Mehr Respekt: 8 bedenkliche Halloweenkostüme und wie wir es besser machen können

22. Oktober 2018 von in
Dieser Text erschien zuerst auf Refinery29 – von Lisa Trautmann

Ich habe meine komplette Kindheit, Jugend und Studienzeit in Karnevals-Hochburgen gelebt. Das ganze Theater um Halloween und die Verkleidungspartys, die auch bei uns mehr und mehr Einzug halten, sehe ich vielleicht auch aus diesem Grund als unnötig an. Noch unnötiger ist es jedoch, wie manche Menschen auch im Jahr 2018 noch mit dem Thema Verkleidung umgehen. Denke ich an manche Fassenachts-Kostüme aus meiner Vergangenheit zurück, schäme ich mich fast ein bisschen ob der Ignoranz, die noch vor gar nicht so langer Zeit anderen Kulturen, heiligen Objekten und Minderheiten entgegengebracht wurde und vermutlich noch entgegengebracht wird – ich meide die fünfte Jahreszeit seit ich in Berlin lebe erfolgreich.

Die „sexy Indianerin“ war ein absoluter Verkleidungs-Dauerbrenner. Männer mit schwarz angemalten Gesichtern und Afro-Perücke gehörten an Karneval ebenso zum Straßenbild wie gelbliche „Chines*innen“ mit dreieckigem Strohhut und sexy Geishas. Karneval und Halloween, aber auch jede private Mottoparty, machen die ohnehin dünne Linie zwischen dem Respekt vor anderen Kulturen und dem Wunsch, sich frei äußern zu können, zur gesellschaftlichen Stolperfalle. Während in meiner Heimat die Tradition der Fassenacht die Möglichkeit bot, sich über die französischen Besatzermächte lustig zu machen, ohne Konsequenzen zu fürchten, geht der Brauch von Halloween in den USA auf die irischen Einwanderer und ihren Brauch zurück, mit den gruseligen Verkleidungen böse Geister zu vertreiben.

Warum sollte man sich also heutzutage plötzlich einen Maulkorb anlegen lassen? An Halloween wird schließlich niemand verschont! Ganz einfach: Aus Respekt gegenüber den Mitmenschen, anderen Kulturen und deren Heiligtümern, der Geschichte und als Beweis dafür, dass man seine eigene Vergangenheit kritisch hinterfragt. Wie oft ich Weiße habe sagen hören, dass sich gerne andere über sie lustig machen dürfen, kann ich nicht mehr zählen. Das ist leicht gesagt, schließlich mussten wir als Bevölkerungsgruppe nie Unterdrückung erfahren. Damit du weißt, wo überall Fettnäpfchen lauern, habe ich eine Übersicht der Verkleidungen zusammengestellt, von denen du in Zukunft lieber Abstand nehmen solltest. Denn auch hier gilt: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Blackface

Nein, es ist niemals, ich wiederhole niemals, in Ordnung, sich als weißer Mann oder weiße Frau das Gesicht schwarz anzumalen und als lustige*r Afroamerikaner*in zu gehen. Kommen noch weitere rassistische Stereotype wie krauses Haar und dicke Lippen hinzu, ist der Schaden perfekt.

Du möchtest aber unbedingt als dein*e Lieblingssportler*in, Celebrity oder Musiker*in gehen und der oder die ist nun mal of Color? Dann informiere dich, schaue Bilder an und finde einen Look, der den deines Idols perfekt widerspiegelt. Glaube mir, man wird dich auch als diese Person identifizieren, wenn du kein schwarzes Gesicht dazu sportest.

Häuptlings-Kopfschmuck und „Indianer“-Kostüme

Es sollte inzwischen überall angekommen sein, dass das Wort „Indianer“ überholt ist. Die korrekte Bezeichnung lautet Amerikanische Ureinwohner*innen. Wem das jetzt zu lang ist, der kann gerne weiter mit rassistischen Scheuklappen durchs Leben laufen. Der Federkopfschmuck der amerikanischen Natives ist nicht nur ein zierendes Attribut, welches nach Belieben auf Partys und Kostümfesten von uns zum Besten gegeben werden kann. Tatsächlich ist der Kopfschmuck ein hoch heiliges Objekt, dass sich die Träger durch die Taten ihres ganzen Lebens verdienen.

Abgesehen vom Kopfschmuck ist das Verkleiden als Ureinwohner*in Amerikas deshalb problematisch, weil hier die Kleidung und Attribute einer Bevölkerungsgruppe entfremdet und angeeignet werden, die durch uns Weiße erst unterdrückt und misshandelt wurden. Und auch, wenn es nicht UNSERE deutsche Gesellschaft war: Es ist inakzeptabel dich im Schulterschluss mit denen zu üben, die es getan haben. It’s as easy as that.

Die sexualisierte Minderheit

Eigentlich ein Thema, dessen es keiner weiteren Erläuterung bedarf. Aber leider ist es in vielen Frauenköpfen noch immer nicht angekommen: Hört auf mit eurer Kostümwahl eine kulturelle Minderheit zu sexualisieren! Wir Frauen kämpfen seit Jahren dagegen an, dass unser Körper als Freiwild angesehen oder plump sexualisiert wird. Mit dem Kostüm der sexy Geisha oder „Indianerin“ oder „Gypsyfrau“ zeigst du nicht nur deine Ignoranz gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen, du legitimierst die Objektivierung des weiblichen Körpers dieser Minderheiten. Hinzu kommt, dass die Kostüme oftmals vor Klischees nur so triefende Stereotypen bedienen.

Nichts, ich wiederhole, nichts spricht dagegen, dass du Haut zeigst und dich sexy kleidest. Suche dir nur bitte einfach eine andere Basis für deinen Look. Wie wäre eine sexy Katze? Oder eine kleine sexy Maus? Oder ein sexy Schneewittchen?

Fat-Suits

Bodyshaming ist sowas von out. Eigentlich brauche ich nicht weiter darüber zu schreiben, warum dieses Kostüm hier ein absolutes No-go ist. Vor allem, wenn ein Mann sich als dicke Frau verkleidet und umgekehrt.

Wer heutzutage noch immer nicht akzeptieren und damit umgehen kann, dass Menschen verschieden sind und es das eine, allgemeingültige Schönheitsideal nicht gibt, der sollte vielleicht mit Bavaria One auf den Mond fliegen.

Prekäre Randgruppen sind nicht für Witze da

Ich habe in meiner Studienzeit mal eine „Randgruppenparty“ geschmissen. Alle Eingeladenen sollten als Randgruppe der Wahl kommen und so feierten wir als Drogenabhängige, alleinerziehende Mütter oder einfach arme Schlucker miteinander und machten uns keine allzu großen Gedanken darum, wie so eine Party nach außen wirken würde. Meine Intention war eher, auf diese Bevölkerungsgruppen aufmerksam zu machen. Der Rahmen und der Anlass indes total daneben. Aber gut, man lernt nie aus.

Es ist richtig, auf prekäre Verhältnisse aufmerksam zu machen. Es ist nicht OK, sich als solche zu verkleiden und sich volllaufen zu lassen. Darunter würde auch dieses Kostüm einer „verlotterten Kellnerin“ fallen. Vor allem, wenn du ein Mann bist. Was dieses Kostüm 2018 im Internet verloren hat, ist mir ein Rätsel.

Jede Art von Verkleidung, die sexuellen Missbrauch verharmlost

Ich weiß partout nicht, warum sich irgendjemand gerne als Exhibitionist verkleiden wollen würde. Aber ich denke, dass es glasklar sein sollte, dass man sich über sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Belästigung und traumatische Erlebnisse niemals lustig machen sollte. Dieses Kostüm hier ist die Krönung des schlechten Geschmacks.

Zumal hier wiederum Klischees kommuniziert werden, die mehr als fragwürdig sind.

Die Sexualisierung des Körpers ist bei Frauen und Männern inakzeptabel

Liebe Männer, auch ihr habt ein Recht darauf, dass euer Körper nicht auf dumpfsinnige Weise sexualisiert wird. Dazu gehören Kostüme wie dieses hier. Also denkt vielleicht zwei mal nach, bevor ihr euren Penis auf ein lustiges Attribut herabwürdigt. Ganz abgesehen von dem rassistischen Beigeschmack, der diesem absolut stillosen Kostüm beiwohnt.

Religiöse Kostüme

Hier würde ich sehr, sehr vorsichtig sein. Die sexy Nonne ist irgendwie in der Mitte der Gesellschaft angekommen, mir stellt sich allerdings die Frage, ob dieses ständige „sexy“ unbedingt sind muss. Und nebenbei bemerkt werden Nonnen in der Realität auch ganz einfach nicht so exotisiert und angefeindet wie Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens mit ihren jeweilig religiösen Kleidungsstücken und oder traditionellen äußeren Merkmalen.

Sich als Rabbi zu verkleiden sehe ich hingegen als sehr problematisch, wenn nicht gar hochgradig respektlos an. Vor allem, wenn das Kostüm einfach alle gängigen Stereotypen eines jüdischen Gläubigen zusammen schmeißt und sich nicht mal die Mühe macht, zwischen den verschiedenen Auslegungen zu differenzieren.

Denkt einfach kurz nach, bevor ihr ein Kostüm auswählt

Wer jetzt jammert, dass man dann ja gar nichts mehr darf, ist verwöhnt und ignorant. Es gibt eine Milliarde Kostüme, die du wählen kannst, ohne Bevölkerungsgruppen, Minderheiten, Religionen und Opfer von Gewalt oder Krankheit zu diskriminieren.

Du willst sexy sein? Geh als sexy Meerjungfrau, Einhorn-Mädchen oder meinetwegen Krankenschwester. Du kannst jedes Tier sein, das du willst. Niemand hat etwas dagegen, wenn du als Monster, Zombie, Hexe oder Geist gehst. Du kannst Vampir sein oder Clown, Sensenmann und -frau. Du kannst sogar Beyoncé oder Kim Kardashian sein – mal dich nur einfach nicht an und verzichte vielleicht auch darauf, als Caitlyn zu gehen.

Überlege einfach, wonach dir ist und denke im zweiten Schritt darüber nach, ob deine Wahl sich über hilflose Gruppen und Minderheiten lustig macht, Missstände herunterspielt, Religionen nicht respektiert oder Verbrechen huldigt. Die Welt dreht sich auch weiter, wenn du nicht als heiße Pocahontas gehst.

Macht euch nicht mehr über andere lustig, reflektiert eure einseitige Weltsicht, und dass es da so einiges gibt, von dem wir wirklich keine Ahnung haben. Und verkleidet euch lieber als diejenigen, die ihr wirklich gut findet, nicht als „der Indianer“, sondern als ganz explizite Personen, die Vorbilder für euch sind. Die eine Bedeutung für euch haben und die euch empowern, anstatt euch zu ignoranten Idioten zu machen. Wie wäre es zum Beispiel mit Frida Kahlo?

 

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Bilder: Unsplash/Sophia Lohilani

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