Ich bin kein Paradiesvogel, sondern einfach eine Frau.

27. Januar 2021 von in
Disclaimer: In dem Gespräch mit Phenix fallen möglicherweise ein paar Begriffe, die manchen Menschen noch nicht so geläufig sind, die wir aber alle langfristig in unseren Sprachgebrauch mit einbinden sollten. Trans* ist ein Oberbegriff für Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Das Sternchen soll Raum geben für verschiedene Identitäten. Cis bezeichnet die Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Wer die eigenen Pronomen (wie she/her, he/him oder they/xy) in ein Online-Profil schreibt, normalisiert damit den Wunsch der geschlechtlichen Ansprache, den insbesondere trans Personen, aber auch nonbinäre (thex/xy) Personen haben. LGBTQIA+ bedeutet Lesbians, Gays, Bisexuals, Trans, Queer, Intersex, Asexual, das + steht für das Symbol der Inklusion. 

Phenix ist eine Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde. Diese Rolle lebte sie lange Zeit, da sie ihr von der Gesellschaft zugeschrieben wurde. Doch so richtig wohl fühlte sie sich in der typisch männlichen Rolle nie. Bis sie Schritt für Schritt Raum für ihre Weiblichkeit schaffte. Das erst durch ihre Kunstfigur Oh’Phelia Phenix, einer Drag Queen, die aus der heute sie selbst wurde: Phenix.

Die Veränderung, die sie als trans Frau durchlebt, hält sie auf ihrem Instagramaccount fest, und thematisiert sie unter anderem in ihrem Podcast Freitagabend, der auf den Podcast-Charts bereits boomt. Natürlich geht’s auch um viele andere Themen, wie beispielsweise Veganismus. Immer mehr wird in der Öffentlichkeit über die unterschiedlichen Formen von Geschlecht und Gender gesprochen, doch sie so richtig zu verstehen fällt einer cis Person vielleicht manchmal schwer. Die Lösung ist dabei so einfach: zuhören. Das will ich heute tun, und Phenix deshalb mal alle Fragen stellen, die ich zum Thema trans* habe, und ein für alle mal ein paar Fragezeichen in meinem Kopf und dem unserer Leserinnen streichen.

Liebe Phenix, hast du dich schon immer als Frau gefühlt?

Rückblickend ist das gar nicht so einfach zu sagen. Ich weiß, dass ich mich in der „männlichen“ Rolle, die mir die Gesellschaft, mein Umfeld und die Medien zugeschrieben haben, nie wohlgefühlt habe. Wirklich definieren, dass ich trans bin, kann ich erst seit wenigen Jahren.

Du postest immer noch alte Fotos von dir, um andere dazu zu motivieren, zu sich zu stehen und sich zu verändern, wenn man sich danach fühlt. Welcher Impuls war bei dir der ausschlaggebende, um dich letztlich öffentlich als Frau zu zeigen?

Ich würde es nicht als Impuls beschreiben, weil es letztendlich für mich einfach nur die logische Konsequenz eines schleichenden Prozesses war. Vor Jahren habe ich mir selbst eingestanden, dass ich nicht cis bin. Mich also nicht in dem Geschlecht wohl fühle, das mir bei der Geburt zugeordnet wurde. Nach einigen Monaten habe ich den Mut aufgebracht, meinen engsten Vertrauten von diesen Gefühlen zu erzählen. Dann ging es Schritt für Schritt.

Viele dieser Schritte – beispielsweise auf die Damentoilette zu gehen oder High Heels zu tragen – schienen für mich mal absolut unmöglich. Doch ich spürte gleichzeitig, dass sie der richtige Weg für mich sind. Retrospektiv kann ich aber berichten: Alles ist möglich und alles hat sich gut angefühlt.

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Wann hast du begonnen, Hormone zu nehmen?

Zu meinem 25. Geburtstag habe ich im August 2020 meine Hormontherapie begonnen.

Welche Veränderungen spürst du seither?

Vieles, das sich verändert, nehme ich als so richtig und passend wahr, dass mir die Veränderung gar nicht so auffällt. Äußerlich ist für mich wohl am spannendsten, dass mein Brustwachstum in vollem Gange ist. Nach schwierigen Zeiten wusste ich endgültig, dass dies mein Weg ist, als ich diese Veränderung meines Körpers sah.

Du hast früher deine Weiblichkeit in Drag ausgelebt. Gibt es die Drag-Queen-Persona Oh’Phelia Phenix heute noch, die du damals erschaffen hast?

Oh’Phelia war immer irgendwie ich und keine Kunstfigur. Und deswegen lebt sie auch in mir weiter. Wer ist eine Drag Queen und wer nicht? Manchmal ist das gar nicht so einfach zu beantworten. Auffällige Make-up-Looks und fancy Fashion trage ich auch gerne Mal. Also bin ich auch irgendwie immer noch ein bisschen Drag Queen.

Wir sollten alle ein bisschen Drag Queen sein. Das wäre toll.

Hat dein Drag dich dazu ermutigt, heute mehr du selbst zu sein?

Als ich mit Drag anfing, war es mein Weg, meine Weiblichkeit auszudrücken. Als ich realisiert habe, dass da viel „mehr“ hinter steckt, nämlich nicht nur eine Kunstform, sondern mein eigenes Sein, habe ich Drag-Looks erstmal wieder an den Haken gehängt. Bevor ich mit Geschlechterrollen kokettieren kann, musste ich mir meiner eigenen bewusst werden. Heute bin ich das und daher gern hin und wieder in ausgefallenen Looks unterwegs und spiele mit meiner Weiblichkeit.

Was hat dich früher daran gehindert, dich typisch weiblich zu zeigen?

Unmöglichkeiten in meinem Kopf, ausgelöst durch mein Umfeld, die Gesellschaft und Medien. Mir wurde trans sein nicht als eine Option präsentiert, sondern wenn überhaupt als ein Weg, den Paradiesvögel gehen. Aber ich bin ja kein Paradiesvogel, sondern einfach eine Frau. Um hieran für andere trans* Personen etwas ändern zu können, habe ich meine aktivistische Arbeit begonnen.

 

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Du setzt dich für LGBTQIA+ Rechte ein und klärst regelmäßig auf. Sowohl auf Instagram, als auch in deinem Podcast Freitagabend. Nach dem Intro: „Es ist Freitagabend und du hörst Freitagabend“, erfährt man hier alles, was dich ausmacht und interessiert. Von Veganismus, Gen Z, Ghosting, Pride, Drag bis hin zu persönlichen Themen. Hast du eine Sprecherinnen-Ausbildung oder ähnliches gemacht?

Zum Leidwesen meiner Eltern: Nein. Mein zweiter Vorname sollte Autodidaktin sein, denn ich habe mir über die Jahre so gut wie alles selbst beigebracht – von Fotobearbeitung, Videoschnitt, Audioaufnahmen, Publikation eines Podcasts und einiges mehr. Die Frage ist, ob ich autodidaktisch sehr stark oder einfach nur ungeduldig bin und nicht gern nach Hilfe frage. Eine Nachtschicht mit YouTube-Tutorials kann einiges beibringen. Hinzu kam dann noch ein Traineeship mit anschließender Arbeit in einer PR-Agentur und ich hatte alle Qualitäten, die es für meinen heutigen Job bedarf.

Ich frage deshalb, weil du ungewöhnlich gut in dem Podcast sprichst. Ist das Format „Podcast“ etwas, was dir besonders viel Spaß machst und worauf du zukünftig aufbauen willst?

Danke! Ich rede schon immer einfach gern. Und viel. Auch das zum Leidwesen meiner Eltern. Ich mag das Format Podcast sehr, weil es so vielseitig und einfach zu konsumieren ist. Daher sehe ich für meinen Podcast aktuell auch kein Ende und möchte weiterhin die Podcast-Charts stürmen.

 

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Du setzt dich insbesondere für eine tolerantere Sprache ein. Wie viel hat die Sprache mit den Stereotypen zu tun, die du versuchst, aufzubrechen?

Sprache ist absolut wichtig im Umgang mit Minderheiten, denn wir benutzen Sprache immer und ständig. Menschen, die nicht der Norm entsprechen, müssen nicht nur mitgedacht, sondern auch mit erwähnt werden. Denn wir können nicht in die Köpfe anderer gucken. Wer weiß, ob wir mitgedacht oder bewusst außen vorgelassen wurden.

Viel zu lange schon sollen wir uns „dazu denken“.  Zum Beispiel, wenn mein Gegenüber Worte wählt, die mich und andere ausschließen. Selbst mir sehr nahe stehende – meist sehr privilegierte – Menschen. Die meinen, sie wären sehr aufgeklärt. Dann rechtfertigen sie sich mit Sätzen wie: „Irgendwann ist ja auch mal gut“. Nein! Wir müssen alle noch wachsen, mir inklusive selbstverständlich.

Welche Nachteile erfährt man in Deutschland als trans* Person? In welchen Momenten spürst du Vorurteile oder Benachteiligungen?

Die Vorteile sind schnell abzuhandeln: Ich bin sehr selbstreflektiert, habe eine Zeit lang die Toilette nach Länge der Warteschlange gewählt und habe keine Periode. Über die Benachteiligungen könnte ich wohl ein ganzes Buch schreiben. Am simpelsten runter gebrochen ist es der Umgang: Ich werde ständig wie ein Alien behandelt und muss Menschen sehr regelmäßig einfachste Sachverhalte erklären.

Dass ein Mann, der an mir romantisches Interesse hat, in der Theorie erstmal heterosexuell ist. Er könnte natürlich auch bi-, pan- oder noch anders-sexuell sein. Aber: Schwul ist er in der Theorie nicht. Ich bin eine Frau. Aber das ist nur Theorie, denn anderen Menschen ihre Sexualität oder Geschlecht zu erklären ist so 2018.

All das kostet Kraft. Bin ich auf einer Party eingeladen und die Mädels machen sich Gedanken auf wen der heißeste Typ stehen könnte, werde ich grundsätzlich vergessen. Aber wir wissen alle, wer ihn am Ende mit nach Hause nimmt. Mein bester Freund. Der ist super hot.

In einer Story sprichst du von Sport bei trans*, inter* und non binären Personen. Warum ist es für diese Personengruppen oft so schwer, öffentlich Sport zu treiben?

Ich persönlich möchte beim Sport weder viel Make-up tragen, noch meine Genitalien abkleben, damit Menschen um mich herum auf keinen Fall merken, dass ich trans bin. Wenn ich Sportkleidung trage, sieht man wohl recht eindeutig, dass ich trans bin. Das ist per se kein Weltuntergang für mich. Dennoch muss ich mein Schutzschild im Gym ablegen.

Ich habe das Gefühl in der Damenumkleide sind alle Blicke auf mir, weil viele dort in ihrem Leben schon von cis Männern übergriffiges Verhalten ertragen mussten. Ich bin aber kein Eindringling, sondern einfach nur nicht cis.

Welche Privilegien habe ich als cis Frau, von denen ich vielleicht nicht weiß?

Die Sportumkeide wäre eines. An anderes Beispiel ist für mich die Fetischisierung von trans Frauen. Definitiv werden auch cis Frauen sexualisiert, aber trans Frauen werden oft einfach wie ein Fetisch behandelt. Und dazu noch wie ein ganz unangenehmer. Oder auch einfach ein Telefonat. Ich muss immer darauf achten, dass andere Menschen nicht annehmen, ich sei ein Mann, wenn sie meine Stimme hören. Menschen schlussfolgern gerne viel ohne nachzufragen. Natürlich geht es nicht jeder cis Frau diesbezüglich anders und nicht jeder trans Frau wie mir.

 

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Wie können cis Personen trans Personen dabei unterstützen, von der Gesellschaft in Gänze akzeptiert zu werden?

Grundsätzlich sollte das Ziel sein, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Bis dahin können cis Menschen der Community unter die Arme greifen, in dem sie Verhaltensweisen etablieren, die für beispielsweise trans Menschen das Leben leichter machen:

Sich mit Pronomen vorzustellen, inklusive Sprache verwenden, sich auf diesem Gebiet weiterbilden, zuhören und nicht immer davon ausgehen, dass alle Menschen cis sind. Das wären schon sehr wichtige Schritte.

Danke für das Gespräch, liebe Phenix!

 

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2 Antworten zu “Ich bin kein Paradiesvogel, sondern einfach eine Frau.”

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