Short Cut: Die Vergänglichkeit der Schönheit

17. Juni 2019 von in

Die Kurzgeschichten in unserer Kategorie Short Cut sind alle frei erfunden.

Die Sonne flimmerte auf dem See und hinterließ kleine, glitzernde Kristalle, die sich mit den kleinen Wellen auf und ab bewegten. Ich ließ den letzten Tropfen Pastis auf meine Zunge tropfen und legte meinen schweren Kopf zurück auf den heißen Steg, auf dem ich mir als Kind immer vorstellte, die einzige Person auf der ganzen Welt zu sein. Um mich herum nur das Wasser, in dem ich stundenlang die reflektierenden Sonnenstrahlen versuchte einzufangen, als seien sie ein seltener Schatz, den man stehlen und aufbewahren konnte. So sehr wollte ich, dass der Moment niemals verstreichen würde. Doch das Wasser glitt durch meine Finger, als sei es gar nicht wirklich da. Schon damals schien es für mich unerklärlich, wie etwas so Schönes so vergänglich sein konnte.

„Du schweifst ab. Du weißt wahrscheinlich gerade überhaupt nicht, wovon ich gesprochen habe.“, ich sah auf seine Hände, diese schönen Hände, die seiner Zigarette so gut standen. Sie baumelte zwischen Zeige- und Mittelfinger als würde sie schweben, ganz unbemerkt und fast nicht da, ein bisschen wie die Sonnenstrahlen auf dem Wasser. Seine Worte hallten in meinem Schädel wie ein leises Echo.

Der Pastis hat sich heute besonders viel Mühe gegeben, meine Gedanken wie vertrockneten Zement zu zermürben. Seufzend drückten mich meine Ellbogen zu einer aufrechten Position. Kurzer Schwindel. „Die Sonne glitzert schon wieder so schön im See, schau mal“, ich sah zu ihm hinüber. Strähnen seiner blonden, langen Haare fielen ihm ins Gesicht. Die traurigsten Augen der Welt blickten direkt in meine, als könnten sie mich auffressen. Wie immer versuchte ich dem enttäuschten Blicken standzuhalten. Ein nicht enden wollendes Training war das, wie früher der Klavierunterricht, der mich einfach nicht besser werden ließ. Immer und immer wieder versagte ich an derselben Stelle. Ich blinzelte und verlor: „Was willst du von mir“

„Ich will mit dir reden. Aber das scheint ja wieder mal nicht zu funktionieren. Du hörst mir nicht zu und sprichst von glitzerndem Wasser. Zu was soll das führen?“
„Ich dachte, für glitzerndes Wasser und so fährt man aufs Land“
„Wenn man in einer intakten und glücklichen Beziehung ist, schon“
„Und was machen wir dann hier“, jetzt kam sie doch wieder hoch, die Wut, die ich doch so scheinbar erfolgreich mit dem Pastis hinunter spülte.
„Um an uns zu arbeiten. Wir wollten uns diese Chance noch geben. Bitte versau es jetzt nicht.“

Ich fing an die Enten zu zählen, die fröhlich und unbeschwert auf dem Wasser umher tuckerten. Vierzehn Enten, die an nichts arbeiten mussten. Die nichts taten, außer in der Abendsonne zu schwimmen. Träge rollte ich mich zu der Zigarette in seiner Hand und zog an ihr, ohne sie ihm aus der Hand zu nehmen. Sie stand ihm so viel besser als mir. Er warf den Stummel in die leere Flasche und fing an zu heulen. Wie kann man selbst beim Heulen so scheiße perfekt aussehen: „Wieso REDEST du nicht mit mir“, seine Stimme zitterte.
„Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll“

Meine Hand griff nach seiner und ich zog ihn und mich mit aller Gewalt in den See. Es machte einen riesigen Platscher. Als wir beide unter Wasser waren und das kühle Nichts um uns herum war, fühlte sich für einen kurzen Moment alles gut an. Als wäre nie etwas geschehen. Als hätte ich nie besoffen mit seinem besten Freund gevögelt, als hätte er mir danach nie eine Ohrfeige gegeben, als hätte ich ihm daraufhin nie ein blaues Auge geschlagen, als wäre sein bester Freund nie abgehauen, als hätten wir danach nie eine offene Beziehung versucht, als hätten wir uns nie angeschrien, als hätte er mich noch nie so enttäuscht und traurig angesehen, wie er es seither tat. Als wären wir noch so glücklich, dass es wehtat.

Wir tauchten auf und er sah so unverschämt schön aus: „Wieso tust du das. Wieso gehst du uns aus dem Weg. Wieso probierst du es nicht mal! Ich fühle dich nicht mehr, wenn ich dich ansehe. Du bist gar nicht da. Nur eine Hülle von dir schwimmt hier vor mir. Du bist innerlich tot“
„Früher mochtest du es ins Wasser geworfen zu werden. Da hast du gelacht“
„Früher war auch noch alles GUT, verstehst du das“

„Ich vermiss unsere Gespräche über glitzerndes Wasser. Als wir nackt eine Flasche Pastis geleert haben und Sex auf dem Steg hier hatten“
„Du hältst dich so verbissen an etwas fest, was schon lange nicht mehr ist. Das macht alles keinen Sinn mehr. Wir wollten uns dieses Wochenende als Chance geben, miteinander zu sprechen und aneinander zu arbeiten. Aber du lässt mich überhaupt nicht rein. Deine Seele ist vertrocknet. Wenn ich dir in die Augen sehe, ist da gar nichts mehr. Das sind nur noch so Roboteraugen. Das alles ist eh schon zum Scheitern verurteilt. Weißt du was, ich pack jetzt meine Sachen und hau ab. Du wirst mir eh nicht folgen, weil du mir nie folgst. Du wirst mich nicht aufhalten. Du bist so gelähmt vor schlechtem Gewissen und so gefangen in dir selbst. Ich kann das nicht mehr.“

Ich ließ mich wieder unter Wasser gleiten, wo alles für einen kurzen Moment so gut war. Früher hätte er mich als Rache untergetaucht, und wir hätten so lange gelacht, bis uns die Tränen kamen. Ich schloss die Augen, doch die Bilder von früher entglitten mir, als wären sie nie gewesen. Wie konnte etwas Schönes nur so vergänglich sein.

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