Sexismus-Lexikon: Wieso „Bitch“ für hetero Männer ein absolutes Tabu-Wort ist

26. Juni 2020 von in

Ich weiß, Bitch ist ein tolles Wort. Es geht runter wie Butter. Schließlich muss es ja gar nicht negativ gemeint sein, richtig? Neulich hat ein Bekannter in einer kleinen Runde meine Freundin als Bitch bezeichnet. Die Freundschaft der beiden geht jahrelang zurück. Er nutzte das Wort im positiven Kontext, hatte also nicht vor, sie zu beleidigen. Das wäre ja noch schöner.

Trotzdem lief mir und auch ein paar anderen Frauen in der Runde ein Schauer über den Rücken. Wie immer, wenn ein hetero Mann das Wort benutzt. Uff. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass jemand das Wort benutzte, ohne darüber nachzudenken: „So eine Bitch!“, „You go, Bitch!“. Obwohl man doch eigentlich denken würde, wir wüssten es alle besser, doch: Bitch ist ein sehr beliebtes Wort. Im Alltag, aber auch in der Musik, im Film, im Fernsehen. Insbesondere im englischsprachigen Raum, aber natürlich auch im Deutschsprachigen.

Das Wort Bitch gehört euch nicht

An alle hetero Männer da draußen: Das Wort gehört euch nicht. Es steht euch deshalb nicht zu, weil ihr nicht zu uns gehört. Uns. Diejenigen, die als Bitches bezeichnet wurden und immer noch bezeichnet werden. Ihr seid niemals gemeint, wenn „Bitches“ gemeint sind. Also seid ihr auch nicht befähigt, das Wort selbst zu benutzen. Egal, ob es im positiven oder negativen Kontext gemeint ist. Das ist jetzt vielleicht für ein paar hetero Männer schwer zu akzeptieren. Schließlich meinen viele es ja gar nicht böse. „Wieso dürfen wir das Wort nicht benutzen?“,, wird sich vielleicht jetzt manch einer fragen. Ihr dürftet es selbstverständlich benutzen. Also, wenn euresgleichen über Jahrhunderte als Bitch herabwertend bezeichnet, entmenschlicht und unterdrückt worden wären.

Der Ursprung des Wortes

Mit dem Begriff „Bitch“ wurde schon um 1400 Frauen einer Entmenschlichung unterzogen. Denn übersetzt war vergleichbar eine „läufige Hündin“, also ein geschlechtsreifes oder fruchtbares Tier, gemeint. So wurden Frauen, die als solche bezeichnet wurden, dann auch behandelt. Sie wurden benutzt, vergewaltigt und gesellschaftlich herabgewürdigt. Die Hierarchien waren also klar. Da gab es den Mann, der das Wort benutzte, und die Frau, die damit gemeint war.

Schon schnell schwappte das Wort auch (wie sollte es anders sein) früh ins Christentum über. Der dort damals schon verachtete Sex von hinten – also „Doggy Style“, wie man heutzutage sagt – wurde dort den schwulen Männern zugeschrieben. Homosexuelle Männer wurden deshalb aufgrund ihres Klischees, ausschließlich von hinten Sex haben zu können, ebenso als „Bitches“, also „räudige Hunde“ – also eklig oder schmutzig – bezeichnet. Außerdem spielte natürlich auch hier das Machtgefälle eine große Rolle. Homosexuelle Männer wurden dadurch ebenso herabgewürdigt und entmenschlicht. Sowohl in der Begrifflichkeit, als auch im Umgang mit ihnen.

 

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Skinny Bitch 

Keine Ahnung, ob ihr euch schon mal einen „Skinny Bitch“ in einer Bar bestellt habt. Ich für meinen Teil habe den Drink vor ungefähr acht Jahren gerne getrunken, als der Begriff das erste Mal aufkam. Gemeint ist damit ein Longdrink, der aus Wasser, Wodka und einem Schuss Zitrone besteht. Die Beleidigung ist so alltäglich, so allgegenwärtig, dass sogar ein Drink nach uns benannt wurde. Yay. Dabei ist der „Skinny Bitch“ sogar besonders beleidigend, schließlich greift er uns auf zwei Ebenen an. Da wäre einerseits das Wort Bitch, andererseits das Wort „Skinny“.

In der Kombination macht mich der moderne Name des Longdrinks ganz besonders wütend. Fast alle Frauen in meinem Umfeld hatten schon mal irgendwann im Laufe ihres Lebens eine Essstörung. Mindestens in der Pubertät. Da wir Millenials in einer Zeit aufgewachsen sind, in der „Heroin-Chic“ das Schönheitsideal war. Also heruntergemagerte Frauen, die krank aussehen sollten. Bestenfalls sollten sie knochige Körper haben, Augenringe, sie sollten rauchen und einen ungesunden Lebensstil pflegen, der nicht viel mit Essen zu tun hatte. Und da wundert ihr euch noch, warum wir als Jugendliche fast alle ein gestörtes Essverhalten an den Tag legten? Vielen Dank jedenfalls für den zuckerfreien Longdrink „Skinny Bitch“. Das gibt uns Frauen ein wirklich gutes Gefühl.

You can’t sit with us: Wem das Wort „Bitch“ heute gehört

Der beleidigende Begriff hat eine historische Vergangenheit. Er ist aufgeladen mit vielen negativen Konnotationen, und vor allem aber einem Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Dieses Machtgefälle gilt es, zu zerstören.

Deshalb benutzen wir das Wort noch, doch mit „wir“ meine ich Frauen und Angehörige der LGBTQ+* Community. Also diejenigen, gegen die das Wort in der Vergangenheit gerichtet war, um sie herabzuwürdigen, zu beleidigen, klein zu halten. Stattdessen wollen wir dem Wort heute eine positive Konnotation zuschreiben. Frauen unter Frauen dürfen sich als Bitch bezeichnen. Homosexuelle Männer und trans Menschen ebenso. Das Wort gehört einer Gemeinschaft, die explizit hetero Männer exkludiert, um das Machtgefälle, das historisch geprägt ist, auszuhebeln. Somit kann das Wort „Bitch“ etwas völlig Neues werden. Etwas Bestärkendes. Etwas Gemeinschaftliches. Eine positive Konnotation, die uns aber gleichzeitig nicht vergessen lässt, wo das Wort herkommt.

(*Lesbians, Gays, Bisexuals, Trans, Queer)

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