Kolumne: Emma Watson, das Singledasein und ich

13. November 2019 von in

Die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Alleinsein war lange Zeit eine nahezu unmögliche Aufgabe für unsere Gesellschaft. Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis es neben FOMO (Fear of Missing Out) auch JOMO (Joy of Missing Out) geben durfte, Introvertiertheit nicht nur als Schwäche, sondern auch als Stärke gesehen wurde und man nicht mehr als langweilig galt, wenn man an einem Samstag lieber mal im Bett liegen blieb. It’s called self care! Look it up!

Singles sind nie wirklich am Ziel

Aber es gibt da einen Bereich, der scheint nach wie vor nahezu unberührt von dieser neuen Revolution des bewussten Alleinbleibens: Das Singledasein. Besonders als Frau. Denn egal, wie glücklich und zufrieden man in seinem Für-sich-sein auch ist, der Begriff „Single“ scheint immer zu implizieren, dass man auf der Suche ist – dass man sich in einem Zwischendrin-Status befindet und noch nicht am Ziel. Und dieses Ziel, ja, das besteht eben schlicht und einfach darin, verpartnert zu sein. Egal, wie glücklich oder unglücklich das am Ende aussieht: Wer eine Beziehung führt, ist irgendwie immer schon einen Schritt weiter. Mich nervt das. Und es muss wohl auch Emma Watson genervt haben, als sie letzte Woche zur britischen Vogue sagte, sie sei nicht Single, sondern „self-partnered“.

 

Die einen interpretieren es als abgehobenes Millenial-Gehabe (Wieso benutzt sie nicht einfach das selbe Wort wie alle anderen auch?), die anderen feiern ihre Aussage als einen Befreiungsschlag gegenüber starrer Erwartungen einer heteronormativen Gesellschaft (Denn das Wort „Single“ ist mit zu vielen negativen Assoziationen behaftet!). Und es gibt auch noch die, die hinter Emmas Aussage vor allem eines entdecken: Die traurige Wahrheit, dass man als Frau so erfolgreich sein kann, wie man will – wenn man Anfang 30 nicht verpartnert ist, ist man trotzdem irgendwie bemitleidenswert. Und muss erst ein neues Wort erfinden, das eben doch wieder das Wort „verpartnert“ beinhaltet, damit die Leute es einem abnehmen, dass man wirklich auch alleine glücklich ist.

So oder so: Emma Watson hat einen Diskurs angestoßen, der sehr zeitgemäß und sehr wichtig ist. Spätestens, seit Lizzo sich selbst als ihre Seelenverwandte besingt, ist die Option des Singledaseins an sich – auch jenseits der 30 – längst im kollektiven Bewusstsein angekommen. Das zeigt auch der Fakt, dass es längst vom Markt vereinnahmt wird: Zum Beispiel in Form des Single’s Day, bei dem neuerdings jährlich am 11.11. (versteht ihr den Witz?) Singles gefeiert werden. In Form von Onlineshopping-Rabatten. Und Dating-Events. Damit Singles die absolute Leere in ihrer Seele mit billigen Yogapants und Staubsaugerrobotern und vielleicht endlich einem Partner oder einer Partnerin füllen können. Danke auch! Der Trend kommt aus China, der Single’s Day ist schon jetzt der umsatzstärkste Onlineshopping-Tag der Welt.

Ich bin zufrieden. Glaubt mir doch endlich!

So kritisch man diese Entwicklung auch sehen kann – sie zeigt, dass sich der Diskurs ums Singledasein verändert hat. Schritt Eins ist eigentlich schon getan: Single sein ist jetzt eine echte Option. Das zeigt sich übrigens besonders deutlich bei den jüngeren Generationen: Bei einer Studie, die (ausgerechnet) von Tinder in Auftrag gegeben worden ist, wurde herausgefunden, dass 72 Prozent der jungen Erwachsenen sich schon mal ganz bewusst fürs Single-Sein entschieden haben. Und auch allgemein haben sich die Einstellungen zum Alleinsein ins Positive verändert: 52 Prozent der Befragten antworteten auf die Frage, welches Gefühl das Singledasein bei ihnen auslöst, mit „Unabhängigkeit“ – und eben nicht mehr Einsamkeit oder Unsicherheit.

Was uns nun noch fehlt, ist Schritt Zwei: Das Singledasein nicht mehr als ewige zweite Option zu begreifen. Und es gesellschaftlich wirklich als legitime erste Wahl zu normalisieren. Denn obwohl eine glückliche Beziehung natürlich etwas unglaublich Schönes ist, will nicht jede*r immer eigentlich lieber in einer Paarbeziehung sein. Es gibt Tausend gute Gründe, allein sein zu wollen. Und allein ist eben wirklich nicht das selbe wie „einsam“. Die Autorin Gunda Windmüller hat es mal so ausgedrückt: „Was uns glücklich macht, sind Beziehungen. Im Plural.“ Emma Watson hat mit ihrer Wortschöpfung einen zaghaften, aber enorm wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht, denn eigentlich sagt sie nichts anderes als: Ja, ich bin Single, und ja, ich bin wirklich zufrieden. Glaubt mir doch endlich!

Einfach Drüberstehen reicht nicht

Vielleicht sind es auch Aussagen wie die von Emma, die dazu führen, dass auch ich mich heute – mit 28 – viel wohler in meinem Singledasein fühle als mit Anfang Zwanzig. Klar: Mit dem Alter kommt auch ein bisschen die Weisheit, und es ist mit beinahe 30 irgendwie viel leichter, weniger darauf zu geben, was andere vom eigenen Lebensstil halten. Und das, obwohl der soziale Druck natürlich ab einem gewissen Alter ansteigt. Aber einfach Drüberstehen reicht nicht. Es braucht dringend eine Neubesetzung des Alleinseins – eben nicht nur, wenn es darum geht, Samstagabend mal im Bett zu bleiben. Sondern auch, wenn man sich dazu entscheidet, keine romantische Beziehung führen zu wollen. Egal, ob nur für ein paar Monate oder für immer. Das soll nicht heißen, dass alle Singles ab jetzt als die besseren, glücklicheren, zufriedeneren Menschen gefeiert werden sollen und Pärchen zum verstaubtes Relikt des 20. Jahrhunderts mutieren sollen. Es soll lediglich heißen, dass es so langsam mal bei jedem ankommen sollte, dass man in beiden Stadien gleichermaßen sehr glücklich als auch sehr unglücklich sein kann. Sogar jenseits der 30. That’s it.

Bildcredits: Unsplash/Wikimedia

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Eine Antwort zu “Kolumne: Emma Watson, das Singledasein und ich”

  1. Danke, danke, danke! Ich bin jetzt, mit Ende 20, zum ersten Mal seit langem wieder in einer festen Beziehung, und könnte förmlich fühlen, wie meine Freunde aufatmeten. Dass ich als Single genauso zufrieden war, scheint ein undenkbar zu sein.

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