Short Cut: Frau Voigt und die Liebe

12. Januar 2018 von in

Eine Kurzgeschichte von Amelie.
Die Charaktere und Situationen sind in unserer Reihe Short Cut frei erfunden.

4 Uhr morgens. Frau Voigt sitzt an ihrem Küchentisch, wärmt Essensreste vom Vorabend auf und trinkt ein Glas Wein. Tradition. Ihren Lieblingswein; eigentlich schade drum, denn morgen wird sie vergessen haben, wie er geschmeckt hat und günstig ist der nicht. Sie hatte eben Sex, einen Orgasmus und ihn anschließend aus der Tür gebeten. Er erklärt, er würde sich benutzt fühlen und dann müssen beide lachen. Sie hat gerne Sex, aber sie weiß nie, was man danach miteinander anstellen soll. Dann fassen die einen an, wollen kuscheln und das alles, und deshalb hat es einen Grund, weshalb ein 1.80m Bett in Frau Voigts 31 Quadratmeter Wohnung steht. Sie schläft immer auf der Außenseite des Bettes, auch wenn sie keinen Übernachtungsbesuch hat. Diesmal hätte sie ihren Besuch gerne an der Innenseite des Bettes schlafen lassen.

An jenem Freitagabend hatte Frau Voigt nämlich Besuch von einem jungen Mann, den sie auf Ebay Kleinanzeigen kennengelernt hatte. Das macht sie manchmal, weil Dating-Apps sind ihr zu banal. Deshalb verkauft sie regelmäßig Regale, Tassen, Schränke, Betten, Stühle, die sie auf den Straßen ihres Viertels Eimsbüttel in Hamburg findet. Zurückgelassene Schätze zu Verschenken. Meist holen Menschen ihre Möbel ab, die für Frau Voigt uninteressant sind (also die Menschen), doch diesmal klingelte der hübsche junge Mann mit grünen Augen an ihrer Tür. Er trug einen ebenso grünen Windbreaker, der zwar scheiße aussah, über den Frau Voigt aber hinweg sah. Während er sich prüfend auf den Stuhl setzte, bot sie ihm ein Glas Wasser an. Er fragte, ob sie auch ein Glas Wein hätte und dann tranken sie Wein, rauchten und hatten Sex. Danach bat Frau Voigt ihn aus der Tür, wie ich bereits erzählt habe, und sobald er aus der Tür war, schrieb sie ihm, dass das schön war. Er schrieb, dass er zurückkommen würde, aber dass die U-Bahn so passend eingefahren wäre.

Es folgen Monate, in denen sich die beiden treffen, Wein trinken, reden und Sex haben. Mal mehr, mal weniger. Sie sprechen über alte Zeiten und streiten sich darüber, wer Weihnachten mehr hasst. Sie diskutieren über Politik und Marmeladentoast, essen indisch und er die feinen Haare von ihren Brüsten. Ich glaube, die beiden waren schon ein bissschen verliebt ineinander, aber das hat keiner gesagt. Im Winter beschließt Frau Voigt, für einen Monat nach Marrakesch zu fahren, weil besseres Klima. Dort trinkt sie um 4 Uhr morgens Wein und schreibt. Sex hat sie keinen, weil Sprachbarriere. In dieser Zeit haben die beiden keinen Kontakt – generell verlaufen sich ihre Kontakte schnell, weil sie erwartet, dass der jeweils andere dahinter sein soll. Wenn er das nicht ist, dann halt nicht. Er ist es nicht. Der Winter vergeht. Die ersten Maiglöckchen kämpfen sich durch die schneebedeckten Grashalme und die Gedanken an den jungen Mann halten Frau Voigt immer seltener wach.

Im Sommer, genau ein halbes Jahr nach dem letzten Kontakt, erhält sie noch eine Nachricht über eBay Kleinanzeigen von ihm: „Meine Liebe, ich feiere am kommenden Samstag meinen 38. Geburtstag. Komm doch. Das wäre schön.“. Frau Voigt lehnt dankend ab und schreibt:

„Mein Lieber,

ich danke dir für die Einladung. Du weißt, dass ich Geburtstage schrecklich finde, deshalb wirst du es mir wohl nicht übel nehmen, wenn ich nicht komme. Sonst suche ich den ganzen Abend angestrengt Gesprächspartner und halte die mich langweilenden Gespräche aus, um nicht verloren auszusehen, während ich eigentlich die ganze Zeit nur dich sehe. Ich würde die Worte meines Gegenübers wie ein dumpfes Echo wahrnehmen, ab und zu aus Höflichkeit lachen und dich währenddessen beobachten, wie du dich den ganzen Abend über Geschenke freuen musst und dich dabei mehr vermissen, als ich es die letzten sechs Monate getan habe. Wir würden ein paar Sätze wechseln, doch deine einzige Aufgabe wird es sein, es allen Gästen recht zu machen und du wirst alle enttäuschen, da sich deine Gäste auf dich gefreut haben aber keiner genug Zeit mit dir hatte. Dann würde ich mich fragen, wieso du mir nie geschrieben hast. Du hast immer von der großen Liebe gesprochen und davon, wie sehr du an sie glaubst, doch du konntest schon immer gut sprechen und schlecht handeln.

Marrakesch ist übrigens schön. Das solltest du auch mal probieren.

In Liebe,
Charlotte“

Frau Voigt meldet sich von eBay Kleinanzeigen ab und nun hält sie ein anderer Gedanke die kommenden Monate wach: „Vielleicht hätte ich ihm doch besser einen Kinogutschein schenken sollen.“

 

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