Watchlist: 10 gute Dokus auf Netflix – Part 2

11. März 2019 von in

Zwischen High-School-Drama, Aufräumwahn und Serienkillern vergisst man irgendwie ziemlich schnell, dass Netflix durchaus auch jenseits des Hypes viel zu bieten hat: Zum Beispiel in Form richtig guter Dokumentationsfilme und -serien. Und gerade die erzählen manchmal die wirklich unglaublichen Geschichten. Hier sind zehn Vorschläge.

The Death & Life of Marsha P. Johnson

„The first pride was a riot“ – so steht es auf Protestplakaten zu jedem Christopher Street Day geschrieben. Und in diesem Riot in der New Yorker Christopher Street lief Marsha P. Jonson – Ikone der Trans- und Gay-Community – in der ersten Reihe mit, entschlossen und ohne Angst vor der Polizei. Ohne sie hätte es das Gay Rights Movement so nie gegeben. Heute ist ihre zentrale Rolle im Kampf um Gleichberechtigung beinahe vergessen – genauso wie ihr mysteriöser Tod. 1992 wurde sie tot aus dem Hudson River gezogen. Einer möglichen Gewalttat ging die Polizei nie wirklich nach. In der Netflix-Doku geht Victoria Cruz, selbst New Yorker Transaktivistin, den Umständen von Marshas mysteriösem Tod eigenhändig auf die Spur. Dabei trifft sie alte Wegbegleiter*innen, sichtet beeindruckendes Filmmaterial und spürt den Anfängen des weltweiten Gay-Rights-Movements nach – das es ohne Marsha vielleicht gar nicht gegeben hatte, und das sich dennoch von ihr abwandte. Es ist auch eine Geschichte von Transphobie, Rassismus und Klassismus: Denn für schwarze, transsexuelle und arme Menschen war in der Bewegung kein Platz.

Sehenswert, weil: Marsha P. Johnson es verdient hat, als Ikone der ganzen Bewegung gefeiert zu werden.

She’s Beautiful When She’s Angry

Wie gründet man eine Bewegung? Die Feministinnen der zweiten Welle in den USA der 60er- und 70er-Jahre hatten keine Ahnung, wie das funktioniert. Sie haben es einfach gemacht: Aus Frust, aus Wut und aus einem unbändigen Willen für Gerechtigkeit. In dieser Doku geht es um die Kraft des Kollektivs: Nicht eine Frau, sondern viele haben es geschafft, die Welt zu verändern. Diese Frauen werden in dieser Doku portraitiert. Dabei geht es um Zusammenhalt und Solidarität, aber auch um Machtkämpfe und Uneinigkeit. Klar wird dennoch: Die Rechte, die wir heute haben, kommen nicht von ungefähr. Generationen von Frauen haben sie mühsam für uns erkämpft. Und: Es liegt an uns, sie zu verteidigen. Eine Doku darüber, was man alles erreichen kann, wenn man sich organisiert.

Sehenswert, weil: Es wichtig ist, zu wissen, wie weit wir schon gekommen sind – und wie viel noch zu tun ist.

Jim & Andy

Diese Story um die wichtigste Rolle im Leben von Schauspieler Jim Carrey ist so verrückt, dass man über den ganzen Film rätselt, ob es sich hier nicht vielleicht um eine Mockumentary handelt. Carrey wird Ende der Neunziger für den biografischen Film „Der Mondmann“ gecastet: Er soll die Hauptrolle, die des verstorbenen Comedians Andy Kaufman, übernehmen. Carrey, ein wahrer Method Actor, geht so sehr in der Rolle auf, dass er auch nach Drehschluss weiter als Kaufman lebt – und das so überzeugend, dass selbst die Eltern des verstorbenen Comedians beginnen, ihn mit „Andy“ anzusprechen und wie ihren Sohn zu behandeln. Wenn Carrey über diese Zeit in seinem Leben berichtet, schlägt er extrem philosophische Töne an: Es geht um Identität, Ruhm, Komik und das Ego.

Sehenswert, weil: Einem Jim Carreys wirre Lebenweisheiten auf eine gute Art zu denken geben.

Wild Wild Country

Wer sich schon mal mit esoterischer Philosophie im weitesten Sinn befasst hat, der hat auch schon mal was von Osho gehört. Nach wie vor prägen seine Weisheiten die Bücherregale weltweiter Ratgeber-Sektionen. Dass Osho, auch „Guru Bhagwan“ genannt, auch ein ziemlich skrupelloser Sektenführer war, wissen die Wenigsten. Osho kam Anfang der Achtziger in die USA und kaufte ein riesiges Areal in den Bergen Oregons, um dort eine Stadt zu gründen. Aus der ganzen Welt folgten ihm seine Anhänger: Man sah sich als Teil des eines gesellschaftlichen Experiments, das die Welt zu einem besseren Ort machen würde. Doch das entpuppte sich schon bald als große Lüge und Osho als großer Betrüger. Und das auf höchst skurille Art und Weise. Zum Beispiel mit: Bioterror, einem Heer aus Obdachlosen, in Küchenmixern pürierte Biber und einem zwielichtigen Rosenkrieg.

Sehenswert, weil:
Osho dringend eine Entzauberung benötigt.

The American Meme

Social Media hat in einer sehr kurzen Zeit sehr große Veränderungen in unsere Leben gebracht. Das gilt für ganz normale Leute wie dich und mich, aber es gilt ganz besonders für Menschen, die ihr Geld damit verdienen: Influencer und Internetstars. In „The American Meme“ werden einige von ihnen portätiert: Angefangen mit der Mutter aller It-Girls, Paris Hilton. Liebevoll – wie über Familienmitglieder – spricht sie über ihre Follower, die „Little Hiltons“. Und während sie so davon schwärmt, wie ihre Fans sie regelmäßig mit Jesus vergleichen und wie nahe sie sich ihren 10 Millionen Insta-Followern fühlt, wirkt sie irgendwie extrem verloren. Dieses Gefühl zieht sich durch die ganze Doku: Von Brittany Furlan (die dank Vine weltberühmt wurde) über den Meme-King „The Fat Jewish“ bis hin zu DJ Khaled wirken die Internet-Stars alle irgendwie halt- und ratlos. Das wirft einige grundlegende Fragen auf, die wir uns auch alle selbst stellen können: Wie viel Seele steckt noch im Internet? Können Follower Freunde ersetzen? Und wie gehen wir mit der Vernetzung unserer Welt um?

Sehenswert, weil: Die Gegenwart manchmal spannender ist als jede History-Doku.

What happened, Miss Simone?

Nina Simone war eine absolute Erscheinung. Nicht nur ihre Stimme war einzigartig: Auch ihr Lebensweg und ihr Charakter, ihre Willensstärke und ihre Kreativität suchen ihresgleichen. All das behandelt die Doku „What happened, Miss Simone?“, die der Jazz- und Blueslegende nachspürt. Ihr Leben breitet sich aus als eine Achterbahnfahrt aus Kampf und Depression, Sexsucht, Aktivismus, Wut, Glamour, Protest. Eine außergewöhnliche Person mit einem wahnsinnigen Talent – beeindruckend, auch wenn man sie bisher nicht kannte.

Sehenswert, weil: Nina Simones Kampfgeist einen ansteckt.

Paris is Burning

In einer kleinen Halle in Harlem, New York der 80er-Jahre entkommen eine Handvoll Außenseiter der einengenden gesellschaftlichen Norm und schlüpfen in alle Rollen, die ihnen gefallen. Die sogenannte „Ballroom“-Szene kommt regelmäßig zusammen, um sich bei Veranstaltungen ähnlich wie Misswahlen gegenseitig die „Realness“ zu attestieren. Die Kategorien reichen dabei von klassischem Drag bis hin zur Kategorie „Business-Associate“ – in der es darum geht, so langweilig wie möglich auszusehen. Die Szene fungiert auch als Ersatzfamilie, als Schutzraum des queeren Lebens. Ach ja: Und nebenbei wurde das Vogueing erfunden. Dieser Dokumentarfilm aus 1990 ist zurecht ein echter Klassiker der Filmgeschichte, ein einmaliges Zeitzeugnis und damit ein absolutes Must-See. Seit Kurzem läuft übrigens, definitiv auch durch „Paris is Burning“ inspiriert, eine neue Serie über die Ballrooms auf Netflix: Pose.

Sehenswert, weil: Es sich hier zurecht um einen echten Klassiker mit unglaublicher kultureller Relevanz handelt.

The Sunshine Makers

Es sind die 60er-Jahre in Amerika. Nick Sand und Tim Scully, ein sehr ungleiches Paar, werden aus Versehen zu den Gründern und zum Herzstück des LSD-Hypes. Ihre eigens produzierte Droge, „Orange Sunshine“, verbreitet sich schneller über Nordamerika, als die Politik reagieren kann: Und wird zum unentbehrlichen Teil der Hippie-Ära. Sand hatte eine große Vision: LSD für alle – und der Weltfrieden wird folgen. Sein Kumpel Scully, ein rationaler Wissenschaftler, sieht das Ganze kritisch. Und es kommt anders: Beide landen im Knast. „The Sunshine Makers“ erzählt nicht nur von einer verrückten Zeit und einer verrückten Vision, sondern auch von zwei sehr unterschiedlichen Personen, die aus Versehen im selben Boot landen.

Sehenswert, weil: Er einen Blick hinter die Kulissen der Hippie-Ära gewährt.

Follow This

Jede Folge der Doku-Reihe „Follow This“ begleitet eine*n Buzzfeed-Reporter*in bei den Recherchen zu einem (buzzfeed-typischen) Thema: Von Sexrobotern über ASMR-Superstars bis hin zu Männerrechtlern und Entzugstourismus. Spannende Themen, spannende Aufmachung – wenn auch manchmal ein bisschen clickbaity und immer sehr kurz gehalten. Man lernt dennoch in jeder Folge etwas Neues über unsere absurde Welt.

Sehenswert, weil: Die Reihe einem die Absurdität unserer Gegenwart aufzeigen kann.

Jane

Als die damals 26-jährige Jane Goodall im Jahr 1960 auf Einladung eines Wissenschaftlers zu ihrer ersten Reise nach Tansania aufbricht, um Schimpansen zu beobachten, geht für sie ein Lebenstraum in Erfüllung: Von kleinauf wollte sie nach Afrika reisen und dort mit den Tieren leben. Jane hat keine wissenschaftliche Ausbildung, und doch gelingt es ihr, Vertrauen zu den Tieren aufzubauen und schon bald Beobachtungen zu machen, die die Menschheitsgeschichte komplett umkrempeln: Denn die Affen sind den Menschen viel ähnlicher als bisher angenommen. Ihre Geschichte geht um die Welt – es ist der Beginn einer der längsten und aufschlussreichsten Tierstudien in der Geschichte. Und auch Janes Leben wird umgekrempelt: Denn im Gombe-Nationalpark findet sie viel mehr als einen Job. Sie findet auch ein zu Hause – und eine Familie, bestehend aus Menschen und Tieren. Der Dokumentarfilm „Jane“ arbeitet mit atemberaubendem, lange verschwunden geglaubtem Videomaterial, das die junge Jane Goodall auf ihren Streifzügen durch den Nationalpark, mit den Affen und ihrer kleinen Familie zeigt: Gefilmt von ihrem späteren Ehemann Hugo van Lewick – heute einer der renommiertesten Naturfilmer der Welt.

Sehenswert, weil: Es inspirierend ist, wie Goodall ihr Leben ihrem großen Ziel verschreibt.

Bildcredits: Netflix / International Film Curcuit / RadicalMedia / Bert Marcus Productions / Passion Pictures

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