Short Cut: Das Ruder in der Hand

14. Mai 2019 von in

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„Denken, das war ein Fehler“, dachte ich und seufzte. Jammernd, klagend, ächzend. Der Kugelschreiber auf dem mir gegenüberliegenden Schreibtisch in Holzoptik bahnte sich derzeit seinen Weg gen Boden und hinterließ kurz vor seinem Fall einen azurblauen Streifen auf meiner Jeans. War ja klar, dass gerade mir das passierte, immer passierten mir solche Dinge, aber am Ende war es ja auch irgendwie egal, weil irgendwie war ja alles egal und was bildete ich mir überhaupt ein, mich über einen Kugelschreiber-Strich auf meiner Jeans zu beschweren, wo andere Menschen hungerten und vom Krieg flohen, auf der Straße saßen, Weihnachten alleine vor dem Fernseher verbrachten. Einsamkeit. Dachte ich mir und seufzte erneut.

Ich goss mir kontinuierlich Rotkäppchen Sekt in den Mund und schüttelte den Kopf, da die Enttäuschung von mir selbst zu groß war, um keinen Sekt zu trinken und mir gleichzeitig mein Egoismus einen Schauer über den Rücken jagte. Ich sah auf und fragte mich, ob mein Kollege Hansi meinen Schwermut wahrnehmen würde. Seit zwölf Jahren in der Druck Oase hatte Hansi kaum ein Wort zu mir gesagt und dementsprechend fühlten sich meine Arbeitsschichten in der Druck Oase zäh an, wenn ich sie gemeinsam mit Hansi antreten musste.

Heute war wenig los, weil Anfang Semesterferien. Die Druck Oase trägt sich heute nur noch durch Studenten, die sich bis heute keinen Drucker zugelegt haben oder die wahlweise die Entscheidung spätestens nach dem letzten Nervenzusammenbruch aufgrund Versagens auf Druckerseite beschlossen, den eigenbrödlerischen und launischen Genossen zu entsorgen. Die Semesterferien in Verbindung mit dem Hansi waren eine echte mentale Herausforderung. Weil seine Redseligkeit, wie bereits erwähnt, dürftig. Die gähnende Langeweile ließ sich jedoch jeden Tag neun Stunden lang mit neu gelernten Atemübungen meiner Yogalehrerin Sabrina (kurz Sabsi) und Ferrero Küsschen überbrücken.

Eins, zwei, drei, vier… vier neue Sprösslinge an der Yucca Palme. Ein mütterliches Gefühl von Stolz breitete sich in mir aus, das dem Gefühl ähneln musste, das man bei einem selbst getöpferten Toilettenhalter von der achtjährigen Tochter oder dem Sohn bekommt. Wenn dann hinten drauf steht „für Mama“ und man davon überzeugt ist, dass das eigene Kind sozusagen der neue Picasso ist.

In der Druck Oase scherte sich ja sonst keiner darum, die insgesamt 38 Büropflanzen auf Trapp zu halten. Die waren zwar unkompliziert, aber die gießen sich auch nicht von alleine! Ein sensibles Thema. Ruhig bleiben, Patricia, immer mit der Ruhe. Ich fingerte das letzte Ferrero Küsschen aus der schmalen Packung und drückte es mir in den Mund. Bei Stress, Müdigkeit, oder spontan aufkommenden Wutattacken hilft keine Zuckersucht, sondern Luft. Die lehrreichen Worte von Sabsi fraßen sich mit jedem Bissen der Haselnussschokolade tiefer in mein Gewissen.

Pranayama. Die Pranayama-Atmung konzentriert sich auf eine rhythmische, stoßartige Ausatmung durch die Nase. Die Einatmung ist dabei sekundär und geschieht reflexartig. Einmal tief ein- und entspannt ausatmen. Und dann los. Ich stieß die Luft mit voller Wucht immer wieder aus meinen Nasenlöchern hinaus. Sabsi würde jetzt sagen, ich soll dabei lächeln und meine Stirn entspannen. Das sagt die immer so leicht. Meine Mundwinkel zitterten bei dem erfrorenen Lächeln, das ich mir während der Meditationseinheit versuchte zu schenken.

„Host an Rotz in der Nosn“
Unverschämt, dieser gottverdammte Hansi. „Haha, nein Hansi! Ich meditiere!“
„Aha.“

Jetzt bloß nicht aufhören, Patricia. Lass dich nicht von anderen beherrschen. Im Boot deines Lebens hast DU das Ruder in der Hand. Während ich weiterhin angestrengt Luft aus meiner Nase prustete, beobachtete ich Hansi. Der war nämlich aufgestanden und wurschtelte irgendwas in der Küche herum. Der Hansi stand sonst nie auf. Ungewöhnlich. Was der da wohl machte? Bei all den Gedanken kam ich aus dem Takt und nahm zum Abschluss meiner Atemübung einen großen Schluck aus meiner Kaffeetasse, in der sich Rotkäppchen Halbtrocken verbarg.

Der Hansi kam mit einer Packung Marmorkuchen von Dr. Oetker zurück und stellte die angerissene Packung auf eine der Druckermaschinen.
„Ach, wie nett. Hansi, haben Sie etwa Geburtstag?“
„Heit is mei letzter Dog“
Endlich war er weg, der arrogante Hund. „Ach, das ist ja wirklich schade, dass Sie uns verlassen. Nach all den Jahren. Wir haben uns ja nie wirklich kennengelernt.“

„I ziag nach Down Under“
„Das ist ja spannend, Hansi! Australien. Ein großes Abenteuer! Weltoffenheit ist so wichtig in Zeiten wie diesen. Ich sage immer ‚Gegen Betroffenheit hilft Offenheit!‘. Das finde ich wirklich positiv überraschend, Hansi. Ehrlich gesagt hätte ich Sie nicht so eingeschätzt. Ich war letztes Jahr mit meiner Yogalehrerin Sabsi auf Bali und ich muss Ihnen sagen, also das hat meinen ganzen Blick auf die Welt verändert. Einfach mal raus und mit den Leuten sprechen! Heutzutage ist ja sowieso alles so anonym geworden. Aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen… Sie wissen! Ach, natürlich wissen Sie. Sie ziehen schließlich ans andere Ende der Welt. Hut ab, sag ich da, Hut ab! Sie werden hier wirklich fehlen, Hansi.“

„Bist du narrisch i ziag nach Rosenheim!“
Der Hansi packte seine sieben Sachen, während ich wieder mit meiner Wut zu kämpfen hatte. Er verließ die Druck Oase wie immer fünfzehn Minuten zu früh. Ich befreite den Marmorkuchen zur Hälfte von seiner Plastikverpackung und biss hinein, als wäre er ein Sandwich. Sein Schreibtischstuhl war viel bequemer als meiner, stellte ich fest, als ich in ihn hinein sank.

Ich lächelte.
Endlich war er weg, der arrogante Hund.

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