Paris, Klischees und ganz viel Laissez-Faire: Warum mir die Netflix-Serie „Emily in Paris“ gerade jetzt so gut getan hat

21. Oktober 2020 von in

Das Kerzenlicht flackert, das Licht ist schummrig. Während ich die wunderschönen, glücklichen Menschen an einem kleinen Tisch sitzend in einem noch kleineren, gemütlichen Restaurant sehe, spüre diese Wärme, diese Gemütlichkeit dieser Szene direkt durch den Fernseher. Das französische Essen schmeckt, der Wein fließt, man stößt auf erfolgreiche Tage an. Es ist schon spät, als man sich umarmt, bis ganz bald, au revoir. Draußen an der kalten Herbstluft zwischen Montmartre und Eiffelturm ziehen sich alle ihren schicken Mantel noch ein bisschen enger, es ist kalt geworden in Paris. „Wir gehen noch weiter in eine Bar, kommst du mit?“. Während Emily in der neuen Netflix-Serie „Emily in Paris“ zögert, sitze ich vor dem Fernseher und rufe: Ja, jaaaa ich will.

Himmel, ich vermisse dieses leichte Leben. Dass sich treiben lassen, mit Freund*innen in Restaurants sitzen, in engen Bars in eine ungewisse Nacht starten und mit Fremden auf einer Parkbank ins Gespräch zu kommen. All das, was Emily Cooper in Paris auf Netflix gerade erlebt. Mein Herz schmerzt schon, nur beim Anblick dieser Szenen. Gleichzeitig träume ich dabei von Croissants, dem Flanieren an der Seine, von Shoppingtouren durch das Marais und einem Abend mit Vino und Sonnenuntergang am Montmartre.

Die Serie rund um die junge Emily aus Chicago, gespielt von Lilly Collins, und produziert von Sex-and-the-City-Produzent Darren Starr ist gerade die Nummer 1 auf Netflix – und man könnte sich zurecht erst einmal fragen: W a r u m ?
Denn die Storyline ist ziemlich simpel und extrem vorhersehbar: Emily, junge Marketingmitarbeiterin einer Agentur, wird von ihrer Chefin in die neue Dependance nach Paris geschickt. Sie soll den Kolleg*innen in Übersee Social Media näher bringen und natürlich die amerikanische Denke von Werbung. TikTok, Instagram – als das beherrscht Emily wie ein Profi. Während sie kein Wort Französisch spricht und in einer kleinen Kammer hoch oben in einem Pariser Altbau ohne funktionierende Dusche lebt, trägt sie in der Stadt der Mode dafür eine Garderobe, die mehrere Jahresgehälter wert ist. Naturellement!

Die Serie ist kurz gesagt: völlig absurd.
Emily ist die von ihrer Kultur überzeugte Amerikanerin, die mit dem europäischen Way of Life so gar nicht zurecht kommt. Die neuen Kolleg*innen aus Frankreich hassen Menschen, die kein Französisch sprechen, sind arrogant und natürlich nachmittags schon am Weintrinken in einem der zahlreichen Pariser Straßencafés. „Je ne comprends pas.“ Okay, alles klar. Als Emily eine neue Freundin, natürlich ein Au-Pair, trifft, isst sie gerade Käse und Baguette zu Mittag im Park. Natürlich. Pourquoi pas, non? Und die wunderschönen und intellektuellen Männer in Paris? Gebildet, gut angezogen, vor allem aber sexhungrig, immer auf einen Flirt aus und heiße Affären ganz normal. Wer kennt es nicht?

Die Serie ist gespickt mit Klischees, sie spielt mit den vielen Geschichten des französischen Savoir Vivre und ist dabei völlig realitätsfern.
Und das, ihr Lieben, liebe ich gerade so sehr.

In einem Jahr, in dem wir alle verzichten müssen, in dem ich sogar irgendwann mal vorhatte, nach Paris zu fahren, die Idee aber schon Anfang März verwarf, ja, in einem Jahr, in dem man schon vergessen hat, wie sie ein Barbesuch nach 22 Uhr anfühlt, und ein leichter Flirt mit Fremden ohne Maske tausende Jahre her scheint, kommt die Serie „Emily in Paris“ gerade richtig.

In einem Jahr, in dem uns eine Pandemie einen Strich durch alles macht, in dem der (zurecht und wichtige) Verzicht vor Freude kommt und die Leichtigkeit wie ein schwacher Hauch durch unser Leben weht, hilft diese leichte, ja fast schon absurd realitätsferne Erzählung. Eine kleine Erzählung, die uns auf die Reise durch das wilde, lebensfrohe Paris aus den Augen einer neugierigen, naiven Emily mitnimmt. Emily in Paris ist Eskapismus in seiner Reinform – mit Gute-Laune-Garantie, Seufzern und ganz viel Sehnsucht.

Wir haben Emily, die so naiv, manchmal zu nett, ganz oft aber auch gemein ist. Die wie ein Million-Dollar-Babe durch Paris flaniert, durch Zufall Influencerin wird und der Agentur durch fast schon bizarre Aktionen immer wieder wichtige Luxus-Aufträge rettet. Die im Parc de Tuileries und am Blumenstand neue Freundinnen trifft, gleichzeitig einer ihrer wenigen Freundinnen den Freund streitig macht. Denn Gabriel, der heiße Nachbar, landet ganz schnell auf der Eroberungs-Liste der zuckersüßen Amerikanerin. Denn natürlich verliebt man sich in der Stadt der Liebe – und zwar in einen aufstrebenden Koch. Emily kann man mögen, man kann sie hassen, man kann super genervt von ihr sein und doch irgendwie ein bisschen neidisch auf sie.

Denn wer würde nicht gerade gerne mit Freund*innen im Straßencafé in Paris sitzen, in Haute-Couture ins Pariser Ballett gehen oder für einen spontanen Wochenendetrip im Cabrio in die Normandie fahren?
Richtig. Wir alle in unseren Jogginghosen auf dem Sofa.

Wo wir gleich beim zweiten Punkt wären: Die Stadt der Liebe – und ihre vermeintlichen unendlichen Möglichkeiten. Ein romantischer Ausflug mit dem Partner oder der Partnerin nach Paris? Oder einfach eine Sommerliebe in Paris? In einem Jahr, in dem Dating oft mit Video Calls begann und am Ende als Corona-Buddy endete, scheint dieses Liebes-Dilemma, in dem sich Emily befindet, fast schon verführerisch. Nein, ich möchte keine Affäre und ich bin auch nicht der Typ, der vergebene Männer anschmachtet. Ich brauche auch in einer Beziehung keine zehntausenden aufregenden Dates oder Überraschungen. Und trotzdem:  „Emily in Paris“ liefert uns eine Art Rom-Com-Versprechen ganz nach dem Motto „Alles ist möglich – vor allem in Paris“. Und ganz ehrlich: Das klingt gerade irgendwie gut.

Genauso wie ich unglaublich gerne – und das sage ich nicht einfach so – endlich wieder einmal einen Anlass hätte, wie Emily in Paris als Toni durch München zu laufen. Ich spreche von der Mode, von Outfits, die über den Faktor Gemütlichkeit hinausgehen. Ich möchte in hohen Schuhen über Kopfsteinpflaster stolpern, in meinem Lieblingskleid durch Bars ziehen und in einem neuen Outfit ein Mode-Event nach dem anderen besuchen. Das dauert noch – aber die Netflix-Serie „Emily in Paris“ hat mich definitiv inspiriert, auch für Spaziergänge wieder ein Schippchen draufzulegen. Denn wenn Emily in der Serie schon als Basic Bitch tituliert wird, bin ich die Queen. Und das muss sich wieder ändern.

Und dann haben wir da noch Paris. Die Bauten, das Großstadtflair. Menschen, die durch die Gassen flanieren, eng an eng in Straßencafés sitzen und diese historische Stadt genießen. Die Baguettes und Fromage essen (Achtung, Klischee), mit Champagner zum Mittagessen anstoßen (wieder Klischee) und sich einfach treiben lassen – ganz oft in die Arme eines Fremden (ja, wieder Klischee). Die Serie zeigt die schönsten Seiten der französischen Metropole – und ich vermisse es, mich selbst in meiner eigenen Stadt oder einer anderen Metropole frei treiben lassen zu können. Hach ja, wann wird das wieder möglich sein?

Emily in Paris hat mich gekriegt. Nicht mit seiner überragenden Storyline, sondern mit dem Gefühl, dass die Serie vermittelt. Das Gefühl der Leichtigkeit, des Ungewissen, der Liebe und der Spontanität.

Versteht mich nicht falsch. Der solidarische Verzicht ist so wichtig, damit retten wir Leben und schützen unsere Mitmenschen. Ich bin gegen Jammerei und überspitzten Selbstmitleid a la „Ich war dieses Jahr nur einmal im Urlaub“. Uns geht es gut und wir reißen uns jetzt alle mal ein bisschen zusammen. Aber Trauer, ja das Gefühl des Verpassens und ein bisschen Wehmut, all das ist natürlich auch erlaubt – und auch so wichtig. Es ist okay, traurig zu sein, dass das Leben gerade ein anderes ist, als in einer übertriebenen bubbligen Rom-Com-Serie von Netflix. Alle Gefühle sind erlaubt – vor allem in einer Pandemie.

Bei „Emily in Paris“ erfolgt nicht mehr die typische Gedanken-Adaption einer Serie, in der uns das „Wie könnte es sein als Emily?“ in den Kopf schießt, sondern vielmehr das „Wisst ihr noch, wie es damals so war?“.
Und das hinterlässt vor allem Wehmut, Sehnsucht und irgendwie ein bisschen Hoffnung.

Denn ich möchte nichts sehnlicher, als nach Paris. Ich möchte zu gerne auf ein Weingut in der Normandie (oder irgendwohin!) fahren, mit neu gewonnenen Freund*innen lange Abende in Bars und Restaurants verbringen, einem Event entgegenfiebern sowie in Straßencafés eng an eng mit Fremden sitzen und zufällig ins Gespräch kommen. Ich will, dass Abende nicht mehr mit Vernunft enden, sondern mit ein bisschen Übermut. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich das wieder tue. Mit guten Gewissen und reinen Herzen, weil die Pandemie dank unserer Solidarität gut überstanden ist.

Und bis dahin gucke ich eben „Emily in Paris“ und träume.

 

 

 

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