Sexismus im Job: 2 Frauen erzählen ihre Erfahrungen in männerdominierten Berufen

28. Juli 2022 von in
Wie wird man als Frau von seinem Umfeld wahrgenommen? Im Alltag, auf der Straße, im Nachtleben – aber auch in dem Bereich, der einen riesengroßen Teil unserer Lebenszeit einnimmt, im Beruf? Was passiert, wenn ChefInnen oder KollegInnen von Wokeness, Feminismus oder Gleichberechtigung viel weniger gehört haben, als wir selbst und unser Umfeld es gewohnt sind? Und was können wir eigentlich von Branchen erwarten, die bis heute als „Männerdomänen“ gelten, in denen wir aber als Frau einfach auch gerne arbeiten möchten?
Im beruflichen Alltag ist man Sexismus oft ungeschützter ausgeliefert als sonst irgendwo. Zum einen, weil man im beruflichen Kontext von Hierarchien und Machtstrukturen betroffen ist, und es ChefInnen oder bestimmten KollegInnen gegenüber sehr viel schwieriger ist, den Mund aufzumachen, als FreundInnen gegenüber – selbst wenn man sich nur aufgrund seines Geschlechts ungerecht behandelt, anders behandelt oder benachteiligt fühlt. Zum anderen aber auch, weil man in seinem Berufsleben manchmal in einem ganz anderen sozialen Umfeld landet als die eigenen Bekanntenkreise und FreundInnen, die man aktiv wählt und die oft auf einem ähnlichen Level stehen, was Reflektiertheit angeht. Man kann in seiner Freizeit noch so gute Diskussionen über Feminismus und Gleichberechtigung führen, und trotzdem am nächsten Tag im Job diesbezüglich im Mittelalter landen. Wie nervig und schwierig sexistische Arbeitsrealitäten sein können, erzählen uns heute zwei Leserinnen – wir freuen uns auch über eure Erfahrungen!

Sexismus im Berufsleben: 2 Frauen erzählen

Clara, 31

Vor ziemlich genau fünf Jahren habe ich in einer bayerischen Provinzstadt eine Digitalagentur gegründet, im Team mit meinem Partner. Die Verantwortungsbereiche sind klar verteilt: Ich bin kaufmännische Leitung, er ist Creative Director (und hat null Zahlenaffinität). Diese beiden unterschiedlichen Positionen kommunizieren wir auch immer klar nach außen.Tatsächlich hat in fünf Jahren noch kein Kunde die Kompetenz meines Partners angezweifelt und von mir eine Meinung zu einer seiner Gestaltungen gefordert. Bei mir war es aber von Anfang an so, dass Kunden immer wieder seine Meinung zu meinem Fachgebiet haben wollten. In vielen kleinen und größeren Dingen hat sich gezeigt, wie unterschiedlich Frauen und Männer immer noch behandelt werden. Hier ein paar konkrete Anekdoten:

  • Anruf bei der Bank zur Eröffnung eines Firmenkontos. Eigentlich sollte nur ein Termin vereinbart werden. Hinweis der Gesprächspartnerin am Ende: „Zu dem Termin muss dann aber schon der Geschäftsführer kommen. Sie als Assistenz alleine reichen nicht.“ Dabei hatte ich schon klar gesagt, dass ich Geschäftsführerin bin.
  • Wenn wir zu zweit in Akquiseterminen waren, ist es schon sehr oft vorgekommen, dass der potenzielle Kunde sich für die Preisverhandlung an meinen Partner wendet. Wenn der dann den Hinweis gibt, ich sei für Finanzfragen zuständig, kommen oft Sätze wie: „Ich würde aber gerne deine Einschätzung als Mann hören.“
  • Ebenso selbstverständlich ist es, dass sich Kunden an meinen Partner wenden, um nachzuverhandeln, wenn ich ein Angebot sende. So nach dem Motto „Hat sie mir gesendet – aber du kannst da doch sicher noch was machen.“
  • Im Verwandten- und Bekanntenkreis ist immer mein Partner „der Unternehmer“, der viel geleistet hat und Respekt verdient. Bei mir fallen dann eher Sätze wie „Naja und was ist, wenn ihr mal Kinder habt?“ oder „Schaffst du das denn alles parallel?“
  • Vor Kurzem habe ich einem Kunden erzählt, dass wir eine neue Mitarbeiterin einstellen, die auch Mutter ist. Antwort des Herrn: „Na dann – lass du dich aber nicht davon inspirieren!“
  • Als wir uns eine Putzfrau geleistet haben, waren sogar meine eigenen Mitarbeiterinnen fast schon entsetzt, wieso ich das nicht selber mache. Meinen Partner hat das keiner gefragt. Schönstes Zitat dazu: „Was, die (Putzfrau) kommt schon wieder?!“
  • Es geht aber auch andersherum: Für unsere tolle Büro-Einrichtung werde stets nur ich gelobt – obwohl mein Partner als der Kreative von uns diese fast ausschließlich alleine geplant hat und ich nur das Budget dafür freigegeben habe.

Vor zwei Jahren habe ich einen LinkedIn Artikel geschrieben, in dem ich einige dieser Erfahrungen anonymisiert geteilt habe und die Frage gestellt habe, wie andere Frauen mit Sexismus im Berufsleben umgehen. Auch da zeigt sich, wie viele betroffen sind und wie wenig wir eigentlich damit umzugehen wissen. Viele Frauen haben mir geschrieben, dass es ihnen ähnlich geht, außer dem „dicken Fell“ hat aber niemand wirklich eine Lösung.

Gleichzeitig habe ich aber auch eine Menge Nachrichten bekommen, die mein eigenes Verhalten oder mein Alter als Grund für meine Erfahrungen identifizieren: „Du musst dich einfach weniger weiblich anziehen, dann wird man dich ernster nehmen.“ – Ich trage zwar gerne Farbe und Muster, aber fast nie Ausschnitt, Röcke übers Knie oder Ähnliches. Oder: „Das gibt sich, wenn du älter wirst, mit dem Geschlecht hat das nichts zu tun“ – Mein Partner ist sogar jünger als ich und hat diese Probleme.

Schließlich gab es auch das andere Extrem, nämlich Einladungen zu „Feminine Business Clubs“, wo die Weiblichkeit im Business gefeiert wird. Letztlich habe ich den Beitrag sogar wieder gelöscht, weil die Diskussionen einfach zu bunt wurde und es gar nicht mehr ums Thema ging. Damals habe ich beschlossen, dass sich etwas ändern muss, wenn ich weiterhin ein Unternehmen führen will. Einigen Kunden habe ich die Zusammenarbeit gekündigt, um nicht immer wieder in dieselben Situationen zu geraten. Mit anderen habe ich klare Spielregeln vereinbart, z.B. dass sie wegen finanzieller Themen nur mich kontaktieren können und bei meinem Partner keine Antwort erhalten. Für sexistische Bemerkungen im Alltag habe ich mir das sprichwörtliche dicke Fell wachsen lassen.

So weit, so gut.

Anfang 2022 bin ich schließlich ins IHK-Gremium gewählt worden. Das ist sozusagen das „Parlament der Wirtschaft“, also die Interessenvertretung der Mitgliedsunternehmen der IHK einer Region. Das ist etwas, worauf ich sehr stolz bin, da hier normalerweise nur ältere, etablierte Herren sitzen. Dass eine junge Frau ohne eine „bekannte Familie“ im Hintergrund in dieses Gremium kommt, kommt äußerst selten vor.

Neben vielen Gratulationen bekam ich aber auch direkt zu hören: „Naja, du bist halt ne Frau. Bist ja nur wegen der Quote reingekommen.“ Oder „Die meisten wählen doch sowieso nach Bild auf dem Wahlzettel.“ – Seltsam, dass bei den Männern dagegen immer nur ihr gutes Netzwerk der Grund für die Wahl zu sein scheint!

Larissa, 32

Ich bin 32, alleinerziehende Mutter eines acht Jahre alten Sohns und Executive Producerin im Sport-TV. Trotz meiner frühen, ungeplanten Schwangerschaft habe ich mich in der Sport-TV-Branche sehr erfolgreich hochgearbeitet. Executive Producer in meinem Alter zu sein, ist ungewöhnlich. Ich arbeite in dieser Branche nun schon seit circa 11 Jahren und die Geschichten, die ich als Frau in dieser Branche (TV genauso wie Sport) erzählen könnte, sind schier endlos und sehr unschön. Jeden Tag aufs Neue muss ich kämpfen, mich beweisen oder und vor allem mich wehren.

Ich muss leider sagen, dass ich bei jeder Produktion sexistische Denkweisen zu spüren bekomme. Jetzt ist es natürlich so, dass diese spezielle Sport-TV-Branche bestimmt besonders ‚rückständig‘ ist. Aktuell zum Beispiel arbeite ich bei einer Firma, in der ich in meiner Abteilung die einzige Frau bin. Auf Produktion bin ich eigentlich sowieso immer die einzige Frau, mit höchstens sehr seltenen Ausnahmen.

Bei jedem Projekt und jeder Produktion muss ich aufs Neue verteidigen, wer ich bin und welche Entscheidungen ich treffe. Du sitzt als einzige Frau mit einer rein männlichen Crew zusammen. Der Regisseur ist mindestens 15 Jahre älter. Unabhängig von meiner Kompetenz lässt sich in diesen Konstellationen keiner gerne etwas von mir sagen. Mache ich Ansagen, werden sie immer angezweifelt und selten sofort akzeptiert. Zusätzlich bekomme ich oft Beschwerden, die in Richtung gehen, ich sei „unfreundlich“, „hart“ oder „zu direkt“. But the truth is: Bei den Männern werden diese Verhaltensweisen weder thematisiert, noch als negativ gesehen – sondern als Stärke wahrgenommen. Doch egal wie ich auftrete: kein Mann, egal ob älter oder nicht, lässt sich gerne irgendwas von mir sagen.

Ich hatte schon Produktionen, die katastrophal gelaufen sind, was immer mal mal passieren kann. Bei denen aber niemand meine konstruktiven Ansagen angenommen hat. Regisseure haben mich ignoriert. Die Crew hat „mich vergessen“. Ich musste schon oft meinen Chef reinholen, der eigentlich in seiner Position nichts mehr auf Produktion zu suchen hat, damit er das ganze steuern kann. Zum Glück ist mein Chef über die letzten Jahre auch mein engster Freund geworden. Er ist was das Thema betrifft sehr feinfühlig geworden. Oftmals fallen ihm Dinge diesbezüglich auf, die ihn sowas von auf die Palme bringen – die merke ich schon gar nicht mehr.

Noch eine Kleinigkeit, die nicht selten passiert ist, dass ich auf Produktion komme und man das Frauenklo vergessen hat – selbst wenn der Chef auf dieser Produktion eine Frau ist!

Auch ging das ganze natürlich auch schon öfters ins Übergriffige. Unangenehme Situationen sind häufig gewesen. Du bist als einzige Frau über mehrere Tage irgendwo auf der Welt mit einer männlichen Crew auf Dreh. Man kann sich vorstellen, mit was für Sprüchen ich da schon konfrontiert wurde, und dass ich mich immer wieder unwohl fühle.

Trotzdem: Ich liebe meinen Job – und bin stolz darauf, in dieser Branche als Frau erfolgreich zu arbeiten.

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3 Antworten zu “Sexismus im Job: 2 Frauen erzählen ihre Erfahrungen in männerdominierten Berufen”

  1. Es wird sich auch nichts ändern, wenn sich nicht endlich die Männer emanzipieren von ihren festgefahrenen Rollenbildern, den ganzen Einbildungen und Aberglauben, denen sie sich unterwerfen oder unterworfen werden. Es ist doch total schwach, sich so zu verhalten, immer nur aufs Geschlecht und nicht auf die Kompetenz zu schauen, Frauen als Beute zu betrachten etc. Einfach nur schwach. Diese Meinung habe ich übrigens schon mit 18 vertreten, und das ist fast 40 Jahre her. Meiner Meinung nach muss damit im Elternhaus und in der Kita angefangen werden (und nicht z.B. mein Enkel als Mädchen verspottet werden, weil er lange Haare hat – das Geschlecht als Spottname und die Erzieher*innen sagen NICHTS).

  2. was ist aber mit den berufen, die frauen absolut nicht machen wollen, wie beispielsweise bauarbeiter, allgemein handwerksberufe oder müllmann? wenn es um gleichberechtigung geht, warum sprechen wir immer von der spitze und nicht vom oberen mittelfeld? man ist als weiße frau aus einem guten elternhaus mehr als priviligiert. das standing in der gesellschaft ist da. man bekommt aufmerksamkeit, vetrauen (super wichtig bei wohnungssuche bspw), gut bezahlte jobs und liebe von jeder seite.

  3. bei so diskussionen wird immer zu sehr auf den mann selbst eingerpügelt, als gäbe es nicht männer mit super wichtigen extrem schlecht bezahlten berufen, denen ihr mit euren dating tipps und einem soft life ansatz für immer aus dem weggehen werdet. wer will schon einen extrem netten schlecht bezahlten mann? da muss man als mann ja komplett dumm sein kein chef zu werden. glaubt ihr das? das es für uns männer, selbst aus guten elternhaus, leicht ist, mal viel geld zu verdienen und dabei nicht unser leben komplett auf beschissen umkrempeln müssten?

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