Kolumne: Silvester ist keine Deadline

19. Dezember 2018 von in

Der Dezember tut mir wirklich leid. Er steht von allen Monaten des Jahres unter dem meisten Leistungsdruck. Schon irgendwann zwischen August und November flammt eine kurze Panik in uns auf: Scheiße, was mach ich an Silvester? Und ist es dann wirklich Dezember, dann fallen uns plötzlich alle guten Vorsätze auf einmal wieder ein, die man vor elf Monaten beschlossen und in den letzten zehn verdrängt hatte. Ich wollte doch Gitarre lernen! Und fünf Kilo abnehmen! Und Oma regelmäßig anrufen! Und den Schrank ausmisten! Und mein Leben ändern und Großes vollbringen und überhaupt! Wo war ich die letzten zwölf Monate? Und wie die Dezembertage so vor sich hin dümpeln, so schwinden auch die Hoffnungen darauf, seinen eigenen Ansprüchen noch rechtzeitig gerecht zu werden – die Frustration wächst. Und implodiert dann gerne mal an Silvester kurz nach Mitternacht, irgendwo in der Bauchgegend.

See you next year!

„Wir müssen uns dringend dieses Jahr noch sehen!“ ist auch so ein Satz, den diese Stresshormone aus uns herauspressen. Panisch werden Café-Verabredungen beschlossen, Glühweine weggekippt und Terminkalender vollgekritzelt, denn es steht absolut nicht zur Debatte, sich zwei Wochen später zu treffen – dann ist ja schon ein anderes Jahr! Dann zählt es nicht! Der Dezember ist unsere letzte Chance, uns auf den letzten Drücker noch etwas zu beweisen. Es ist der Grund, wieso man sich für „zwischen den Jahren“ so viel vornimmt, als würde es sich nicht um ein paar Tage, sondern mindestens acht Wochen handeln.

 

 

Silvester selbst ist mit noch mehr Erwartungen aufgeladen und es gibt eigentlich nur zwei Optionen: Entweder es wird die Party des Jahres oder es wird enttäuschend. Man hat panische Angst, keine gute Zeit zu haben – deswegen wird bestenfalls schon Monate vorher alles unter Dach und Fach gebracht. An keinem anderen Tag im Jahr ist die Feiermotivation so riesig und die Wahrscheinlichkeit so hoch, dass der Abend dieser Euphorie nicht gerecht wird. Meistens sitzt man dann um halb Zwei mit überschüssiger Energie in irgendeiner WG-Küche, das Sektglas in der Hand, und zuckt mit den Schultern.

Carpe that fucking diem – oder nicht

Irgendwie zwingt uns dieser Feiertag zur Reflexion – es ist der Tag, an dem wir beschließen, ob die letzten zwölf Monate befriedigend waren oder nicht. Meistens waren sie das nicht – weil wir zu hart zu uns sind und darauf gepolt, immer viel zu viel Magie von dieser irdischen Experience zu erwarten. Besonders an Silvester! Dann werden wir plötzlich wach und merken, dass wir nicht jeden Tag gelebt haben, als wäre es unser letzter. Ups! Es fühlt sich dann an wie das Staffelfinale einer ziemlich lahmen Show, mit der man sich überraschend lange hat berieseln lassen. Nur meistens ohne Cliffhanger und mit schlecht gescripteten Witzen. Und dann bereut man irgendwie, nicht irgendwann in der Mitte auf Pause gedrückt zu haben und auf etwas Spannenderes umgestiegen zu sein. Naja, whatever: New year, new me! Oder?

 

 

All diese Anstrengung – der Leistungsdruck, die Frustration, die enttäuschten Erwartungen – entstehen eigentlich durch Fiktion. Denn eigentlich endet am 31. Dezember gar nichts. Es ist eine fiktionale Zahl in einem fiktionalen Kalender, der auf fiktionaler Zeit beruht und eigentlich nur dazu da ist, dass wir den Überblick nicht verlieren. Dass wir dieser Jahreszahl so viel Bedeutung beimessen liegt an unseren durchgetakteten Leben, die sich nach Zahlen, und nicht – wie früher – nach Jahreszeiten richten. Glaubt ihr, im Mittelalter hat sich irgendjemand um die Jahreszahl geschert? Selbst vor zwei Generationen wussten noch viele Menschen nicht, in welchem Jahr sie genau geboren wurden. Zeit ist subjektiv. Ein Jahr kann sich für den einen anfühlen, wie für den anderen ein Monat – oder eine Sekunde. Aber bevor dieser Text zu einer Folge „Welt der Wunder“ wird, komm ich lieber zum Punkt: Das Jahresende ist, was wir draus machen. Und wir müssen gar nichts!

 

 

Silvester ist, was in deinem Kopf passiert

Ob der letzte Monat des Jahres zu einem Stressmarathon der Selbstkritik wird, bei dem man auf Biegen und Brechen versucht, das Jahr noch ins Positive umzukehren oder man einfach so weiter macht, wie es die elf Monate zuvor total in Ordnung war – das liegt an uns selbst. Silvester ist, was in deinem Kopf passiert! Zugegeben: Es ist nicht ganz leicht, sich dem Wahnsinn zu entziehen. Aber ein bisschen mehr Gelassenheit ist schon durch die Erkenntnis zu erreichen, dass ein Jahr unaufgeregt enden kann und das unserer Daseinsberechtigung als mittelmäßige Menschen in dieser von fiktionaler Zeit angetriebenen Welt keinen Abbruch tut. Silvester ist keine Deadline. Entspannen wir uns!

Bildcredits: Unsplash

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