Männerfußball-EM und -WM: Ist das gut oder kann das weg? Eine Diskussion

1. Juli 2021 von in

Die Fußball-EM ist da und mit ihr die glücklichen Menschen, die gemeinsam in den Lokalen sitzen, mitfiebern und sich freuen. Ein Gefühl von Gemeinschaft ist zurück in Form von Public-Viewing im Biergarten zwischen den Menschen, die live über ein und dieselbe Sache nachdenken. Wen man dabei vergisst, sind die Personen, die genervt an den vollen Lokalen vorbeilaufen, die bei jedem fallenden Tor und den damit einhergehenden Freudenschreien nur ein Augenrollen übrig haben. Fußball EM und WM: Man hasst, akzeptiert oder liebt sie, aber man muss doch mindestens eine Meinung zu ihr haben. Die unterschiedlichen Meinungen vertreten wir heute in unserer Diskussion zum Thema: Männerfußball – ist das gut oder kann das weg? 

Amelie sagt: Männerfußball war für mich reiner Gruppenzwang

54, 74, 90, 2006 ja so stimmen wir alle ein: Das Jahr 2006 war nicht nur das Jahr, in dem ich meinen ersten richtigen Freund hatte (mit Knutschen und so), sondern auch das Jahr, in dem Deutschland nicht die Weltmeisterschaft gewann. Ich war vierzehn und erlebte meine erste richtige Fußball WM. Überall waren die Bildschirme, Menschen mit Deutschlandflaggen im Gesicht oder als Hawaiikette um den Hals, und ich dazwischen im Arm meines ersten richtigen Freundes, der mich auf alle WM-Spiele schleppte. Es war ne geile Zeit, um es mal in den Worten vom Chart-Hit Juli aus dem gleichen Jahrzehnt zu sagen.

Wäre da nur nicht dieser Männerfußball gewesen, der mir das Leben schwer machte. Es war ein Jahr des Interesse-Heuchelns, des Was-Ist-Abseits-Erklärung-Googelns und des Deutschland-verliert-Affirmierens, da ich auf keinen Fall die Frau sein wollte, die kein Fußball mochte. Es war damals chic und cool, als Frau „Abseits“ zu schreien und Bestätigung von Männern als „coole Frau“ zu bekommen, die mit den Jungs breitbeinig Fußball schaut, mitfiebert, flucht, die Namen und Regeln kennt. Doch ich war schon immer heimlich die Frau, die nicht mitfühlte. Meine Männerfußball-Leidenschaft war Heuchlerei und Gruppenzwang. Wie eine störende Fliege fühlte sich dieses Männerfußball für mich an, das an jeder Straßenecke meinen inneren Frieden in Form von Deutschlandflaggen zerstörte. Wie stehst du zu Fußball, Milli? 

Milena sagt: Fußball ist mir egal, aber ich liebe es, die Spiel zu schauen

Ob ich Fußball schaue, Basketball, Eishockey oder ein Schach-Letsplay auf Youtube ist eigentlich egal – ich liebe Spiele, ich liebe es, mitzufiebern, und ich liebe es, anderen beim Spielen zuzuschauen. Das macht mich glücklich, emotional und es macht eben einfach Spaß. Ich weiß, wie problematisch das ganze System Fußball ist, das System UEFA, den plötzlichen Patriotismus während der Turniere und die Tatsache, dass in diesem Milliardengeschäft primär Männer involviert sind. Und trotzdem schaue ich es gerne. Ich kann alle verstehen, die sich über diejenigen aufregen, die normalerweise nie Fußball schauen, aber bei WM- und EM-Spielen plötzlich in Public-Viewing-Biergärten sitzen.

Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ziemlich genau so jemand bin ich: Weil Fußballschauen mir nur dann richtig Spaß macht, wenn ein bisschen mehr Spannung (also ein größeres Turnier) dahintersteckt. Mich interessiert Fußball an sich zu wenig, als dass ich mich normalerweise mit den Abläufen und Spielterminen befassen würde. Bei einer WM oder EM ist aber plötzlich alles ganz einfach: Die Gruppenphasen hat man schnell ergoogelt, die Spiele kommen im Free-TV, und plötzlich bin ich drin im Thema. Dabei interessieren mich weder die genauen Abseitsregeln, noch die Technik-Eigenheiten der einzelnen Spieler. Mir macht es schlichtweg Spaß, die Spiele zu schauen – so wie ich nicht mehr wegschalten kann, wenn ich plötzlich über ein Youtube-Letsplay stolpere, dem ich folgen kann. Fußball ist für mich leichte Unterhaltung und der Inbegriff von Gemütlichkeit – und nach der ganzen tristen ersten Jahreshälfte finde ich es gerade ein bisschen schön, dass sich viele gerade über diese tägliche leichte und gemütliche Unterhaltung freuen können. Verharmlose ich mir Fußball zu sehr, Amelie?

Amelie sagt: Don’t hate the Player, hate the Game

Ich verstehe, dass du gerne Männerfußball aus dem Spaß an der Gemeinschaft schaust. Gerade nach einer Pandemie, in der viele Menschen isoliert daheim saßen. Es ist okay, den Kopf abschalten zu wollen und zusammen mitzufiebern. Ich wünschte manchmal, es ginge mir ähnlich, da ich in der Theorie das Konzept Public-Viewing gar nicht so schlecht finde.

Doch muss es schon wieder Männerfußball sein? Kann es nicht ein ähnlich großes Äquivalent dazu geben? Und ich meine damit keinen Frauenfußball, da dieser nicht ansatzweise eine ähnlich große Aufmerksamkeit genießt. Das kommt jetzt wahrscheinlich nicht überraschend, aber: Es gibt vieles, was ich an der Männerfußball-WM und -EM auszusetzen habe. Ein besonders großer Störenfried für mich ist allerdings, dass mit der Weltmeisterschaft und Europameisterschaft nicht allgemein Fußball gemeint ist, sondern eben Männerfußball. Da geht das Grundproblem für mich schon los und steht symbolisch – mal wieder – für patriarchale Strukturen, die Frauen nicht nur ausschließen, sondern aufgrund ihrer Reichweite zwingen, trotzdem interessiert zu sein.

Gibt es so etwas umgekehrt? Dass Männer sich dazu gezwungen fühlen sich für ein weibliches-dominiertes Thema zu interessieren? Schon allein wie oft ich mich früher anhören musste, dass Frauenfußball nicht so gut sei. Astrologie? Peinlich. Yoga? Mädchensport. Ich persönlich erinnere mich nicht daran, dass mein Exfreund in dieser Zeit heimlich zu meinen Abseits-Fragen gegoogelt hätte, was ein Aszendent ist. Rückblickend merke ich, dass der Sport Fußball als solches nie mein Problem war. Tatsächlich spiele ich selbst sehr gerne Fußball und habe sogar überlegt, einem Verein beizutreten. Die Maschinerie dahinter stört mich: der Patriotismus, der Kapitalismus – und die Tatsache, dass ich bei der Männerfußball-EM und -WM schon wieder Männern zusehen und zuhören muss. Bin ich jetzt eine Spielverderberin? 

Milena sagt: EM und WM sind mein Guilty Pleasure

Du hast natürlich recht: Je mehr man über die Gemütlichkeit des Fußballschauens hinaus über das Ganze nachdenkt, desto weniger kann man Spaß daran haben. Was viele meiner Prinzipien angeht, müsste ich diese großen Fußballturniere fast canceln. Auch mich stört der Patriotismus, das Geschäft mit all seinen Skandalen und die Männerdominanz des Themas. Ich freue mich über jeden Nachrichtenbeitrag über Frauenfußball, bezweifle aber, dass Frauenfußball irgendwann dieselbe Popularität wie Männerfußball erlangen wird und muss zugeben, dass es mich selbst auch wenig interessiert.

Für mich fühlt es sich ein bisschen andersherum an als das, was du empfindest: Ich fände es eigentlich sogar cooler, keine Lust aufs Fußball schauen zu haben, meinen Prinzipien treu zu bleiben und mich währenddessen mit den Themen zu beschäftigen, hinter denen ich wirklich stehe. Letztendlich macht es mir aber einfach Spaß, EM und WM zu schauen, es ist ein guilty pleasure – und eines dieser Themen, bei denen ich ganz bewusst ein bisschen die Augen verschließe und die Kritikpunkte von mir wegschiebe. Für eine Freundin war neulich ganz klar, dass WM- und EM-Spiele für sie aus Prinzip nicht gehen, obwohl sie ansonsten gerne Fußball schaut. Als wir dann aber doch zufällig gemütlich auf der Couch vor einem Fußballspiel landeten, schossen die Spielkommentare nur so aus ihr heraus, sie erklärte mir das ganze Spiel über die Techniken einzelner Spieler, verfolgte jeden Spielzug und fluchte nach Herzenslust herum. Am Ende hatte sie das ganze Spiel über Spaß und ich fühlte mich wie zu Hause auf dem Familiensofa bei der WM 2006 – und hatte sie wieder, meine Fußball-Gemütlichkeit, die alle zwei Jahre wieder einsetzt.

Amelie sagt: Männerfußball canceln

Eigentlich ist es doch schlimm: Deine Freundin überlegt, aus Prinzip Männerfußball canceln, weil das Konzept so verquer ist. Obwohl sie doch eigentlich den Fußball selbst mag. Diese Geschichte ist für mich nur noch ein Grund mehr, das Event blöd zu finden. Denn ich sehe es wie du: Ich habe wenig Hoffnung, dass Frauenfußball jemals eine ähnliche Popularität erlangen wird. Zumindest haben sie eine Viewerin im nächsten Jahr mehr, denn ich will dem Fußball-Viewing in dieser Form nochmal eine neue Chance geben. Vielleicht klappt es ja so. Vielleicht lerne ich aber auch, dass ich mich Fußball schauen einfach nicht interessiert.

Egal wie meine persönliche Reise ausgeht, fest steht dass das Konzept Fußball-Europameisterschaft ziemlich viele Macken hat. Solche, die man nur schwer übersehen kann und so weit gehen, dass sie diesen Rahmen hier sprengen würden. Trotzdem ist es okay, wenn man sie übersehen will. Gerade in einer Zeit nach einer Pandemie, in der sich viele Menschen nach Gemeinschaft sehnen. Es muss sich etwas ändern, doch die Public Viewer sind nicht die, die am Hebel sitzen. Ganz nach dem Motto: Don’t hate the Public Viewer, hate the Game.

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