Sex Education

Netflix: „Sex Education“ ist die (fast) perfekte High-School-Serie

22. Januar 2019 von in

2017 hat Netflix angekündigt, Diversität zur Top-Priorität zu machen. Eine andere Priorität scheint das Genre „High-School-Settings mit irgendeinem Twist“ zu sein, denn neben „13 Reasons Why“ (High-School-Setting mit Suizid und Paranoia), „Riverdale“ (High-School-Setting mit sehr viel Verschwörung und Mord) oder „Chilling Adventures of Sabrina“ (High-School-Setting mit Hexen, Dämonen, Geistern und Satan) können wir seit letzter Woche auch „Sex Education“ bewundern. Im Vergleich zu Netflix‘ restlichem Ensemble an Teenage-Drama kommt die Serie überraschend unaufgeregt daher. Und das liegt nicht nur daran, dass sie streng genommen gar nicht an einer amerikanischen High-School, sondern in irgendeinem malerischen Teil der britischen Provinz spielt.

 

 

Sportler und Nerds, It-Girls und Outlaws

Die Serie handelt vom verklemmten und schüchternen 16-jährigen Otis, der in seiner Schule eine geheime Sex- und Beziehungsberatung gründet. Und das, obwohl er es selbst nicht einmal hinbekommt, zu masturbieren – geschweige denn romantischen Erfolg hätte. Sein dennoch nicht zu leugnendes und etwas unfreiwilliges Talent zur Sexberatung hat er von seiner etwas zu lockeren Mutter Jean – eine semi-erfolgreiche, aber extrem selbstsichere Sex- und Beziehungstherapeutin mit ständig wechselnden Intimpartnern.

Eingeweiht in seine illegale Sexberatung ist einerseits sein offen queerer, bester Freund Eric und die mysteriöse Maeve, die (in Erics Worten) zwar überhaupt nicht beliebt ist, sondern etwas viel besseres: nämlich „actually cool“. Das äußert sich darin, dass sie einen exzellenten Musik- und Literaturgeschmack hat, raucht, Piercings trägt und sich von niemandem etwas sagen lässt. Der restliche Cast ist auf den ersten Blick ziemlich typisch für eine amerikanische High-School: Es gibt Sportler und Nerds, It-Girls und Outlaws, strenge Rektoren, möchtegern-coole Lehrer und jede Menge Drama. Dabei befinden wir uns trotz der Baseball-Jacken, beklebten Spinde, dem Namen „Moorfield High“ und dem allgemeinen Breakfast-Club-Vibe nicht in Amerika, sondern in der britischen Provinz – ein kulturelles Mash-Up, das bewusst gewählt wurde, um sowohl amerikanisches als auch europäisches Publikum anzusprechen. Und das irgendwie überraschend gut funktioniert.

 

 

Die Show holt das Teenie-Genre ins 21. Jahrhundert

„Sex Education“ schafft dabei etwas, das bei ähnlichen Serien oft etwas in die Hose geht: Die Show holt das Teenie-Genre tatsächlich ins 21. Jahrhundert. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass wir eine Realität vorfinden, in der Feminismus jedem ein Begriff und „Homophobie sowas von 2008“ ist – das sagt einer der Schüler, als der Schul-Fiesling Eric aufgrund seiner Sexualität mobbt. Die It-Girls der Schule beschließen, vegan zu sein und verbieten sich gegenseitig den Verzehr von Schinkensandwiches. Es gibt lesbische Paare (Plural!) und Familien außerhalb von „Vater-Mutter-Kind“ (auch Plural!). Es geht um Pornoseiten, das Verschicken von Nacktfotos, Rimming (!), Drogen, Slut-Shaming, Stalking, Geschlechtskrankheiten, Coming-Outs, Männlichkeit in der Krise, Leistungsdruck, Masturbation und Abtreibung. Das mag ernst und komplex klingen, wird aber in einer Art und Weise dargestellt, die sogar dem Gang zur Abtreibungsklinik komische Momente verleiht, ohne dabei das Thema zu verharmlosen. Die Serie ist eine Art Coming-of-Awkward-Dramedy.

 

Die meisten Charaktere sind sehr divers, größtenteils klischeebefreit und ziemlich realitätsnah – und es werden Perspektiven gezeigt, für die sonst nie Platz ist. Zum Beispiel werden die Erwachsenen nicht nur als Beiwerk betrachtet, sondern haben ganz eigene Probleme: Otis‘ Mutter Jean kämpft mit einer Art Bindungsphobie und dem Problem, ihrem Sohn seine Autonomie zuzugestehen. Erics Vater, ein konservativer Christ, hat mit der Queerness seines Sohnes zu kämpfen. Und der Schuldirektor ist so verpanzert in seiner Männlichkeit, dass er nicht mal den Arm um sein Kind legen kann.

What a time to be alive!

„Sex Education“ schafft es, High-School-Klischees endlich hinter sich zu lassen und die Probleme zu offenbaren, die tatsächlich hinter dem Erwachsenwerden stecken können – egal, wie alt man ist. Anders als bei „Riverdale“ oder „Sabrina“ driftet die Serie dabei, very british, nie ins Fantastische ab – was ziemlich erfrischend ist. Und bewahrt sich dabei einen hinreißenden Humor. Die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit der queere Charaktere in die Story eingebunden werden – Erics Sexualität beispielsweise ist zwischen ihm und seinem heterosexuellen, besten Freund in keiner Sekunde ein Thema – habe ich so noch nie zuvor beobachtet. Die Serie spielt tatsächlich in unserer Dekade – und zeigt nicht nur, wie viel weiter wir gesellschaftlich gekommen sind, sondern auch, wie viel noch zu tun ist. Abgesehen von ein paar Charakteren wie Maeve – der klassischen Outsiderin, die Punk hört, Netzstumpfhosen trägt und im Trailerpark wohnt (sie ist so ziemlich die weibliche Antwort auf Jughead aus „Riverdale“) – kommt die Serie ohne Stereotype aus. Der Plot ist überraschend unvorhersehbar. Und man lernt eventuell sogar etwas Neues über Sexualität und die menschliche Psyche.

 

Kurz: „Sex Education“ ist die Teenie-Serie, die ich 2008 gebraucht hätte – als Homophobie noch kritiklos hingenommen wurde, High-School-Serien meist sexistisch und platt waren und ich mich mit keiner einzigen Figur weit und breit wirklich identifizieren konnte. Die Serie beweist mal wieder, dass Netflix es ernst meint mit der Diversität – und was für hinreißende Formate dabei heraus kommen können. Das Sahnehäubchen: Die Regisseurin, Laurie Nunn, ist eine Frau. Eine ziemlich junge Frau. Wow. What a time to be alive. Vor ein paar Jahren hätte ich all das noch für unmöglich gehalten. Tl;dr: Es lohnt sich! Aber Vorsicht: Besser nicht mit euren Eltern schauen – das könnte komisch werden.

Bildcredits: Netflix/Eleven Film, Jon Moore via Unsplash

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5 Antworten zu “Netflix: „Sex Education“ ist die (fast) perfekte High-School-Serie”

  1. Vielen, vielen Dank für den Tipp! Ich würde es wagen zu behaupten, dass es die beste Serie nach Stranger Things ist. Na gut, vielleicht GoT rausgenommen, aber ist irgendwie nicht vergleichbar :D Jedenfalls ist es toll, einfach alles ist toll, die Charaktere, die Welt, die Direktheit, Erics Outfits! :D Danke!

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