Kolumne: Ich liebe die Weihnachtszeit

1. Dezember 2014 von in

Ich liebe die Weihnachtszeit. Eigentlich ungewöhnlich, denn wer mag schon noch Weihnachten? Alle werden zu kleinen Grinchs, je älter wir werden, umso reflektierter und leider auch zynischer werden wir. Und Zynismus ist der größte Feind im Dezember, denn wie soll man auch Engel, Weihnachtsmänner, Kerzen, Glitzer und „Tatsächlich Liebe“ toll finden, wenn man jeglichen Kitsch und kindliche Naivität verloren hat.

Ich freue mich auf die Weihnachtszeit. Der Dezember hat begonnen und nach einem heißen, leider nicht allzu langen Sommer, nach einer unromantischen und unkuschligen Zeit, kommt mir der Jesus nun recht gelegen. Die Vorfreude steigt im November, ich träume von Glühwein und von Christkindlmärkten, stelle mir vor, wie ich mit meinem Freund über das Winter Tollwood spaziere und Geschenke für meine Eltern aussuche. Alles ist so mukkelig und familiär, ihr wisst schon was ich meine. Anschließend geht’s nach Hause, wir backen gemeinsam Plätzchen und schmieren uns kichernd Puderzucker auf die Nasen, während wir das Hörspiel „Der König von Narnia“ hören. Meine Mama sitzt in ihrem Lieblingssessel und liest Oscar Wilde, meine Schwester ist zu Besuch und kocht uns was Feines. Mein Papa bringt uns selbstgemachte Chutneys vorbei.

Es ist soweit. Die Lichter sind in der Münchner Innenstadt angegangen, der Christbaum am Marienplatz ist aufgestellt und während ich die Theatinerstraße herunter spaziere, schließe ich die Augen und atme eine perfekte Brise aus Mandeln, Zimt, Anis, Wein und ja, irgendwo in der Ferne, Schweinsbraten und Blaukraut ein. Denn das ist das Schöne an München: Egal wo du bist, der überraschende Duft von Schweinsbraten holt dich ein. Während ich mit meinen lieben Arbeitskolleginnen und Freundinnen Milena und Antonia einen Zwischenstop am Christkindlmarkt einlege, weil wir gegen 14 Uhr halb verhungert sind, drücken sich die beiden ein Schälchen Käsespätzle in einer Höchstgeschwindigkeit hinein, während ich beim Bratwurststand anstehe und mich nach einer Semmel fluchend an der Bushaltestelle darüber beschwere, dass das Essen wirklich unbefriedigend war und ich immer noch Hunger habe. It’s December von Audrey Hannah, ein One-Hit-Wonder, läuft im Hintergrund.

Ich besuche abends mit einer guten Freundin das Tollwood, um Geschenke für meine Eltern zu finden und ein bisschen Weihnachtszauber abzubekommen. Wir machen also den ersten Halt am ersten Glühweinstand, der uns begegnet und wärmen uns auf. Der kostet sechs Euro und noch mal genauso viel Pfand, wir trinken ihn gemütlich, während wir die Menschen beobachten, die plötzlich alle aussehen wie kleine Weihnachtswichtel. Ich muss nochmal zum Bankautomaten zurück, weil ich zu wenig Bargeld habe für die Menge an Geld, die wir ausgeben müssen. Am Stand Nummer zwei trinken wir dann noch einen Glühwein und danach Feuerzangebowle. Die Feuerzangenbowle trinke ich, weil mir auffällt, dass mir Glühwein überhaupt nicht schmeckt.

Wir haben Hunger und essen einen Flammkuchen. Mittlerweile bin ich 40 Euro los und schon so betrunken, dass ich die Menschenmengen in den Zelten nicht mehr aushalte. Wir beschließen, den Geschenkekauf zu vertagen und fahren Heim.

Ich kann den Tatsächlich Liebe-Abend mit den besten Freundinnen inklusive Plätzchenbacken kaum erwarten. Wir treffen uns gemeinsam am Mittwochabend, ich bringe die Orangen, die anderen den Rotwein und die Gewürze. Milena hat schon mal mit dem Plätzchenteig begonnen, da wir uns alle ein bisschen verspätet haben und sie nicht warten wollte. Gemeinsam trinken wir den lauwarmen, selbstgemachten Glühwein, der in der Tat deutlich besser schmeckt als der gekaufte und formen Vanillekipferl, die alle scheiße aussehen und den Puderzucker hatte ich auch vergessen zu kaufen.

Währenddessen läuft „Tatsächlich Liebe“ – der Film läuft nur noch nebenher, da wir ihn mittlerweile auswendig kennen. Aber nett, die Stelle, wo Hugh Grant so süß tanzt. Wir stellen fest, dass wir alle Singles sind, aber dass es völlig in Ordnung für uns ist, weil wer braucht schon Beziehungen. Wir sind selbstbewusste, starke Frauen und so weiter, wir haben ja uns und überhaupt erlebt man als Single viel mehr. Es nicken alle zustimmend und wir trinken gleichzeitig einen tiefen Schluck unseres selbstgemachten Glühweins. Marie zieht ihre Mütze von COS tief in ihre Stirn: „So, ich pack’s nach Hause!“ Während „Tatsächlich Liebe“ ein Ende nimmt, sind alle zu müde, um noch zu bleiben. Ich fahre Heim und meine Mama schickt mir ein Selfie, wie sie in ihrem Lieblingssessel die Brigitte liest.

Ich streame „Der König von Narnia“ und schlafe nach zwei Minuten ein, weil dieser Glühwein macht nun wirklich nicht fit. Irgendwie vergeht die Zeit so schnell, dass Weihnachten eigentlich schon wieder rum ist und ich mir vornehme, absofort nicht mehr so viel zu essen. Am 31. Dezember lasse ich mich wie an einem klassischen Samstagabend voll laufen mit dem Unterschied, dass mein Outfit glitzernder ist als normalerweise und dann ist Januar. Plötzlich sehen die Pailletten irgendwie albern aus und um Himmels Willen, nie wieder Glühwein.

Mitte Januar dann fange ich an die Weihnachtszeit zu vermissen, das Gefühl, die Gemütlichkeit, den Hauch von Schweinsbraten und Zimt. Ja, ich liebe die Weihnachtszeit. Eigentlich ungewöhnlich, denn wer mag schon noch Weihnachten?

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17 Antworten zu “Kolumne: Ich liebe die Weihnachtszeit”

  1. Wie wahr. Danke für diesen schönen Text und mal wieder der Beweis, dass ihr einzigartig und toll seid, als Magazin. <3 Euch eine schöne Weihnachtszeit.
    (Ich gucke nachher direkt mal tatsächlich Liebe)

  2. So wahr! Die Erinnerung/ Vorfreude an die Weihnachtszeit ist immer noch ein bisschen schöner als die Realität- trotzdem möchte ich sie nicht missen :)!

  3. Schön! Wer mag schon noch Weihnachten? Ich auch nicht, aber ich mag die Vorweihnachtszeit, eigentlich genauso, wie du sie beschreibst!
    Aber 6€ für einen Glühwein? Das ist echt München…komm mal nach Hamburg :-)

  4. So ein toller Text – und vor allem so wahr! Irgendwie ist man doch jedes Jahr wieder einerseits voller Vorfreude und guten Vorsätzen für die Weihnachtszeit, und dann ist es doch alles einfach nur noch stressig, die Weihnachtslieder werden auf einmal zum immer gleichen, nervigen Gedudel und der Glühwein schmeckt auch nicht mehr so wie man sich das vorgestellt hat.
    Wünsche dir trotzdem einen wunderschönen Dezember! (;

  5. Ein wirklich sehr toll geschriebener Text, ich musste so schmunzeln :) Ich genieße und zelebriere die Vorweihnachtszeit jedes Jahr ausgiebig und wünschte sie würde länger dauern..vor dem Januar graut es mir jetzt schon. Ich wünsche euch einen tollen Dezember und ein schönes Fest :) LG Lisa

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