Kolumne: Von schimmernden Armreifen und Erinnerungen, die uns bleiben

8. September 2021 von in

Als ich inmitten eines Klamottenberges saß und gerade versuchte, das Chaos ein wenig zu sortieren, fielen mir drei längst vergessene Armreifen in die Hände. Ein Geschenk meiner Mutter im Italienurlaub im Jahr 2000, vielleicht auch 1999. Und eine Erinnerung daran, wie sehr sie an mich glaubt, schon damals, bis heute. Wir kauften sie an einem heißen Tag in Florenz, vielleicht auch in Venedig. Die Erinnerung ist verblasst. Was ich jedoch weiß: Stolz führte ich die Armreifen nach jenem Sommer aus, trug sie jahrelang, ja, bis ich sie irgendwann abzog. Sie überstanden erste Stilwechsel und modische Umbrüche, Umzüge und meine Ausmistaktionen. Bis jetzt. Wie sie so schimmernd vor mir lagen, schmunzelte ich. Erinnerte mich an jenen Tag vor über 20 Jahren, über die Freude und die Bedeutung. Gleichzeitig schaltete sich mein Ausmist-Herz ein: „Du hast sie über 15 Jahre nicht getragen, musst du sie jetzt wirklich aufheben?“

Normalerweise fällt mir das Loslassen leicht. Vor allem bei materiellen Dingen. Wenn andere Freundinnen erzählen, dass sie noch Kleidungsstücke aus der Schulzeit in ihrem Kleiderschrank haben, muss ich schlucken. Nicht, weil ich es absurd finde, dass die Kleidung noch passt – das könnte tatsächlich selbst bei mir noch der Fall sein -, sondern viel mehr, dass ich mir kaum vorstellen mag, so viel Kleidung, so viele Stücke, die man wahrscheinlich seit 2005 nicht mehr getragen hat, zu besitzen. Hortet. Ich miste gerne aus.

Ich besitze lieber wenig als viel und mein Herz hängt wahrlich nicht an Dingen.

Versteht mich nicht falsch: Wer seine Kleidung aus der Schulzeit von vor über 15 Jahren noch rauf und runter trägt, ist ein Nachhaltigkeits-Genie. Wer jedoch mehr als ein Kleidungsstück rein aus Sentimentalität im Schrank hängen hat, ist vor allem anders als ich. Ich bewundere diese Menschen. In mir ist ein ständiger Drang, Dinge abzugeben, mich zu befreien und loszulassen. Einzig mein Abiballkleid hängt noch im Schrank. Aber wenn ich ehrlich bin: Viel mehr aus Faulheit, das Kleid zu verkaufen, als aus emotionaler Gebundenheit.

Bis mir diese Armreifen in die Hand fielen. Und ich einen Moment zögerte. Festhalten – oder doch loslassen?

Vor Kurzem sah ich eine Episode der Liebesserie Modern Love. Eine Frau besitzt in jener Folge ein altes Cabrio. Es rattert, es knattert, es bleibt liegen. Sie fährt trotzdem mit dem Auto durch die Gegend, immer auf der Hut, ob es nun wirklich diesen einen Weg noch schafft. Reparieren lohnt sich nicht so wirklich, die Kosten wären zu hoch, der Mechaniker von dem Auto wahrscheinlich erschrocken.

Doch wann immer diese Frau in ihr Auto einsteigt,
damit die kurvigen Straßen fährt, fährt sie nicht allein.

Ihre Erinnerungen begleiten sie. Ihre Erlebnisse mit ihrem Mann, der viel zu früh starb. Der der Vater ihrer Tochter war und ihre große Liebe. Es ist, als wäre dieses Auto die Verbindung zu einer längst vergessenen Zeit. Und doch klopft die Vernunft an. Dieses Auto macht so wahrlich keinen Sinn mehr.

Sie verkauft es. Das Geld können sie, ihr neuer Mann und die Tochter gebrauchen. Bis sie ihrem neuen Mann von dem Struggle zwischen. Festhalten und Loslassen erzählt, von der Bedeutung dieses Autos, trotz aller Widrigkeiten. Am Ende – Spoileralarm – kauft der Mann das Auto zurück. Erinnerungen sind eben kostbarer.

Manchmal sind die Dinge sogar kaputt. Und trotzdem fällt es uns schwer, loszulassen. Weil wir so wunderbare Erinnerungen mit ihnen verbinden. Und dieses Gefühl sollte seinen Platz bekommen.

Am Ende jener Folge hatte ich Tränen in den Augen. Ich empfand diese Liebe, ihre Erinnerungen über das Auto an ihren verstorbenen Mann so nachvollziehbar. So nah an mir. Und so ehrlich.

In einer Welt, in der wir immer wieder das Kostbarste in unserem Leben loslassen müssen, Menschen, die wir lieben, Gefühle, die wir für andere Menschen haben, brauchen wir manchmal Dinge, um sie am Leben zu erhalten. Erinnerungen festzuhalten.

Und so erinnerte ich mich, wie ich im stärksten Liebeskummer eine Zeitlang eine Zahnbürste des Verflossenen nicht wegwerfen konnte. Weil ich das Gefühl hatte, ich würde ihn damit komplett aus meinem Leben streichen. Keine Sorge: Erst ging der Mann, dann doch irgendwann die Zahnbürste. Ich erinnerte mich, dass in den Tiefen meines Schmucks der Ehering meines Opas schlummert, den ich so oft als Kind bewunderte, und den mir meine Oma nach seinem Tod vermachte. Ich erinnerte mich, wie ich Fotos meiner verstorbenen Katze noch Jahre danach aufstellte, weil sie so ein wichtiger Teil meines Lebens war. Und ich erinnerte mich, dass selbst mein Whatsapp voll mit Erinnerungen ist, die ich nicht löschen kann und mag.

Die Armreifen bleiben, entschloss ich. So sehr ich gerne ausmiste, Erinnerungen gehören nicht dazu. Und diese Armreifen werden mich immer erinnern. Im Jetzt an meine wunderbare Mutter, die an mich glaubt. In der Zukunft an wunderbare Momente als Familie, an einen wunderschönen Tag. Und dass ich geliebt werde. Und das macht diese Armreifen wertvoller, als das meiste, was ich besitze.

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