Kolumne: Weihnachten, meine verbotene Liebe

16. Dezember 2019 von in

Rational betrachtet verbindet Weihnachten zwei Dinge, denen ich extrem skeptisch gegenüberstehe: Konsum und Christentum. Zwei der schlimmsten Ungerechtigkeitsverursacher in der Geschichte der Menschheit. In Kombination müssten sie eigentlich etwas Schlimmes ergeben – und nicht so ein herrliches Fest wie Weihachten. Man merkt schon: Irgendwas hat dieses Fest an sich, das mich jedes Jahr aufs Neue kriegt – trotz Kapital und Jesus. Ist es die Gemütlichkeit? Das Essen? Kevin? Ich bin der Sache auf den Grund gegangen.

Christentum und Kapitalismus – name a more iconic duo

Seit ich denken kann, war Weihnachten mein liebster Feiertag. Das liegt vermutlich erst mal an meinem bequemen und verfressenen Wesen, das jede Gelegenheit begrüßt, tagelang im Schlafanzug herumzuliegen und Klöße zu essen. Es lag sicherlich auch an meiner Kindheit, die von Super RTL und Disney geprägt war. In diesem Universum war Weihnachten das Größte. Und so brachte es natürlich auch meine Kinderaugen zum Leuchten. Aber dann wurde ich älter – und etwas Seltsames passierte: Ich hatte mich zeitweise fast schon zur Anarcho-Kommunistin radikalisiert, aber beim Anblick von gigantischen Weihnachtsbäumen, Rentieren und Mariah Carey leuchteten meine Augen immer noch.

Also fing ich an, zu hinterfragen. Was ist das eigentlich für ein merkwürdiges kulturelles Konstrukt, dieses Weihnachtsfest? Bei meiner Recherche wurde schnell klar: Weihnachten hatte mit Jesus eigentlich noch nie besonders viel zu tun. Klar: Wir feiern irgendwie seine Geburt, aber es ist noch nicht einmal überliefert, dass Jesus im Dezember geboren wurde. Genau genommen wurde das vor tausenden Jahren vermutlich einfach beschlossen, um eine andere Religion zu verdrängen, die im Dezember die Geburt ihres Sonnengottes feierte. Weihnachten beruht also wahrscheinlich ursprünglich auf politischem Kalkül. Und setzte sich dann auch viele hunderte Jahre lang nicht so richtig durch. Lange Zeit galt Silvester noch als das ultimative Fest des Winters, bis dann der Konsum auf der Bildfläche erschien – und sich zusammen mit Jesus zu einem iconic duo zusammenschloss, das dann allmählich gemeinsam das Weihnachtsfest entstehen ließ, wie wir es heute kennen.

Ein kulturelles Mischmasch

Und wenn man es genau nimmt, ist dieses Weihnachtsfest vor allem ein Produkt von Migration und multikultureller Traditionsvermischung. Der Weihnachtsbaum kommt aus dem Germanischen, die gefüllten Socken aus Holland, der Weihnachtsmann ist eine Mixtur von Sagengestalten aus ganz Europa. Sie und viele mehr trafen sich um 1930 in den USA und kreierten zusammen eine Tradition, die es in kürzester Zeit über alle Grenzen schaffte – ganz unabhängig von Jesus. Denn auch in nicht-christlichen Ländern wird heute Weihnachten gefeiert – das beste Beispiel ist Japan. Das Schmiermittel: Der Kapitalismus – denn der überwindet die Grenzen besser als jede Religion. Weihnachten transportierte außerdem ein neues Wohlstandsideal und vermischte es mit Wohltätigkeit, um den konsumorientierten Feiertag so mit Bedeutung aufzuladen. Luxusgüter wie Schokolade, Parfum, Spielzeug oder Strumpfhosen konnte sich erstmals eine breite Masse leisten – da wurde die Gelegenheit, dem Ganzen im Rahmen eines Festes der Selbstlosigkeit Ausdruck zu verleihen, dankend angenommen. Die perfekte Metapher dafür: Der wohlgenährte Weihnachtsmann, der aus reiner Selbstlosigkeit kiloweise Geschenke heranschafft. Und der übrigens nur deshalb weiß und rot trägt, weil Coca Cola ihn in den 1930er-Jahren als Werbefigur in den Firmenfarben darstellte.

Das macht Weihnachten nun alles irgendwie nicht besser, oder? Ich finde schon, wenn man sein paar persönliche Verbesserungen vornimmt. Dazu gehört erstens: Verstehen, was Weihnachten uns bietet. Denn das Fest hat eine sehr verführerische Eigenschaft: Es erlaubt uns eine Auszeit von der Marktlogik. An Weihnachten wird die Welt des Konsums und Kommerzes kurzzeitig für heilig erklärt: Wir konsumieren aus Nächstenliebe, nicht aus Gier. Zumindest scheinbar. Natürlich ist das nur eine ausgeklügelte Technik des Marktes, die man genauso gut am Valentinstag oder am Muttertag beobachten kann. Sie erlaubt es uns, ohne schlechtes Gewissen so richtig auf die Kacke zu hauen, wenn’s um’s Shoppen geht. Und bestraft die, die sich weigern – wehe, du hast keine Geschenke gekauft!

Eine schöne, bunte, warme, leckere Pause

Klar: Es ist ja auch irgendwie schön, eine Gelegenheit zu haben, seinen Liebsten zu zeigen, dass man sie mag. Aber muss das wirklich in Form materieller Güter sein, die man per Expressversand bei Amazon bestellt hat und die zwei Tage später in irgendeiner Ecke landen? Ich finde nicht. Deswegen ist es sehr heilsam, Weihnachten von seinem Konsumaspekt zu befreien – und entweder gar nichts mehr zu schenken, oder auf Alternativen zurückzugreifen, die keinem sinnlosen Konsum um des Konsums Willen frönen. Ist der Konsum nämlich nicht mehr die wahre Religion des Weihnachtsfestes, dann bleibt etwas sehr schönes übrig: Einfach nur ein super merkwürdiges Fest, das Zeugnis ablegt über die bunte und chaotische Welt, in der wir leben. Folklore eben.

Wenn man das schafft, dann kann Weihnachten eine echte Auszeit bieten: Eine Auszeit vom Trott, eine Auszeit vom grauen Winter, von Farblosigkeit – und auch eine Auszeit vom Konsum. Ich hab dem nachgegeben, was ich immer schon wusste: Verdammt, ich liebe Weihnachten! Dieses merkwürdige, popkulturelle Mischmasch. Jetzt auch ohne inneren Zwiespalt. „In den Herzen ist’s warm, still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt“, heißt es in einem der ältesten Weihnachtslieder. Genau das ist Weihnachten für mich: Eine schöne, bunte, warme, leckere Pause. Genießen wir sie einfach. Denn ganz ehrlich: Wir haben’s uns verdient.

Bildcredits: Unsplash / WikiMedia

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2 Antworten zu “Kolumne: Weihnachten, meine verbotene Liebe”

  1. Mei, jedem und jeder wirklich das Seine und Ihre. Wenn es fpr die ne nette Pause ist, gut so. Und wenn andere gar nix damit anfangen können – auch völlig ok. Die christlich Bedeutung des Festes aber so leichtfertig als völlig unbedeutend abzutun, find ich allerdings nicht so richtig. Denn mal abgesehen von Terminfragen, politisch motivierten Strategien und heutiger Konsumaufladung ist die Geburt des Gottessohns in einem ärmlichen Stall in der Fremde etwas fast Revolutionäres und verbunden mit einer Botschaft der Liebe und des Friedens für die ganze Erde auch was Schönes und für mich und viele andere Wichtiges. Das kann man doch anerkennen und sich vielleicht sogar ein bisschen damit beschäftigen, oder?
    Liebe Grüße, Katharina

    • Liebe Katharina,
      Ich will das überhaupt nicht aberkennen. Ich gönne es auch absolut jeder, der Religion etwas gibt und der ein Glaube gut tut. Aber das ist eine Kolumne, deswegen tu ich meine eigene (atheistisch geprägte) Sicht kund – und ich persönlich kann einfach wenig damit anfangen. Dass das zeitgenössische Weihnachtsfest nur noch bedingt mit dem Christentum verknüpft ist, ist allerdings einfach ein kulturhistorischer Fakt. Das heißt nicht, dass Christinnen nicht ihre eigene Version von Weihnachten feiern können und das Fest nutzen können, um ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen. Ich finde es schön, wenn jede den Feiertag so begeht, wie sie möchte!

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