Short Cut: Das mit dem Leben

17. Januar 2019 von in
Foto: Toa Heftiba

Eine Kurzgeschichte von Amelie. Die Geschichten und Personen in unserer Kategorie Short Cut sind frei erfunden.

Ich hielt das Glas noch fest in meiner Hand. Es roch säuerlich und vergoren, als ich nach dem undankbaren Weckruf der zufallenden Eingangstür testete, ob es sich bei dem Inhalt des Glases doch eventuell um Wasser handelte. Fehlanzeige. Das Ledersofa machte Geräusche bei jeder vorsichtigen Bewegung. Wie konnte das passieren, wie konnte ich hier einschlafen. Mein Blick fiel auf einen großen, lichtdurchströmten Raum, der bereits von einem Reinigungsteam in Angriff genommen wurde und von sämtlichen Gläsern, Flaschen, Plastiktüten und Fußabdrücken befreit wurde. Die Putzkraft unterhielt sich mit einem Kollegen auf Tschechisch oder so und kam auf mich zu.
In Situationen wie diesen, in denen man völlig außer Kraft gesetzt ist und sich der Tatsache bewusst wird, dass man in wenigen Sekunden mit anderen Menschen in Kontakt treten muss, hilft nur grenzenlose Freundlichkeit und Souveränität. Also rappelte ich mich vorbereitend auf und versuchte mich einer unauffälligen Pose auf dem Sofa. Beine überschlagend, lächelnd: „Hallo! Willkommen!“, sagte ich und schon in diesem Moment bereute ich das Willkommen, das am Ende noch eine riesige Migrantendebatte auslösen könnte. Willkommen in unserem Land? Das kam völlig falsch rüber, ich versuchte mich zu korrigieren: „in dieser Wohnung. Willkommen in dieser Wohnung!“, fügte ich meinem hinkend freundlichen Satz an. „Herrlicher Tag, nicht wahr? Ein strahlender Himmel, scheint mir. Kann ich Ihnen denn irgendwie helfen? Benötigen Sie Hilfe? Ich mach gleich mal die Fenster auf“, ich hielt mich an dem Arm des Sofas fest, da mein Körper auf so viel Schwung nicht vorbereitet war und gleich rücklings wieder mit dem dunkelbraunen Leder Eins werden wollte. „Hoppla!“, rief ich und lachte hysterisch. Nicht, dass meine Gesprächsvorlage steil gewesen wäre, doch dass die Reinigungskraft mich nicht einmal begrüßte, geschweige denn auf einen meiner holprigen Sätze reagierte, schien mir barsch. Der Mann in Kobaltblau desinfizierte das Sofa, auf dem ich wenige Sekunden zuvor aufgewacht war und wischte mit einem ebenso blauen Microfasertuch darüber. Wenn ich nur wüsste, wo ich genau war, wäre mein erster Eindruck deutlich sicherer gewesen.

Aber ich wusste aufgrund des dröhnenden Schädels zum Beispiel und meiner lahmen Gedanken nicht einmal genau, in welchem Verhältnis der tschechische Mann in Blau und ich standen. Arbeitete er für mich? War ich Gast oder etwa Gastgeberin? Zweiteres schloss ich aus, da ich mir meiner Wohnungssituation bewusst war (es gab keine). Viel wichtiger eigentlich die Frage: Wer wohnte hier? Ich nahm vorsichtig einen Fuß vor den anderen und schwankte ins nächste, mindestens genauso große Zimmer, dessen Mächtigkeit die wenigen Bauhaus-Möbel zu verschlucken schien. Sie sahen im Verhältnis aus wie ein paar Schaufeln und Plastikförmchen, die Kinder immer im Sandkasten am Spielplatz vergessen hatten. Dazwischen ein paar Champagnergläser und Bierflaschen. Empört über den Umgang mit den teuren Möbeln zog ich meinen violetten Kaschmirpullover über die Handfläche, sammelte die wenige Spucke, die mein dehydrierter Körper noch produzieren konnte und rubbelte damit die klebrigen Champagnerreste von dem schönen Eileen Grey Beistelltisch, der doch sonst so mondän in Silber glänzte. Ein hübsches Teil, dachte ich mir und ließ mich langsam zu Boden sinken.

Was genau war gestern Nacht geschehen? Ich erinnerte mich an die laute, volle Bar, an die Gin Tonics und den dunkelhaarigen Typen, der mich den ganzen Abend in seinen Gesprächen über gähnend langweilige Themen wie Versicherung und Investments gefangen hielt und dann war da noch seine Zunge, die deutlich besser in der Praxis als in der Theorie funktionierte. Okay, wir haben also geknutscht. Und danach? Der Gin Tonic hatte gute Arbeit geleistet. Es wollte mir einfach nicht kommen.

Schlüssel kratzten an der Haustür der monströsen Wohnung, und mein Herz pochte. Cool bleiben. Ich raffte mich auf, nahm die versiffte Zeitung neben mir in die Hand, lehnte mich an einen Türrahmen und versuchte mich erneut an einem souveränen Eindruck. „Guten Morgen“, kam es aus dem gegenüberliegenden Zimmer. Lässig hob ich meinen Blick und setzte das selbstsicherste Lächeln auf, das ich hervorbringen konnte. Es fiel allerdings in sich zusammen, als ich ich ihn sah. Aus mir quälten sich irgendwelche Geräusche, wie „Gnahü“, und ich war mir relativ sicher, mich jetzt in diesem Moment übergeben zu müssen. Oder wenigstens hyperventilieren musste.

„Ich habe dir ein Laugencroissant gekauft. Die magst du doch so gerne“
„Was machst du hier“, fragte ich ihn und seine Gegenfrage „Das sollte ich eher dich fragen, oder?“, ließ mich nackt fühlen. Der Mensch, der mich jahrelang in meinen Träumen verfolgte, der mich nachts wach hielt, der mich wie ein Häufchen Elend fühlen ließ, stand mir gegenüber und hatte ein Laugencroissant für mich in der Hand.

„Was ist geschehen? Wieso bin ich hier? Wieso bist du hier?“, verdattert konzentrierte ich mich auf den Sprung im Eileen Grey Tisch.
„Das weißt du nicht mehr? Ich habe dich alleine im Schwarzen Café aufgegabelt, während du um 4 Uhr morgens in deinen Apfelkuchen mit Vanillesauce geweint hast. Ich habe dich mit genommen zu mir. Hier war noch eine kleine Party mit Freunden im Gange.“
Oh mein Gott. Ich bin in der Wohnung meines Ex-Freundes. Der Mann, der mein Herz gebrochen hat. Der Mann, der mich zerstört hat. Der Mann, den ich sechs Jahre nicht mehr gesehen habe. Und er lebt hier. Die Gedanken überrollten mich, und ich stellte mir vor, wie wir glücklich bis ans Ende unserer Tage in dieser riesigen Altbauwohnung im Herzen Schönebergs wohnen würden und dieser sauteure Beistelltisch sozusagen das Symbol unserer wieder erblühten Liebe wäre. Ich würde ihm verzeihen, und er würde mir sagen, wie sehr er mich liebte.

„Dein Tisch da hat einen Sprung“, antwortete ich und sank wieder zu Boden. „Hatten wir Sex?“, hing ich an, denn spätestens jetzt war irgendwie eh alles egal.
„Marianne“, ich hasste es, wenn er Marianne sagte. Er wusste, dass ich Marie genannt werden wollte. Er nannte mich immer Marianne, wenn er mich behandelte wie ein Kleinkind, das sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.
„Marianne, du bist 36 Jahre alt.“
„Ist das dein Ernst? Das ist das einzige, was du mir zu sagen hast? Mein Alter? Denkst du, das wüsste ich nicht? Ich bin 36. Ja, und jetzt? Du bist 40.“
„Ich bin 42.“
„40, 42. Ab 36 ist das Alter sowieso egal. Jedenfalls frage ich dich, ob wir Sex hatten und was hier genau los ist, und du nennst mich Marianne obwohl du weißt, dass ich es hasse, wenn du mich Marianne nennst, und sagst mir wie alt ich bin. Ich habe das schon immer gehasst an dir. Du bist ein Besserwisser. Du bist ein Angeber. Du bist ein Proll“, meine Hände zitterten und ich krallte meine abgekauten Nägel tiefer in die Zeitung. Ich musste mich an irgendetwas festhalten, um nicht noch tiefer zu sinken.
„Nein, Marie, wir hatten natürlich keinen Sex.“
„Natürlich. Natürlich sagst du das. Wieso ist das so natürlich, hm? Ist ja nicht so, als hätten wir noch nie Sex gehabt, oder? Drei Jahre lang hatten wir Sex. Von hinten, das mochtest du doch immer so gerne. Ich kenne jede Stelle an deinem gottverdammten Körper und du sagst, dass wir NATÜRLICH keinen Sex hatten? Du bist das gleiche Arschloch, das du damals auch schon warst. Das Allerletzte.“
„Willst du einen Kaffee.“
„Ja.“

Wenige Minuten später balancierte Linus jeweils eine perlmuttfarbene Tassen in einer Hand und setzte sich neben mich auf den schmutzigen Perserteppich. Mein Kaffee war schwarz, seiner mit Milch. Ich nahm einen großen Schluck aus der Kaffeetasse und verbrannte mir die Zunge. Er hatte die zwei Teelöffel Zucker vergessen. Es war mir egal.

„Ich hatte mir immer überlegt, wie es wäre, dich wieder zu treffen. Was ich dir sagen würde. Und jetzt sitzen wir hier in deiner perfekten Wohnung in deinem perfekten Berliner Viertel und trinken Kaffee aus deinen perfekten Tassen, die du wahrscheinlich damals irgendwo in Marokko oder so gekauft hast, und du nennst mich Marianne und erklärst mir, dass wir natürlich keinen Sex hatten. Als läge dir das so fern wie nichts anderes auf der Welt. Dabei hast du mich geliebt. Ich weiß, dass du mich geliebt hast. Und so, wie du mich gerade ansiehst, weiß ich auch, dass du es immer noch tust. Du bist ein Arschloch. Du bist scheiße zu mir, damit du nicht fühlen musst, wie schlecht es dir eigentlich ohne mich geht.“
„Marianne, ich bin seit vier Jahren verheiratet.“
„Natürlich bist du das. Mit der einfachen Frau, nicht wahr? Die Frau, mit der das Leben leicht ist. Die Frau, die zu allem ja und Amen sagt. So läuft das doch immer.“
„Nein, Marianne, sie ist die Frau, die ich liebe. Und sie ist gerade in Zürich bei ihren Eltern – mit unserem Sohn Meilo. Ich habe dich nie geliebt, das habe ich dir damals vor sechs Jahren gesagt und das sage ich dir heute. Du bist nicht die komplizierte Frau, die keiner halten kann. Du bist das chaotische Mädchen, das sich seit über zehn Jahren nicht verändert hat. Lass mich endlich los.“

Jetzt bloß nicht heulen. Wehe, du heulst. Zitternd griff ich nach dem Laugencroissant, setzte mich auf und ging so schnell es mir in meinem verkaterten Zustand möglich war zur Haustür.
„Auf diesem Niveau spreche ich nicht mit dir“, bloß keine Schwächen zu lassen. So ist es gut, Marie. Jetzt noch ein paar Schritte, und dann hast du die Hölle hinter dir gelassen.

Als ich draußen nach frischer Luft schnappte, kamen mir widerwillig die Tränen. Sie kugelten über mein Gesicht und ich biss von dem Croissant ab. Ich konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Was bildete er sich überhaupt ein, so etwas von sich zu geben? Ja, ich machte vielleicht gerade eine schwere Phase durch, doch natürlich hatte ich mich verändert! Und wie ich mich verändert hatte! Ich fingerte mein Telefon aus der linken Jeanstasche. Zehn entgangene Anrufe von Luisa. Ich rief zurück und kurze Zeit später bog Luisas quietschgelber Golf in der Akazienstraße in Schöneberg ein. Ich schälte mich vom Gehweg, ließ mich in die Ledersessel sinken und wachte erst wieder einige Stunden später in ihrem Gästezimmer auf. Als ich auf mein Telefon sah, war da noch eine Nachricht von einer nicht eingespeicherten Nummer: „Es tut mir Leid, dass es dir so schlecht geht. Ich hoffe, du schaffst es noch. Das mit dem Leben. Viele Grüße, L.“, ich drehte mich um und schlief wieder ein.

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5 Antworten zu “Short Cut: Das mit dem Leben”

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