal Fehler im Job gekonnt überspielen und eine Entschuldigung nur selten abgeben, entschuldigen sich Frauen oft zu viel. Zu schnell. Unser Verhalten hat sich über die Jahrhunderte eben angepasst, an Strukturen und Erwartungen.

Das Eingestehen eines Fehlers wird Männern gern als Schwäche ausgelegt.
Und schwach, das sind Männer ja nun wirklich nicht.

Bevor jetzt alle #notallmen schreien: Ich weiß, es ist schwer, diese Strukturen zu erkennen. Doch wir alle unterliegen diesen. Wir alle wachsen in einem patriarchalem System auf, in denen Männern eher vergeben wird als Frauen. In denen wir Misogynie leben – ohne es bewusst zu wollen. Und ja, es ist verdammt ungerecht. Frauen werden dazu erzogen, nett zu sein, den Menschen gefallen zu wollen, sich keine Fehler zu erlauben. Männer hingegen wachsen auf mit dem Wissen, sie können alles, sie dürfen ruhig auch mal rüppelhaft sein. Das Eingestehen eines Fehlers wird als Schwäche ausgelegt. Und schwach, das sind Männer ja wohl wirklich nicht. Männer sollen lachen, Niederlagen – gibt es nicht. Lern daraus und mach was draus.

 

Und ehrlich: Ich feiere jeden Mann, der an dieser Stelle auf die Straße geht und sagt „Das ist nicht mein Verständnis vom Mann-Sein. Ich möchte einen Wandel.“ Ihr wisst, wie viele jeden Tag für eine gleichberechtigte Gesellschaft einstehen, laut sind. Genau, viel zu wenige.

Für mich das wichtigste Learning an diesem Abend: Ich erkenne Strukturen nicht mehr nur in Redaktionskonferenzen und Datingshows, sondern auch auf politischer Bühne. Ich bin nicht mehr nur allein, wenn es darum geht, den Ärger darüber auszusprechen. Twitter & Co. sind wunderbare Anlaufstellen, um gesellschaftliche Strukturen zu diskutieren und zu sehen. Der nächste Schritt: Datingshows für meinen Seelenfrieden mit Abstand betrachten und in Redaktionskonferenzen laut zu werden. Fehler von Männern genauso wie bei Frauen erkennen, aufzeigen und Entschuldigungen einfordern. Und hoffen, dass irgendwie irgendwann ein Fehler groß genug ist, dass er Konsequenzen hat.

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