Nice is the new Sexy: Wir wollen keine Fuckboys mehr!

18. Juli 2019 von in

„I find you attractive. Do you find me attractive?“
‚I don’t.“

Ryan Gosling hat es in dem Film Crazy. Stupid. Love. so an sich. Er betritt seine Lieblingsbar, und alle Frauen unter 25 mit kurzen, enganliegenden Kleidern und High Heels (die einzigen Gäste dieser „Lieblingsbar“, übrigens) lechzen nach dem anzugtragenden Gigolo. Wie Sean Connery als James Bond schwebt er durch den Raum und sucht sich seine Begleitung für den Abend und die darauffolgende Nacht aus. Das macht er charmanter und kalkuliert respektvoller als der 007 Agent der Sechzigerjahre. Dabei unterscheidet die beiden am Ende wenig: Ryan Gosling ist auch nur ein James Bond im Schafspelz. Er kann sie schließlich alle haben. Er hat die Fäden in der Hand und weiß, mit welchen Schritten er alle zum Schmelzen bekommt. Pures Kalkül. Nichts wird dem Zufall überlassen – bis er Emma Stone kennenlernt, die alles in ihm verändert. Die ihn zunächst nicht attraktiv findet.

Der Kassenschlager Eiskalte Engel aus den Neunzigerjahren lebt von Unmoral. Alles an diesem Film ist böse, falsch, verboten. Sebastian, Protagonist des Films, verliebt sich deshalb natürlich als größter Sexist in eine Jungfrau (gespielt von Reese Witherspoon). Wie sollte es auch anders sein! Aus einer Wette, sie zu entjungfern, entsteht eine große Liebesgeschichte.

Patrick will in dem Liebesfilm 10 Dinge die ich an dir hasse eigentlich nur eines: seine Ruhe. Er interessiert sich nicht für die Menschen um sich herum. Er ist auf seiner Highschool nicht beliebt, sondern gefürchtet. Für ein paar Dollar lässt er sich auf den Versuch ein, die feministische Außenseiterin Kat herumzukriegen. Das Projekt entwickelt sich zu dem ersten in seinem Leben, für das einen Funken Leidenschaft übrig hat. So sehr sogar, dass er sich auf der Tribüne seiner Schule lächerlich macht und für Kat „Can’t Take My Eyes Off You“ singt.

Was haben die drei Typen gemeinsam?

Oh Gott, wie oft ich mir früher gewünscht habe, ein Patrick würde sich aus einem Fuckboy zum schillernden Schmetterling für mich verwandeln, der Can’t Take My Eyes Off You für mich singt. Not gonna lie to you: Die Szene macht mich bis heute schwach. Dabei habe ich früher nie darüber nachgedacht, wie unmöglich diese Männerrollen eigentlich waren. Ich wollte nur das, was ich nicht haben konnte: einen Fiesling, der sich für mich ändert. Ein paar Jahre Feminismuspeitschen und schmerzende Selbstreflexionen später weiß ich, dass dieses Männerbild ziemlich grässlich und das Gegenteil von erstrebenswert ist. Das habe glücklicherweise nicht nur ich verstanden, sondern zum Beispiel auch die Filmindustrie, die immer seltener den toxischen Helden zeichnet, der zum ersten Mal mit dem Gefühl Liebe und Mitgefühl konfrontiert wird. Die Welt ist endlich bereit für Heldinnen und für einen neuen Typus Helden. Nice is the new sexy.

Wir haben uns schließlich lange genug Filme angesehen, in denen ignorante Arschlöcher wie süße Welpen dargestellt werden, die es doch selbst auch nicht besser wissen. Deren toxischer Charakter zu einem erstrebenswerten Bild gezeichnet werden, dem man nicht widerstehen kann. Bah, ekelhaft! Ich verstehe schon, wir sind alle keine süßen Welpen, aber wir können uns doch wenigstens bemühen, ein bisschen Respekt, Empathie und ein bisschen weniger Ego an den Tag zu legen. Bitte weg mit der „mystischen“ Zurückweisung und Distanz, der Coolness. Es ist nicht mehr cool, ein Arschloch zu sein.

Kein Wunder, dass gerade jetzt Keanu Reeves fast wie ein Heiliger gefeiert wird. Keanu Reeves steht für Rücksicht und Nettigkeit, wie auch die Geschichten hinter dem Hashtag #keanustories beweisen. Aktuell soll sogar laut SZ Online eine Petition für Reeves als „Person des Jahres“ gestartet worden sein, mit der Begründung, er sei der „selbstloseste Mensch der Welt“.

Nun ja, seien wir mal ehrlich. Der Schauspieler, der trotz üppiger Filmografie gefühlt mit Matrix den Anfang und Ende seiner Filmkarriere besiegelte, ist auch nur ein Mensch. Ein berühmter Mensch, der sicherlich auch seinen Dreck am Stecken hat und erst recht nicht, das wage ich nun einfach mal zu behaupten, der „selbstloseste Mensch der Welt“ ist. Er ist aufgrund unterschiedlicher Vorfälle in den letzten Jahren zu einem Meme geworden, das für Nettigkeit und Empathie steht. Das geht sogar so weit, dass er als genau dieses Meme auf satirische Art und Weise in dem neuesten Netflix-Film Always Be My Maybe als diese Heiligenfigur verkörpert. Und da haben wir’s: Die Welt sehnt sich nicht nach Keanu Reeves. Die Welt sehnt sich nach Nettigkeit. Nettigkeit soll endlich cool werden – und sie ist gerade auf dem besten Weg, genau das zu werden.

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3 Antworten zu “Nice is the new Sexy: Wir wollen keine Fuckboys mehr!”

  1. Wow. Sehr gut auf den Punkt gebracht, Amelie! Die Geschichten in den Filmen prägen unsere Werte, Vorstellungen und Ideale. Auf der anderen Seite spiegeln sie natürlich auch die Realität. Trotzdem haben die Autor*innen der Drehbücher eine grosse Verantwortung, finde ich. Auch mich haben diese toxischen Filmhelden geprägt und ich habe ein paar Entscheidungen getroffen und Erfahrungen gemacht, die mir in einer Welt ohne dieses Männerideal vielleicht erspart geblieben wären. Es ist mehr als an der Zeit für einen neuen, erstrebenswerten Helden im (romantischen) Film! Ein wunderbares Beispiel und ein Tipp: Max in «Obvious Child» (USA/2014).

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