Short Cut: Gartenarbeit

6. Dezember 2016 von in

Foto: Unsplash.com/Neslihan Gunaydin

Die Gartenharke saust hinab. Erde wird aufgewirbelt. Das Unkraut rausgerissen. Lieblos landet es neben meiner Mutter. Dann hakt sie nochmal ein. Wieder fliegen ein paar Grashalme auf die Terrasse. Sie ist wütend. Mehr als das. Doch sie sagt es nicht. Ich liege eingemummelt auf der Sonnenliege. Die Frühlingssonne ist noch schwach.

Geflüchtet bin ich. Ja, so könnte man es sagen. Zumindest stelle ich mir so eine Flucht vor. Ich habe in Sekunden meine sieben Sachen gepackt, bin raus aus der Wohnung gestürmt, ins erstbeste Taxi und  am Kölner Hauptbahnhof in den Zug gestiegen, mit zerzausten Haaren und verlaufener Schminke. Nur noch weg. Zurück in die Einöde, nach Kleinblistersdorf. Kennt kein Mensch. Aber von dort komme ich. Hier ist meine Heimat. Hier leben meine Mutter, meine Oma, selbst die Nachbarn sind noch immer die selben. Genauso wie das Haus, der Garten, und diese Sonnenliege aus den 80er-Jahren. Die gelbliche Auflage ist längst verblasst, doch das ist mir egal. All das hier ist gerade meine Rettung, mein Auffangnest. Also liege ich hier. Seit heute Morgen. Oder ist es vielleicht schon der dritte Morgen in Folge? Ich habe keinerlei Zeitgefühl mehr. Ich heule. Ich schlafe. Und ich beobachte meine Mutter, wie sie Unkraut zupft.

Eine Amsel landet auf dem Vogelhäuschen neben mir. Sie will die letzten Krumen Vogelfutter aufpicken. Nachgefüllt wird nicht mehr, wir haben schließlich Anfang April. Da ist meine Mutter streng. „Sonst sterben die kleinen Tierchen“, höre ich sie seit Kindheitstagen sagen. Die Amsel blickt mich an. Ihr Kopf kippt hin und her. Ein letzter fast mitleider Blick, dann pickt sie los.
Ich sehe wahrscheinlich auch bemitleidenswert aus. So eingekapselt in der beigen Plüschdecke, im Micky-Mouse-Pyjama von C&A, den ich in meinem alten Kinderzimmer gefunden habe. Denn auf meiner Flucht habe ich natürlich vergessen, den Schlafanzug einzupacken. Aber was soll man auch machen, wenn man den eigenen Freund, dessen Name Paul ist, aber ich will ihn gar nicht aussprechen, weil ich wütend und gleichzeitig so traurig bin, erwischt. Mit einer anderen. Mit Birgit. Ausgerechnet Birgit. Ich schluchze auf. Meine Mutter dreht sich um.“Ist alles in Ordnung, Schatz?“ „Ja, ja“, gluckse ich, Tränen vermischen sich mit Lethargie. Meine Mutter steht auf, kommt auf mich zu, die Gartenharke im Arm. „Schatz“, sagt sie. Dann umarmt sich mich, Erde bröselt auf die Sonnenliege. Ich heule wie ein Schlosshund. „Es geht schon wieder“, murmle ich, als mir die Nähe zu viel wird. Ich wische meine Tränen aus dem Gesicht. „Er fehlt mir nur.“ „Das dauert auch noch“, sagt meine Mutter. Mit ihren von der Erde dreckigen Fingern streicht sie mir durchs Haar. Ich fühle mich wieder wie neun. Das tut gut. Meine Mutter drückt mich, dann seufzt sie, dreht sich wieder um, geht zum Beet. Die Gartenhake saust wieder hinab. Ich höre sie „Mistkerl“ murmeln. Ihr Wut entlädt sich in der Erde.

Paul kann so froh sein, nicht hier zu sein, denke ich – und muss fast lachen. Die Vorstellung, dass meine Mutter Paul… Da würgt es mich fast: Denn Paul ist nicht da. Im Gegenteil, er ist auch geflüchtet. Sitzt im Flugzeug, auf dem Weg in den Urlaub. Mit Birgit. „Ich muss mal raus, über alles nachdenken, du weißt schon.“ Nachdenken also. So nennt man das. „ICH muss nachdenken“, habe ich ihm in unserem letzten Telefonat noch an den Kopf gepfeffert.

Gott, wie ich ihn hasse, und vermisse. Apathisch blicke ich wieder in die Luft. Die Amsel hat mittlerweile fertig gepickt, hüpft von Ast zu Ast. Frei wie ein Vogel. Ha, schon wieder muss ich fast hysterisch lachen. Wie oft will man frei wie ein Vogel sein. „Willkommen in deinem neuen Leben“, schreit mir die Amsel mit ihrem Gesang förmlich entgegen. Ich bin jetzt auch frei. Doch so richtig frei fühle ich mich nicht. Ich will gar nicht frei sein. Ich will zurück. In die Kölner Altbauwohnung. Mit Paul kochen, streiten und mich über seine tausende von Schallplatten aufregen, die überall umherfliegen. Ja, ich würde sogar in den dummen Pauschalurlaub, in den Paul gerade fliegt. Im Bikini würde ich jetzt sogar gut aussehen. Ich habe endlich die verflixten fünf Kilo abgenommen. Denn an Essen habe ich die letzten Tage kaum gedacht. Danke Paul, du Arsch!

Ich ziehe die Nase hoch. Mein Kopf dröhnt. Ich fühle mich krank. Das Vogelgezwitscher und die Sonne gehen mir auf den Keks. Ekelhaft ist das, denke ich. Regen wäre jetzt so viel passender. Meine Mutter reißt mich aus den Gedanken, sie kommt auf mich zu. „Kind, ich mach uns jetzt was zu essen, du musst schließlich essen.“ Sie legt die Gartenhake auf den Tisch, klopft die Erde aus den Klamotten. Wenig später höre ich sie in der Küche hantieren.

Essen. „Puh“, denke ich und stehe auf. Meine Beine schmerzen, so verkrampft habe ich sie die letzten Stunden. Heulen ist aber auch ne beschissene Angelegenheit. Mein Herz wird schon wieder wütend. Rein aus dem Reflex greife ich die Gartenharke, Sekunden später kauere ich schon am Boden am Beet. Und einmal für P. Ich hake in die Erde. Einmal für A. Für U. Und für L. Die Erde fliegt nur so um mich herum, das Unkraut landet neben mir.

Ich atme tief durch. Von vorne. Langsam löst sich der Krampf. Tatsächlich, auf einmal kann ich meine Mutter verstehen. Gartenarbeit hat etwas mediatives. Und die Hake schwingt erneut ins Beet.

 

 

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2 Antworten zu “Short Cut: Gartenarbeit”

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