Short Cut: Heimkommen

7. Oktober 2016 von in

Foto: Léonie Haaf @lehaaf

Unter Short Cut veröffentlichen wir von amazed ab sofort Kurzgeschichten. 

Ich sitze in der Ringbahn Richtung Südkreuz. Meine linke Hand hält sich an meinem riesigen Rucksack fest, als könne er jede Sekunde geklaut werden. Ich fühle mich unwohl und irgendwie albern, in meiner weiten Aladinhose mit orangefarbenen Mandalamustern, unter der ich zwei Leggings trage und drei Pullover übereinander. Vorsichtig nehme ich mit der freien Hand die Ohrringe ab, die die Hand der Fatima formen und ziehe mein iPhone 4 mit zersplittertem Display aus meiner Hosentasche: „Nach Auslandsjahr in Südamerika nicht im Januar zurück nach Berlin kommen“, tippe ich mir in meine Notizen. Ich bin braun gebrannt und zwischen der Masse der Berliner Gesichter bin ich nach einem Jahr Abstinenz plötzlich ein Alien. Meine Kleidung, die ich ein Jahr täglich getragen habe, ist hier falsch. Ich bin der Tourist, der sich dieses scheiß Batikshirt gekauft hat, der es im Urlaub tatsächlich getragen hat und der es zu Hause ein Jahr später auf dem Flohmarkt verkaufen wird. Ich werde den ganzen Inhalt meines Rucksacks ein Jahr später auf dem Flohmarkt verkaufen, all die Tücher mit Mondgesichtern drauf und die handbemalten Armreifen geben mir plötzlich auch nichts mehr. Neukölln, ich steige um und hieve den Rucksack in die U7. Ein Penner will mir eine Zeitung verkaufen, und ich entschuldige mich dafür, dass ich gerade keine Euros in der Tasche habe. Ich kaufe sonst immer die Zeitung von Obdachlosen, die ich anschließend sofort wegschmeiße, weil sie mich eigentlich nicht interessiert. „Kommste vom Urlaub?“, fragt mich ein humpelnder Berliner. „Auslandsjahr. Mexico“, entgegne ich und möchte eigentlich nicht weiter sprechen, da ich seit 18 Stunden wach bin und im letzten Jahr eigentlich andauernd reden musste, und das Schöne an Berlin ist doch, dass man einfach mal die Klappe halten kann. Ich merke, dass der humpelnde Berliner ein Gespräch beginnen möchte, weshalb ich eine Station vor Rathaus Neukölln aussteige und mich durch die arschkalten Straßen nach Hause schleppe. Es ist 23 Uhr.

Ich stehe vor meiner Haustür und klingle. Die Klingel geht immer noch nicht. Das darf doch nicht wahr sein, wie kann Magda es in einem Jahr nicht geschafft haben, die Klingel reparieren zu lassen, denke ich mir und schreibe ihr auf WhatsApp, sie soll die verdammte Tür aufmachen, und drei Minuten später gewährt mir ein Summen Einlass. Vier Stockwerke später werfe ich meinen Rucksack in den Gang der kleinen Wohnung an der Sonnenallee. Es riecht nach einer Mischung aus modrigem Holz und Vanille, wie immer. Magda sitzt am Küchentisch, und bevor ich mich zu ihr setze, streife ich meine bordeauxfarbenen Pullover ab, ersetze meine Aladinhose mit einer Jogginghose, ziehe mir einen schwarzen Hoodie über und schlüpfe in die leicht verstaubten Adiletten. Ich setze mich in die Küche zu Magda, die bereits zwei Sternis mit dem kaputten Feuerzeug geöffnet hat, das seit acht Jahren unser Flaschenöffner ist. „Lange Haare hast du bekommen“, sagt sie, „du auch“, sage ich und Magda lässt „Leave House“ von Caribou spielen. Ein Song, den wir vor zwei Jahren den Sommer über gefeiert haben und den jetzt keine Sau mehr hören kann. Aber ich weiß, dass es nett gemeint ist. Ich lehne mich zurück und trinke mein Sterni. „Willst du einen rauchen?“. Die Wohnung ist dunkel und kalt, die Küche eigentlich viel zu klein aber wir zahlen so wenig Miete, dass wir es nie geschafft haben, woanders hinzuziehen. Nach zwei Sternis, einem Joint und sechs Songs von Caribou nimmt Magda meine Hand, streichelt sie, küsst meinen kleinen Finger, der seit meinem achten Lebensjahr taub ist. „Schön, dass du zurück bist“, sagt sie und, also was ich damit sagen will, ist: Das war wahrscheinlich der schönste Tag meines Lebens.

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8 Antworten zu “Short Cut: Heimkommen”

  1. Schöne Kurzgeschichte liebe Amelie! So realistisch Berlin-grau und -anonym und gleichzeitig mit ganz viel Wärme. Mag ich, gerne mehr davon! :)
    Alles Liebe aus Hamburg und habt einen guten Start ins Wochenende!
    Nori

  2. Ich finde, dass ist wirklich eine tolle Idee, diese neue Kategorie – mal was anderes!
    Und die erste Geschichte ist wirklich schön :)
    Ich freue mich auf die weiteren!

    Liebe Grüße,
    Johanna

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